Der Haupteingang der UBS am Paradeplatz in Zürich.© Roland Fischer, Zürich (Switzerland) – Mail notification to: roland_zh(at)hispeed(dot)ch / Wikimedia Commons (Lizenz)

Macht · 7 min ·

Die UBS packt keine Kisten. Sie verhandelt.

Notfallpläne ja, Verhandlungen nein: Was an den Wegzugsmeldungen zur UBS dran ist, warum sie immer dann kommen, wenn Bern entscheidet, und um wie viel Geld noch gestritten wird.

Der Haupteingang der UBS am Paradeplatz in Zürich

Der Haupteingang der UBS am Paradeplatz in Zürich.© Roland Fischer, Zürich (Switzerland) – Mail notification to: roland_zh(at)hispeed(dot)ch / Wikimedia Commons (Lizenz)

Kurz gesagt: Die UBS hat keinen Wegzug beschlossen. Laut «Wall Street Journal» hat sie Notfallpläne, aber es laufen keine konkreten Verhandlungen, und formelle Schritte gibt es keine. Offiziell will die Bank ihren Hauptsitz in der Schweiz behalten. Die Wegzugsmeldungen kommen auffällig oft dann, wenn in Bern über die Kapitalregeln entschieden wird. Und die Summe, um die gestritten wird, ist geschrumpft: von rund 26 Milliarden Dollar zusätzlichem hartem Kernkapital im Juni 2025 auf rund 16 Milliarden nach dem Entscheid des Ständerats. Das letzte Wort hat im Dezember der Nationalrat.

Am Mittwoch meldete das «Wall Street Journal», die UBS spiele den Wegzug aus der Schweiz durch. Zwei Tage später berichtete die «Financial Times», London habe um die Bank geworben. Am selben Freitag erschien auf Inside Paradeplatz ein Gastbeitrag, wonach die Pläne «weit fortgeschritten» seien. Drei Meldungen in drei Tagen. Wer nur die Titel liest, sieht die Umzugskisten schon am Paradeplatz stehen.

Wer die Texte liest, findet etwas anderes. Verhandelt wird nicht über einen Umzug. Verhandelt wird über ein Gesetz.

Was ist an den Wegzugsplänen der UBS dran?

Weniger, als die Schlagzeilen nahelegen. Laut «Wall Street Journal» hat die UBS mit Beratern Notfallpläne erstellt, mit drei Varianten: eine Bank in den USA kaufen und dorthin ziehen, mit einem europäischen Konkurrenten fusionieren oder sich von einer US-Bank übernehmen lassen. Im selben Bericht steht aber auch der wichtigste Satz der Woche. «Konkrete Verhandlungen sollen bislang nicht laufen», fasst finews zusammen, und formelle Schritte für eine Transaktion seien nicht eingeleitet worden. Die UBS kommentierte den Bericht nicht.

Der Gastbeitrag, der von weit fortgeschrittenen Plänen spricht, stützt sich vor allem auf eine Wahrscheinlichkeit der Prognosebörse Polymarket (Inside Paradeplatz). Gewettet wird dort aber darauf, ob das Parlament das Gesetz beschliesst. Was die UBS vorhat, misst die Wette nicht. Der Autor schreibt selbst, es dürfe «mit Sicherheit angenommen werden», dass es Pläne gebe. Angenommen ist nicht belegt. Inside Paradeplatz selbst fragte einen Tag zuvor, ob alles «nur ein grosser Bluff» von Konzernchef Sergio Ermotti sei, «um Bern weichzuklopfen» (Inside Paradeplatz).

Belegt sind dagegen die Aussagen der Bankspitze. An der Generalversammlung vom 15. April sagte Präsident Colm Kelleher: «Wir wollen unseren Hauptsitz in der Schweiz behalten.» Im selben Redetext steht aber auch, es sei die Pflicht der Bank, «geeignete Optionen sorgfältig zu prüfen» (Rede Kelleher). Beides gilt bis heute. Was Kelleher im September in St. Gallen wirklich gesagt hat, haben wir in unserer Analyse zu seinem Auftritt Satz für Satz nachgezeichnet.

Warum kommen die Wegzugsmeldungen immer dann, wenn Bern entscheidet?

