Scale-ups: Der Umsatz ist im Ausland, die Leute sind hier
Ein Drittel der befragten Scale-ups hat einen Wegzug erwogen, wegen des Marktes, nicht der Steuern. Warum es Hardware und Robotik besonders zieht.

Wenn Schweizer Firmen über einen Wegzug reden, denkt man an Steuern. Der erste Swiss Scale-up Report, erschienen am vergangenen Mittwoch, sagt etwas anderes. Rund ein Drittel der befragten Wachstumsfirmen hat ernsthaft erwogen, den Sitz zu verlegen. Der Hauptgrund ist nicht der Steuersatz. Es ist der Markt. Und am stärksten zieht es jene Firmen weg, die in der Schweiz am meisten bauen: Hardware und Robotik.
Das Wichtigste in Kürze
Der Report zählt 265 Schweizer Scale-ups mit einer geschätzten Bewertung von zusammen 26,6 Milliarden Franken. Befragt wurden 75 davon. Rund ein Drittel hat einen Wegzug ernsthaft geprüft, vor allem wegen des Marktzugangs, auch wegen Kapital, ausdrücklich nicht wegen der Steuern. Bei Industrie, Hardware und Robotik sollen es laut Mitherausgeber startupticker.ch bis zu zwei Drittel sein; auf wie vielen Antworten das beruht, ist nicht publiziert. Die Befragten erzielen zu 76 Prozent den Grossteil ihres Umsatzes im Ausland, beschäftigen aber zu 71 Prozent den Grossteil ihrer Leute in der Schweiz. Zwei Drittel haben einen Wegzug nie ernsthaft erwogen.
Das Geld verdienen sie draussen. Die Leute sitzen hier.
Anteil der befragten Scale-ups, die den Grossteil ihres Umsatzes im Ausland erzielen, und Anteil jener, die den Grossteil ihrer Belegschaft in der Schweiz haben.

Wer da gefragt wurde
Ein Scale-up ist nach der Definition des Reports eine Firma mit Hauptsitz in der Schweiz, die eine von drei Hürden genommen hat: 20 Millionen Franken Eigenkapital in zehn Jahren, 30 Beschäftigte weltweit oder 5 Millionen Franken Umsatz bei mindestens 20 Prozent Wachstum. 265 solche Firmen haben die Herausgeber identifiziert, den Gesamtbestand schätzen sie auf 400 bis 500. 43 Prozent sind Ausgründungen Schweizer Hochschulen, fast zwei Drittel zählen zur Deep Tech.
Herausgegeben wird der Report von Deep Tech Nation Switzerland mit Swisscom Ventures, der SIX Swiss Exchange und startupticker.ch. Die Umfrage lief bis zum 12. Juli. Mitgemacht haben 75 Firmen. Das ist eine kleine Zahl, und man sollte sie im Kopf behalten, bevor man aus einem Drittel eine Abwanderungswelle macht.
Markt vor Steuern
Die Herausgeber formulieren es knapp: Ein Drittel habe einen Wegzug ernsthaft erwogen, «most often for market access or capital, not tax». Das passt zu den übrigen Antworten. 60 Prozent nennen Vertrieb und Kundengewinnung als grösstes Problem, 37 Prozent den Zugang zu Wachstumskapital. Wer seine Kunden in Kalifornien, Texas oder Bayern hat, möchte dort sein, wo sie einkaufen.
Das Kapital verstärkt den Zug. Wie wir am Donnerstag berichtet haben, stammten 2025 nur 13 Prozent des Wachstumskapitals für Schweizer Scale-ups von Schweizer Investoren, nach 27 Prozent im Schnitt der Jahre 2019 bis 2022. Wer sein Geld aus Boston erhält, bekommt oft auch den Rat, dort ein Büro zu eröffnen.
Auch der Ausstieg zeigt nach draussen. 79 Prozent der Befragten würden einen ausländischen Käufer in Betracht ziehen, 41 Prozent einen Börsengang im Ausland. Einen Schweizer Käufer ziehen 39 Prozent in Betracht, ein Listing an der SIX 27 Prozent. Laut startupticker.ch sind Firmen mit mindestens einem Drittel Schweizer Investoren im Aktionariat deutlich offener für einen Ausstieg im Inland.
