Ein Blogeintrag aus San Francisco, und Flamatt verliert 8,9 Prozent
Dario Amodei forderte, das Tempo bei KI-Modellen zu drosseln. Zwei Tage später verloren Comet, VAT und Inficon zwischen 6,6 und 8,9 Prozent, während der SMI im Plus schloss.

Am Montag schloss der Swiss Market Index 0,75 Prozent höher. Am selben Tag verlor die Comet Holding in Flamatt 8,9 Prozent, die VAT Group in Haag 7,7 Prozent, Inficon in Bad Ragaz 6,6 Prozent. Drei Gemeinden mit zusammen keinen 15’000 Einwohnern hatten den schlechtesten Börsentag des Jahres, während der Index stieg. Ausgelöst hat das ein Blogeintrag, der zwei Tage zuvor in San Francisco erschienen war.
Das Wichtigste in Kürze
Am 12. September forderte Anthropic-Chef Dario Amodei in einem Blogeintrag, das Tempo bei den leistungsfähigsten KI-Modellen zu drosseln. Sam Altman und Elon Musk stimmten noch am selben Tag zu, je für sich. Am Montag, dem 14. September, reagierten die Börsen: SoftBank zeitweise minus 13 Prozent, Chipwerte in den USA 5 bis 7 Prozent tiefer. In der Schweiz traf es nicht die KI-Firmen, sondern die Zulieferer der Chipindustrie: Comet, VAT und Inficon verloren zwischen 6,6 und 8,9 Prozent. Der SMI schloss trotzdem im Plus, getragen von Roche, Nestlé und Novartis. Diese drei Firmen verkaufen keine künstliche Intelligenz. Sie verkaufen die Ausrüstung, mit der die Chips dafür hergestellt werden, und hängen damit direkter am Investitionszyklus als jedes Schweizer KI-Startup.
Der Index stieg um 0,75 Prozent. Flamatt verlor 8,9.
Kursveränderungen vom Montag, 14. September 2026, Schlusskurse an der SIX. Beschriftet sind die Standorte der drei Zulieferer, nicht die Firmennamen.

Was Amodei geschrieben hat
Der Text erschien am 12. September auf Amodeis persönlicher Website. Sein Kernsatz: «We must slow the pace at which we improve the capabilities of AI models. Progress will still seem fast, and we must make wise use of the time we gain.» Die Begründung: Die Fähigkeiten der Modelle wüchsen schneller als die Fähigkeit der Branche, Agenten zu überwachen, die selbstständig Sicherheitslücken finden und Werkzeuge verketten können.
Amodei schlägt drei Dinge vor. Erstens externe Prüfer mit mitarbeiterähnlichem Zugang zu den Modellen. Dazu verpflichte sich Anthropic einseitig. Zweitens gemeinsame Sicherheitsstandards der demokratischen Labore, ausdrücklich einschliesslich «limits on the rate of unchecked AI progress», kartellrechtlich moderiert durch die US-Regierung. Drittens Koordination auch mit autoritären Staaten, etwa bei Anwendungen im Bereich Biowaffen.
Noch am selben Tag antwortete Sam Altman auf X: «I agree with Dario that we need to pace the frontier. This has been a primary topic of discussions we’ve had at OpenAI in recent weeks.» Elon Musk schrieb drei Worte: «Dario is right.» Es war keine gemeinsame Erklärung und kein abgestimmter Auftritt. Es waren drei Männer, die innerhalb weniger Stunden dasselbe sagten. Das genügte.
Dazu kam eine zweite Nachricht. Altman erklärte gegenüber «Fortune», ein Börsengang von OpenAI im Jahr 2026 sei nicht angebracht; es gebe derzeit zu viel zu tun, besonders bei der Sicherheit. Abgesagt ist der Börsengang damit nicht, verschoben schon.
Was am Montag geschah
SoftBank, der grösste börsenkotierte Einzelwetteinsatz auf den KI-Ausbau, fiel zeitweise um 13 Prozent, der stärkste Rückgang seit Mitte Juli. In den USA verloren Marvell, Intel, Micron und SanDisk zwischen 5 und 7 Prozent.
In der Schweiz sortierte sich der Markt an diesem Tag entlang einer klaren Linie. Oben standen die defensiven Schwergewichte: Roche plus 5,0 Prozent, Nestlé plus 2,1, Novartis plus 1,7. Sie allein trugen den SMI auf 13’878,54 Punkte, ein Plus von 103,27 Punkten oder 0,75 Prozent. Unten standen die Industriewerte mit Bezug zur Chipfertigung: Comet minus 8,9 Prozent, VAT minus 7,7, Inficon minus 6,6, ABB minus 4,1 Prozent auf 75,44 Franken. Ausserhalb der Halbleiterkette traf es Belimo mit minus 9,2 Prozent, Accelleron mit minus 5,9 und Huber+Suhner mit minus 5,0.
