OpenAI ist mehr wert als Roche, Novartis, Nestlé und ABB zusammen
Investoren bieten für OpenAI über 1200 Milliarden Dollar. Die vier grössten Schweizer Konzerne kommen zusammen auf rund 1040. Warum der Vergleich hinkt und was er trotzdem zeigt.

Investoren sind an OpenAI mit einem Angebot herangetreten, das die Firma mit über 1200 Milliarden Dollar bewertet. Roche, Novartis, Nestlé und ABB, die vier einzigen Schweizer Konzerne unter den hundert wertvollsten der Welt, bringen zusammen rund 1040 Milliarden auf die Waage. Der Vergleich hinkt, und genau deshalb lohnt er sich.
Das Wichtigste in Kürze
Nach Bloomberg und Financial Times führt OpenAI frühe Gespräche über eine Finanzierungsrunde zu über 1,2 Billionen Dollar. Die New York Times berichtet, OpenAI halte 1,5 Billionen für angemessen. Nichts ist abgeschlossen, keine Investoren sind genannt. Die letzte tatsächlich bezahlte Bewertung lag im März 2026 bei 852 Milliarden. OpenAI erzielte 2025 einen Umsatz von 13,1 Milliarden Dollar bei einem operativen Verlust von 20,9 Milliarden; die annualisierte Umsatzrate lag im August 2026 bei über 40 Milliarden. Sam Altman hat einen Börsengang 2026 ausgeschlossen. Ein Datum für 2027 hat er nicht genannt.
OpenAI: 1200 Milliarden. Die vier grössten Schweizer zusammen: 1040.
Verhandelte Bewertung gegen Börsenwerte, in Milliarden Dollar, Stand 16. September 2026. Zwei Grössen, die nicht dasselbe messen, siehe Methode.

Was tatsächlich verhandelt wird
Bloomberg meldete am 15. September, OpenAI führe frühe Gespräche über eine Kapitalerhöhung, die das Unternehmen mit mehr als 1,2 Billionen Dollar bewerten würde. Bemerkenswert ist die Richtung: «The talks were initiated by investors». Nicht die Firma sucht Geld, das Geld sucht die Firma.
Die New York Times berichtet, OpenAI halte dem eine eigene Vorstellung entgegen: mindestens 1,5 Billionen. Zwischen den beiden Zahlen liegen 300 Milliarden Dollar, ungefähr der Börsenwert von Procter & Gamble. Ob es sich um Pre- und Post-Money handelt oder schlicht um zwei Verhandlungspositionen, ist offen.
Einordnen lässt sich das an der letzten Transaktion, die wirklich stattgefunden hat. Am 31. März 2026 schloss OpenAI eine Primärrunde über 122 Milliarden Dollar zu einer Bewertung von 852 Milliarden ab, mit Amazon, Nvidia und SoftBank als Ankerinvestoren. Im August folgte ein Mitarbeiterverkauf über 7 Milliarden zur selben Bewertung. 1,2 Billionen wären ein Aufschlag von 41 Prozent in einem halben Jahr, 1,5 Billionen einer von 76 Prozent.
Die Zahlen dahinter
Was OpenAI verdient, weiss die Öffentlichkeit nur, weil Unterlagen durchgesickert sind. Die Financial Times verifizierte im Juni 2026 den Abschluss 2025: 13,07 Milliarden Dollar Umsatz, 34 Milliarden Kosten, 20,9 Milliarden operativer Verlust. Im ersten Quartal 2026 verbrannte das Unternehmen nach Berichten von The Information 3,7 Milliarden bei 5,7 Milliarden Umsatz, mehr als die Hälfte.
Die annualisierte Umsatzrate lag im August 2026 laut Bloomberg bei über 40 Milliarden Dollar, etwa eine Verdoppelung gegenüber dem Jahresende. Bei 1,2 Billionen Bewertung entspricht das rund dem Dreissigfachen des Umsatzes. Roche, Novartis und Nestlé werden mit dem Zwei- bis Vierfachen bewertet.
Eine Zahl, die derzeit durch die Berichterstattung geistert, stimmt nicht: 200 Millionen Firmenkunden hat OpenAI nicht. Belegt sind rund eine Million Geschäftskunden (Stand November 2025) und neun Millionen bezahlte Business-Arbeitsplätze (Februar 2026). Die eine Milliarde bezieht sich auf wöchentlich aktive ChatGPT-Nutzer, überwiegend Gratisnutzer. Ein Ziel übrigens, das OpenAI rund sieben Monate später erreichte als geplant.
Wo die Schweizer Konzerne heute stehen
Das EY-Ranking der hundert wertvollsten börsenkotierten Unternehmen führt per 30. Juni 2026 vier Schweizer Firmen: Roche auf Rang 45 mit 328,5 Milliarden Dollar, Novartis auf 57 mit 286,8, Nestlé auf 66 mit 264,5 und ABB als Neueinsteiger auf 99 mit 196,6 Milliarden.
Seither hat sich einiges verschoben. Roche legte rund 10 Prozent zu, Novartis und Nestlé verloren je rund 8 Prozent. Der Grund bei Novartis ist datierbar: Am 8. September verfehlte die Phase-III-Studie HARBOR mit Del-Desiran gegen myotone Dystrophie ihren primären Endpunkt, einen Tag nach einem Rückschlag bei Pelacarsen. Die Aktie schloss 10,9 Prozent tiefer, der Börsenwert sank um rund 24 Milliarden Franken, nach Auswertung der Agentur AWP der grösste Tagesverlust der Firmengeschichte, deutlich über den 17 Milliarden beim Ende des Euro-Mindestkurses 2015.