Weil sie Teil der Verhandlung sind. Die Abfolge ist auffällig. Mitte September 2025 berichtete die «New York Post» über Gespräche der UBS mit der US-Regierung, knapp zwei Wochen bevor der Bundesrat die Vernehmlassung eröffnete (Reuters). Zwei Tage nach dem Entscheid des Ständerats im September 2026 meldete das US-Portal Semafor, die UBS prüfe erneut eine Fusion; die Aktie legte darauf zu (cash.ch). Und jetzt folgt der Bericht des «Wall Street Journal», kurz bevor die Wirtschaftskommission des Nationalrats das Geschäft berät.

Das ist kein Vorwurf. Wer verhandelt, zeigt die Tür, durch die er nicht gehen will. Banken haben das schon öfter getan, und mindestens einmal hat es sichtbar gewirkt. Die britische Grossbank HSBC prüfte ab April 2015, ihren Sitz von London nach Hongkong zu verlegen. Im Juli senkte die Regierung die Bankenabgabe. Im Februar 2016 entschied der Verwaltungsrat einstimmig, in London zu bleiben (CNBC).

Auch die Schweizer Bevölkerung kennt das Spiel. In einer Umfrage von YouGov wollten im Juni 72 Prozent an strengeren Regeln festhalten, auch wenn die UBS mit Wegzug droht (finews).

Um wie viel Geld wird noch gestritten?

Um deutlich weniger als am Anfang. Im Kern geht es um eine einzige Regel: Das Schweizer Stammhaus soll seine Beteiligungen an den Auslandstöchtern mit hartem Kernkapital unterlegen, also mit Eigenkapital, das Verluste sofort trägt. Im Juni 2025 bezifferte das Finanzdepartement den Mehrbedarf auf rund 26 Milliarden Dollar (EFD). In der Botschaft vom April 2026 nannte der Bundesrat noch rund 20 Milliarden, verteilt über sieben Jahre (Bundesrat). Seit der Ständerat am 23. September 90 statt 100 Prozent verlangt, sind es nach Schätzung der UBS und laut Bloomberg rund 16 Milliarden (swissinfo).

Grafik: Geschätzter Mehrbedarf der UBS an hartem Kernkapital für die Auslandstöchter: 26 Milliarden Dollar im Juni 2025, 20 Milliarden im April 2026, rund 16 Milliarden nach dem Ständeratsentscheid im September 2026
Quellen: EFD, 6. Juni 2025; Bundesrat, 22. April 2026; Ständerat, 23. September 2026; Schätzung UBS und Bloomberg via swissinfo. Grafik: Leitgrad

Die Zahlen stammen von verschiedenen Stellen und messen nicht exakt dasselbe. Die Richtung ist trotzdem eindeutig. Der Streit ist in gut einem Jahr um rund zehn Milliarden kleiner geworden, und jede Runde brachte der Bank etwas. Wie der Ständerat entschied und wer welche Variante wollte, steht in unserem Beitrag zum Ständeratsentscheid. Zum Vergleich: Die UBS verdiente 2025 7,8 Milliarden Dollar. Für die Bank ist die Frage deshalb weniger, ob sie das Kapital aufbringen kann, sondern wie viel davon nicht in Dividenden, Aktienrückkäufe und Wachstum fliesst.

Was spricht trotzdem für einen Wegzug?

Der Druck von aussen ist echt. Der Grossaktionär Artisan Partners, der rund 1,8 Prozent der Aktien verwaltet, schrieb dem Verwaltungsrat Anfang Oktober, die Schweiz sei für die UBS kein attraktiver Standort mehr (swissinfo). Auch der Investor Cevian drängt. Laut «Financial Times» warb die britische Regierung um Hauptsitz und Börsenkotierung; in Grossbritannien beschäftigt die UBS bereits rund 8000 Menschen (20 Minuten). Und der Ständerat hat die Variante abgelehnt, mit der die Bank hätte leben können.