Ein Hinweis zur Einordnung, den mehrere Schweizer Medien an diesem Tag unterliessen: ams-Osram wird regelmässig zu den «Schweizer KI-Aktien» gezählt. Die ams-OSRAM AG hat ihren Sitz in Premstätten in der Steiermark und ist in der Schweiz kotiert, nicht ansässig.
Warum es diese drei trifft
Die VAT Group in Haag, politisch Gemeinde Sennwald im St. Galler Rheintal, baut Hochleistungs-Vakuumventile. Chips entstehen in Hochvakuum-Prozesskammern, und jede Kammer braucht Ventile. VAT hält bei Vakuumventilen für die Chipfertigung einen Weltmarktanteil von rund 75 Prozent; rund drei Viertel des Ventilumsatzes stammen aus der Halbleitersparte. Die Aktie ist damit fast ein reiner Hebel auf den Investitionszyklus der Chipindustrie.
Inficon in Bad Ragaz liefert die Messtechnik dazu: Lecksucher, Vakuum-Messgeräte, Massenspektrometer, Prozesskontrollsoftware. Das Geschäft hängt daran, dass Fabriken ihre Prozesse überwachen müssen, also an deren Auslastung und an jedem Neubau.
Comet in Flamatt, politisch Gemeinde Wünnewil-Flamatt im Sensebezirk, baut Vakuumkondensatoren und Hochfrequenzkomponenten für Plasmaanlagen, mit denen Wafer strukturiert werden. Daneben betreibt die Firma mit Yxlon die zerstörungsfreie Prüfung für Automobil, Luftfahrt und Sicherheitstechnik.
Der gemeinsame Nenner: Keine der drei verkauft künstliche Intelligenz. Alle drei verkaufen die Ausrüstung, mit der die Chips dafür gebaut werden. Sie sitzen damit am volatilen Ende der Kette. Wer Chips herstellt, hat Verträge über Jahre. Wer die Maschinen für die Fabrik liefert, spürt jede Verschiebung eines Investitionsentscheids sofort. Und ein Aufruf, das Tempo zu drosseln, ist genau das: die Ankündigung möglicher Verschiebungen.
Was daraus folgt
Ein Börsentag ist keine Prognose. Was er zeigt, ist die Struktur der Abhängigkeit, und die ist für die Schweiz unbequem: Das Land hat keine nennenswerte KI-Industrie, aber drei börsenkotierte Firmen in Dörfern, deren Umsatz am amerikanischen Rechenzentrumsausbau hängt. Steigt der Ausbau, steigen sie überproportional. Bremst er, fallen sie überproportional. Beides, ohne dass in der Schweiz eine Entscheidung fällt.
Für Unternehmen mit Zulieferverträgen in dieser Kette ist die praktische Frage nicht, ob Amodei recht hat. Sie lautet, wie lang die eigenen Auftragsbücher reichen und wie viel Umsatzanteil an einer einzigen Nachfragequelle hängt. Die Antwort darauf steht in keinem Blogeintrag aus San Francisco.
Methode
Verwendet wurden durchgehend Schlusskurse vom 14. September 2026. Die zunächst kursierenden Werte (VAT −5 %, Inficon −5 %, Comet −6 %, ABB −3,6 %) waren Zwischenstände von 10.25 Uhr und sind deutlich zu tief gegriffen; die Schlusskurse liegen zwischen 1,6 und 2,9 Prozentpunkten darunter. Für ams-Osram liess sich kein Schlusskurs belegen, weshalb die Aktie in der Grafik nicht erscheint. Amodeis Text erschien am 12., nicht am 14. September; eine gemeinsame Erklärung mit Altman gab es nicht. Zum Börsengang von OpenAI ist «verschoben» belegt, «abgesagt» nicht.
Quellen
- Dario Amodei, «Pace the Frontier», darioamodei.com, 12. September 2026 darioamodei.com
- Sam Altman und Elon Musk auf X, 12. September 2026; Berichterstattung TechCrunch und SiliconANGLE, 12. und 13. September 2026 techcrunch.com · siliconangle.com · x.com
- Fortune zum Börsengang von OpenAI; Zusammenfassung bei ComputerBase, 14. September 2026 fortune.com · computerbase.de
- AWP-Börsenschlussbericht SMI vom 14. September 2026, publiziert auf finanzen.ch finanzen.ch
- Blick, Börsenticker vom 14. September 2026 (Zwischenstände) blick.ch
- TechStartups, Tagesübersicht vom 14. September 2026, zu SoftBank und den US-Chipwerten techstartups.com
- Handelsregisterdaten zu VAT Group AG (Haag, Gemeinde Sennwald SG), Inficon Holding AG (Bad Ragaz SG) und Comet Holding AG (Flamatt, Gemeinde Wünnewil-Flamatt FR) moneyhouse.ch · northdata.com · firmenwatch.ch
Mehr zu diesen Themen
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Teilen
Weiterlesen
Das Morgen-Briefing
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren



