Google schickt KI-Chips ins All. Der Grund ist der Strom
Am 1. Oktober startet Googles erster Test für Rechenzentren im Orbit. Ein Solarpanel liefert dort bis zu achtmal mehr Strom. Warum das Konzept trotzdem Jahre von der Wirtschaftlichkeit entfernt ist, und was es mit dem Schweizer Netzanschluss zu tun hat.

Am Donnerstagabend um 20.18 Uhr Schweizer Zeit öffnet an der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien das Startfenster für eine Falcon 9 von SpaceX. An Bord ist ein Satellit, den SpaceX als «Project Suncatcher M1» führt. Er trägt Googles eigene KI-Chips und soll zeigen, ob sie den Start, die Strahlung und die Temperaturschwankungen im All verkraften.
Dahinter steht eine Rechnung, die Google im November 2025 veröffentlicht hat: Im niedrigen Erdorbit liefert ein Solarpanel bis zu achtmal mehr Strom als am Boden. Am Boden kann dagegen allein der Netzanschluss eines Rechenzentrums Jahre dauern, auch in der Schweiz.
Das Wichtigste in Kürze
Am Donnerstag, 1. Oktober 2026, soll eine Falcon 9 von SpaceX in Kalifornien einen Testsatelliten von Google in die Umlaufbahn bringen. An Bord sind Googles eigene KI-Chips, die Tensor Processing Units. Das Projekt heisst Suncatcher und soll klären, ob sich Rechenzentren im All betreiben lassen. Googles Begründung ist der Strom: Im niedrigen Erdorbit liefert ein Solarpanel laut Google bis zu achtmal mehr Energie als am Boden. Konkurrenzfähig mit einem Rechenzentrum auf der Erde könnte das nach Googles eigener Rechnung frühestens Mitte der 2030er-Jahre werden. In der Schweiz brauchen Rechenzentren heute 3,6 Prozent des Landesverbrauchs.
Dasselbe Solarpanel. Im Orbit bis zu achtmal so viel Strom.
Im niedrigen Erdorbit scheint fast ständig die Sonne, es gibt keine Wolken und keine Atmosphäre, die Licht schluckt.

Die Grafik zeigt dasselbe Solarpanel an zwei Orten. Auf dem Dach füllt es eine Batterie, im Orbit bis zu acht. Die Technik ist dieselbe, den Unterschied macht allein der Ort.
Bemerkenswert ist, wo Google ansetzt. Der Konzern sucht die Lösung für seine KI beim Strom und nimmt dafür Raketenstarts und Strahlung in Kauf. Das sagt einiges darüber, wo er den Engpass sieht: bei der Energie, die ein Rechenzentrum braucht.
Für Schweizer Entscheider gehört der Faktor acht vorerst in die Strategie und noch nicht ins Budget. Nach Googles eigener Rechnung wird der Orbit frühestens Mitte der 2030er-Jahre konkurrenzfähig, und auch das nur, wenn die Startkosten stark fallen. Bis dahin entscheidet über neue Rechenleistung, wer am Boden schneller ans Netz kommt.
Was am Donnerstag startet
SpaceX führt die Mission unter dem Namen Transporter-18. Das Startfenster öffnet um 11.18 Uhr Ortszeit, Reservetag ist der 2. Oktober. Angemeldet hat den Satelliten der Betreiber Planet Labs, der ihn mit Google entwickelt hat. An Bord sind Tensor Processing Units, dieselben Chips, die Leitgrad als möglichen Ausweg aus der Nvidia-Abhängigkeit der Schweizer KI beschrieben hat.
Google selbst schreibt nur von «nächster Woche» und nennt das Ziel: Daten darüber sammeln, wie die Chips den Start, die Strahlung und die Temperaturschwankungen im All verkraften. Der Flug in den niedrigen Orbit dauert rund zehn Minuten. Der Satellit erfährt dabei bis zum Zehnfachen der Erdbeschleunigung, einzelne Bauteile wie die Chips bis zum 50- bis 100-Fachen. In einem Protonenstrahl der University of California in Davis hätten die Chips eine Strahlendosis überstanden, die grösser sei als jene einer fünfjährigen Mission. Gekühlt wird über Wärmerohre und Radiatoren, denn im Vakuum gibt es keine Luft, die Wärme abführt.
Laut der New York Times, auf die sich mehrere Fachmedien berufen, ist der Satellit etwa so gross wie ein Kühlschrank. Er trägt vier Chips und hat rund ein Kilowatt Leistung, etwa so viel wie ein einzelner Server. Die Verbindung mehrerer Satelliten per Laser will Google erst 2027 mit zwei Satelliten testen.
Warum ausgerechnet der Orbit
Die Idee steht in einer Forschungsarbeit, die Google im November 2025 veröffentlicht hat. Sie beschreibt beispielhaft einen Verbund aus 81 Satelliten in 650 Kilometern Höhe. Sie fliegen in einem Radius von einem Kilometer, nur 100 bis 200 Meter voneinander entfernt. So nah beieinander könnten sie per Laser Daten mit Dutzenden Terabit pro Sekunde austauschen; im Labor erreichte Google 1,6 Terabit.