Warum gerade Hardware
Die Zahl mit den zwei Dritteln steht nur bei startupticker.ch, nicht auf der Seite der Herausgeber. Rechnerisch ist die Basis dünn. Industrie, Hardware und Robotik machen 17 Prozent der 265 Scale-ups aus. Waren sie in der Umfrage ähnlich stark vertreten, stützt sich die Zahl auf ein gutes Dutzend Antworten.
Plausibel ist sie trotzdem, und der Grund steht im selben Report. Dominique Mégret, Chef des Agrarroboter-Herstellers Ecorobotix, beschreibt das Muster: «Man investiert Jahre in Forschung und Entwicklung, Prototypen und Feldtests. Gleichzeitig braucht es viel Kapital, um Produktion und Vertrieb zu skalieren.» Eine Software lässt sich von Zürich aus in die ganze Welt verkaufen. Ein Roboter muss dort stehen, gewartet und verbessert werden, wo er arbeitet. Wer Kunden in Amerika hat, braucht dort Techniker, Lager und irgendwann eine Fertigung.
Hier beginnt die Frage, die über eine Umfrage hinausgeht. Die Schweiz ist stark darin, Roboter zu erfinden. ETH und EPFL liefern Jahr für Jahr Ausgründungen, von ANYbotics bis zu jungen Firmen wie Embodied AI aus dem CREATE Lab der EPFL, über deren Start wir am Freitag berichtet haben. Ob diese Firmen in zehn Jahren ihre Fertigung und ihre Konzernzentrale hier haben, entscheidet sich weniger in Bern als bei den ersten grossen Kunden.
Prüfen heisst nicht gehen
Die Gegenrechnung gehört dazu. Zwei Drittel der Befragten haben einen Wegzug nie ernsthaft erwogen. Und 71 Prozent beschäftigen den Grossteil ihrer Leute in der Schweiz, obwohl drei Viertel das meiste Geld im Ausland verdienen. Das ist das eigentliche Muster: Forschung und Entwicklung bleiben, der Vertrieb geht hinaus. Der Report schätzt, dass die erfassten Firmen rund 18 000 Stellen in Forschung und Entwicklung stellen.
Was die Firmen sich wünschen, ist ebenfalls erhoben. 73 Prozent wollen, dass Pensionskassen leichter in Risikokapital investieren. 61 Prozent verlangen einheitliche Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen, 48 Prozent schnellere Bewilligungen für Fachkräfte von ausserhalb der EU, 44 Prozent die Abschaffung der Emissionsabgabe. Joanne Sieber, Chefin von Deep Tech Nation Switzerland, sagt: «Ausländisches Kapital und globale Märkte bleiben unverzichtbar. Niemand will sie ersetzen.» Es brauche aber mehr Schweizer Kapital an ihrer Seite.
Methode
Die Grafik zeigt zwei Anteile aus der Umfrage unter 75 Scale-ups, wie sie die Herausgeber auf ihrer Berichtsseite publizieren: 76 Prozent mit überwiegendem Umsatz im Ausland, 71 Prozent mit überwiegender Belegschaft in der Schweiz. Die Medienmitteilung nennt für den Umsatz 75 Prozent. Die Frage nach dem Wegzug stellen wir nicht als Grafik dar, weil nur ungefähre Werte publiziert sind («about a third», «as high as two thirds») und die Zahl der Antworten pro Branche fehlt. Den vollständigen Bericht konnten wir nicht einsehen; er ist nur gegen Registrierung erhältlich.
Transparenz: startupticker.ch ist Mitherausgeber des Reports. Der Autor des Artikels, auf den sich die Zwei-Drittel-Zahl stützt, ist zugleich leitender Analyst des Reports.
Was im Themenradar anders stand: Dort hiess es, Schweizer Investoren stellten 18 Prozent des Spätphasen-Kapitals. Die Herausgeber nennen 13 Prozent des Kapitals; die 18 Prozent bei startupticker.ch beziehen sich auf die Zahl der Runden. Zielländer eines Wegzugs nennt der Report keine.
Quellen
- Deep Tech Nation Switzerland, Swiss Scale-Up Report 2026, Berichtsseite, September 2026 deeptechnation.ch
- startupticker.ch, «Swiss scale-ups examined», 16. September 2026 startupticker.ch
- Medienmitteilung Deep Tech Nation Switzerland, abgedruckt bei Moneycab, 16. September 2026; investrends.ch, 16. September 2026 moneycab.com · investrends.ch
Früher zum Thema: Hundert Franken Wachstumskapital, dreizehn aus der Schweiz · Embodied AI: eine Runde ohne Betrag
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