Zusammengezählt kommen die vier auf rund 1040 Milliarden Dollar. Das ist weniger als das, was Investoren für OpenAI bieten.
Warum der Vergleich hinkt und was er trotzdem zeigt
Eine Marktkapitalisierung entsteht aus fortlaufendem Handel zwischen vielen anonymen Parteien. Eine private Bewertung entsteht aus einer einzigen Verhandlung mit wenigen: Man nimmt den Preis der neu ausgegebenen Aktie und multipliziert ihn mit allen Aktien. Das ist eine Hochrechnung, kein Marktpreis.
Wie gross der Unterschied ist, haben William Gornall (University of British Columbia) und Ilya Strebulaev (Stanford) an 135 Unicorns durchgerechnet. Ergebnis: Die ausgewiesenen Bewertungen liegen im Schnitt rund 50 Prozent über dem fairen Wert. Der Grund ist technisch, aber entscheidend: Die Schlagzeilenzahl bepreist Vorzugsaktien mit Schutzrechten (Liquidationspräferenzen, Renditegarantien, Vetorechte) und überträgt diesen Preis dann auf die ungeschützten Stammaktien von Gründern und Mitarbeitenden. Stammaktien sind nach dieser Rechnung um 58 Prozent überbewertet. 65 der 135 untersuchten Firmen verlieren nach der Bereinigung den Unicorn-Status.
Dazu kommt die Publizität. Roche, Novartis und Nestlé legen geprüfte Abschlüsse vor und unterliegen der Ad-hoc-Pflicht. OpenAI muss nichts veröffentlichen; was wir wissen, stammt aus Leaks. Und OpenAIs Kapitalstruktur ist ungewöhnlich: Die OpenAI Foundation hält rund 26 Prozent mit Sonderstimmrechten, Microsoft rund 27 Prozent, dazu läuft eine Umsatzbeteiligung bis 2032.
Was der Vergleich dennoch zeigt: die Grössenordnung und was eingepreist wird. In den 1040 Milliarden der vier Schweizer Konzerne steckt ein Jahrhundert Cashflow, in den 1200 Milliarden eine Erwartung.
Was daraus folgt
Für Schweizer Unternehmen ist die praktische Frage nicht, ob OpenAI zu hoch bewertet ist. Sie lautet, was passiert, wenn diese Erwartung korrigiert wird. Der 14. September hat gezeigt, wie das aussieht: Ein Blogeintrag über langsamere KI-Entwicklung genügte, und Comet, VAT und Inficon verloren zwischen 6,6 und 8,9 Prozent (unsere Auswertung).
Wer in der Lieferkette hängt, sollte wissen, wie viel des eigenen Auftragsbestands an dieser einen Erwartung hängt. Das lässt sich ausrechnen, im Gegensatz zur Bewertung.
Methode
Die Grafik stellt eine verhandelte private Bewertung neben Börsenwerte. Das sind nicht dieselben Grössen: Die 1200 Milliarden sind ein Angebot in einer laufenden Verhandlung, hochgerechnet auf alle Aktien; die Schweizer Werte entstehen aus täglichem Handel. Wir zeigen sie trotzdem nebeneinander, weil die Grössenordnung der Befund ist, und weisen die Einschränkung hier aus. Die Schweizer Werte sind aktuelle Marktkapitalisierungen vom 16. September 2026, nicht die EY-Werte vom 30. Juni. Bei Roche weichen die Datenanbieter um rund 3 Prozent voneinander ab, weil die Firma Inhaberaktien und Genussscheine hat. Die Angabe «200 Millionen Firmenkunden» kursiert in Zusammenfassungen, ist aber in keiner Primärquelle gedeckt. «Altman verschob den Börsengang auf 2027» ist eine Interpretation: Er schloss 2026 aus, mehr nicht. Der Nettoverlust von 38,5 Milliarden Dollar für 2025, den einzelne Medien nennen, lässt sich gegenüber dem operativen Verlust von 20,9 Milliarden nicht auflösen; wir nennen deshalb nur den operativen Wert.
Quellen
- Bloomberg vom 15. September 2026 zur Finanzierungsrunde über 1,2 Billionen Dollar; New York Times zur Gegenforderung von 1,5 Billionen bloomberg.com · nytimes.com
- OpenAI, Mitteilung vom 31. März 2026 zur Runde über 122 Milliarden Dollar bei 852 Milliarden Bewertung openai.com
- Financial Times vom 16. Juni 2026 zum verifizierten Abschluss 2025; The Information zum Mittelabfluss im ersten Quartal 2026 theinformation.com · ft.com
- Bloomberg, August 2026, zur annualisierten Umsatzrate von über 40 Milliarden Dollar bloomberg.com
- OpenAI, Mitteilungen vom 5. November 2025 (eine Million Geschäftskunden) und 31. August 2026 (über eine Milliarde wöchentlich aktive Nutzer) openai.com · openai.com
- Axios vom 12. September 2026 zu Altmans Aussagen im Fortune-Interview axios.com
- EY Schweiz, Marktkapitalisierungs-Analyse, Medienmitteilung vom 3. Juli 2026, Stichtag 30. Juni 2026 ey.com
- AWP, 20 Minuten und Bilanz vom 8. September 2026 zum Kursverlust von Novartis 20min.ch · bilanz.ch · finanzen.ch
- Gornall und Strebulaev: «Squaring Venture Capital Valuations with Reality», NBER Working Paper 23895, publiziert im Journal of Financial Economics nber.org
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