Die Rechnung hängt an den Startkosten und an einer Schwelle von 200 Dollar pro Kilogramm. Fallen die Kosten bis Mitte der 2030er-Jahre darunter, wären Start und Betrieb nach Googles Schätzung pro Kilowatt und Jahr ungefähr so teuer wie der Strom für ein vergleichbares Rechenzentrum auf der Erde.
Google ist nicht allein. Das von Nvidia unterstützte Start-up Starcloud hat laut CNBC im Dezember 2025 einen Nvidia-Chip im Orbit betrieben und dort ein kleines Sprachmodell trainiert. Blue Origin hat laut GeekWire bei der US-Fernmeldebehörde ein Netz von bis zu 51 600 Satelliten beantragt.
Was dagegen spricht
Das grösste Problem ist die Wärme, im Orbit wie schon am Boden. Die Fachzeitschrift IEEE Spectrum rechnet vor, dass ein einzelner Nvidia-Chip mit 700 Watt rund 1,4 Quadratmeter Radiatorfläche bei 60 Grad braucht. Ein Rechenzentrum mit 100 Megawatt bräuchte 2500 Radiatoren von je 80 Quadratmetern. Dazu kommen Weltraumschrott und die Verzögerung bei der Datenübertragung, die das Training grosser Modelle erschwert. Eine Studie vom Juli 2026 hält Anwendungen im Orbit für denkbar, das Training grosser Sprachmodelle aber kaum für konkurrenzfähig.
Google selbst dämpft die Erwartungen. James Manyika, bei Google für Forschung zuständig, sagte der New York Times, man erwarte in den nächsten Jahren nichts, was sinnvoll in Betrieb sei. Fachleute, die Reuters befragte, sehen das Konzept Jahre von der Wirtschaftlichkeit entfernt.
Was das mit der Schweiz zu tun hat
Suncatcher ist eine Antwort auf ein Problem, das die Schweiz gut kennt: Rechenleistung ist schnell gebaut, Strom und Netzanschluss nicht. Die Schweizer Rechenzentren brauchten 2024 knapp 2,1 Terawattstunden, 3,6 Prozent des Landesverbrauchs. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich erhielten in fünf Jahren über hundert Anschlussanfragen von Rechenzentren. Neue Leitungen und Unterwerke können laut Axpo selbst ohne Einsprachen vier Jahre und mehr dauern.
Für Schweizer Firmen ändert der Start am Donnerstag vorerst nichts. Wer heute Rechenleistung plant, plant sie am Boden, und dort entscheidet der Netzanschluss. Interessant wird der Test für eine andere Frage: ob die Chips im All überhaupt funktionieren. Die Antwort liefert Google in den nächsten Monaten.
Methode
Startdatum, Rakete, Startplatz und Partner sind durch SpaceX und Google belegt. Grösse, Zahl der Chips und Leistung des Satelliten stammen aus der New York Times, zitiert von Engadget und SiliconANGLE; Google nennt sie selbst nicht. Die Zahlen zu Solarertrag, Konstellation und Kosten stammen aus Googles Forschungsblog vom 4. November 2025. Die Angaben zum Schweizer Stromverbrauch stammen aus der Studie des Bundesamts für Energie vom Mai 2026, jene zu EKZ und Axpo aus einer Recherche von AlgorithmWatch Schweiz. Der Faktor acht ist ein Höchstwert; wie viel ein Panel am Boden liefert, hängt stark vom Standort ab.
Was im Themenvorschlag anders stand: Von «einigen Monaten» Betrieb schreibt keine der geprüften Quellen, die Fachpresse nennt eine Mission von rund einem Jahr. Das Datum 1. Oktober stammt von SpaceX, nicht von Google.
Quellen
- Google, «Behind Project Suncatcher», 24. September 2026 blog.google
- Google Research, «Exploring a space-based, scalable AI infrastructure system design», 4. November 2025 research.google
- SpaceX, Transporter-18 spacex.com
- Planet Labs, Mitteilung vom 4. November 2025 planet.com
- Engadget und SiliconANGLE, 24. September 2026, mit Angaben der New York Times engadget.com · siliconangle.com
- Inc. zur Aussage von James Manyika, 24. September 2026 inc.com
- Reuters, 24. September 2026 Reuters, via 933thedrive.com
- CNBC zu Starcloud, 10. Dezember 2025; GeekWire zu Blue Origin, 21. März 2026 cnbc.com · geekwire.com
- IEEE Spectrum, 1. Juli 2026; van Berkel, Preprint vom 15. Juli 2026 spectrum.ieee.org · arxiv.org
- AlgorithmWatch Schweiz zu Rechenzentren und Netzanschlüssen, 16. November 2025 algorithmwatch.ch
US-Trends · Die Kolumne
Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil
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