Gegen einen Umzug spricht die Rechnung. Rund ein Drittel der Erträge stammt aus der Schweiz, und die UBS hat Schweizer Firmen und Haushalten rund 417 Milliarden Dollar geliehen (finews). Dieses Geschäft liegt in der UBS Switzerland AG, die als Schweizer Bank unter Aufsicht der Finma bliebe. Ziehen könnte nur die Konzernspitze, und auch das nur mit Beschluss der Aktionäre, einer neuen Aufsicht im Ausland und erheblichen steuerlichen Folgen (finews). Was das für Konten und Kredite hiesse, haben wir in unserer Rechnung für die Schweiz und ihre KMU durchgespielt.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Bühne wechselt nach Bern. Zuerst berät die Wirtschaftskommission des Nationalrats, im Dezember entscheidet der Nationalrat. Bürgerliche Nationalräte suchen bereits einen neuen Kompromiss, im Gespräch sind 75 Prozent (finanzen.ch). Weichen die Kammern voneinander ab, folgt die Differenzbereinigung, danach ist ein Referendum möglich. Am 28. Oktober legt die UBS ihre Zahlen zum dritten Quartal vor. Dort wird man hören, wie laut die Bank die Tür noch zeigt.

Für Unternehmer heisst das vor allem: Ruhe bewahren und die richtigen Signale lesen. Eine Grossbank, die wirklich geht, kündigt das nicht über anonyme Quellen an. Sie traktandiert es.

Zum Mitnehmen: Woran man einen echten Wegzug erkennt

  • Die Sitzverlegung steht als Traktandum auf der Einladung zu einer Generalversammlung. Ohne die Aktionäre geht es nicht.
  • Die UBS kündigt einen Kauf, eine Fusion oder einen Antrag bei einer ausländischen Aufsicht an, nicht über anonyme Quellen, sondern als Mitteilung an die Börse.
  • Der Nationalrat entscheidet im Dezember. Erst nach der Differenzbereinigung steht fest, wie viel Kapital die UBS wirklich aufbauen muss.
  • Bis dahin gilt: Konten, Kredite und Hypotheken laufen über die UBS Switzerland AG weiter.

Häufige Fragen

Zieht die UBS aus der Schweiz weg?

Beschlossen ist nichts. Laut «Wall Street Journal» hat die UBS Notfallpläne, aber keine konkreten Verhandlungen und keine formellen Schritte. Offiziell will die Bank den Hauptsitz in der Schweiz behalten.

Warum spricht die UBS über einen Wegzug?

Sie wehrt sich gegen strengere Kapitalregeln. Das Stammhaus soll Beteiligungen an Auslandstöchtern künftig zu 90 bis 100 Prozent mit hartem Kernkapital unterlegen. Die Bank hält das für unverhältnismässig.

Wie viel zusätzliches Kapital müsste die UBS aufbauen?

Nach dem Entscheid des Ständerats für 90 Prozent rund 16 Milliarden Dollar, verteilt über sieben Jahre. Der Bundesrat hatte für 100 Prozent rund 20 Milliarden genannt, das Finanzdepartement im Juni 2025 rund 26 Milliarden.

Wann entscheidet das Parlament?

Der Ständerat hat am 23. September 2026 entschieden. Der Nationalrat berät die Vorlage in der Wintersession im Dezember. Danach folgt bei Differenzen die Bereinigung zwischen den Kammern, anschliessend ist ein Referendum möglich.

Quellen

  1. finews (nach «Wall Street Journal»), 15. Oktober 2026; finews, 2. Oktober 2026 finews.ch · finews.ch
  2. 20 Minuten (nach «Financial Times»), 16. Oktober 2026 20min.ch
  3. Inside Paradeplatz, 15. und 16. Oktober 2026 insideparadeplatz.ch · insideparadeplatz.ch
  4. Colm Kelleher, Rede an der Generalversammlung der UBS Group AG, 15. April 2026 finews.ch (PDF)
  5. EFD, FAQ zu den Too-big-to-fail-Massnahmen, 6. Juni 2025; Bundesrat, Botschaft und Medienmitteilung, 22. April 2026 efd.admin.ch · admin.ch
  6. Parlamentsdienste (SDA), 23. September 2026; swissinfo (Bloomberg), 24. September 2026 parlament.ch · swissinfo.ch
  7. Reuters, 14. September 2025; cash.ch, 25. September 2026; finanzen.ch, 27. September 2026 yahoo.com · cash.ch · finanzen.ch
  8. swissinfo, 1. Oktober 2026; finews (YouGov), 18. Juni 2026 swissinfo.ch · finews.ch
  9. CNBC, 14. Februar 2016 cnbc.com

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