Europazentrale von Zimmer Biomet in Winterthur. Foto: JoachimKohler-HB / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Briefing · 4 min ·

Zimmer Biomet streicht 90 Stellen weniger. Die wichtigere Zahl heisst 2028

26 Tage dauerte die Konsultation in Winterthur. Danach strich Zimmer Biomet 90 Stellen weniger als angekündigt. Wertvoller ist etwas anderes: Vor 2028 muss niemand gehen.

Europazentrale von Zimmer Biomet in Winterthur

Europazentrale von Zimmer Biomet in Winterthur. Foto: JoachimKohler-HB / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Kurz gesagt: Zimmer Biomet baut in Winterthur bis zu 490 statt der angekündigten 580 Stellen ab, schrittweise bis 2030. Vor 2028 ist nach heutigem Stand niemand betroffen. Das Konsultationsverfahren nach Art. 335f OR endete am 5. Oktober. Die Schmiede DynaForge und die Herstellung bestimmter Hüftkomponenten bleiben. Von rund 730 Stellen bleiben rund 240. Alle knapp 100 Lernenden können ihre Ausbildung abschliessen.

26 Tage. So lange dauerte die Konsultation bei Zimmer Biomet in Winterthur, vom 9. September bis zum 5. Oktober. Am Ende standen zwei Zahlen. Die erste heisst 490: neunzig Stellen weniger als angekündigt. Die zweite heisst 2028: Vorher muss niemand gehen.

Am 12. Oktober gab der Implantathersteller das Ergebnis bekannt, berichtet SRF. Der Abbau kommt schrittweise bis 2030. Bleiben sollen die Schmiede DynaForge, die Herstellung bestimmter Hüftkomponenten, Forschung und Entwicklung sowie unterstützende Funktionen. Der Sozialplan gilt neu bis 2030. Die knapp 100 Lernenden können ihre Ausbildung bei Zimmer Biomet abschliessen.

Von rund 730 Stellen bleiben damit rund 240, rechnet die Gewerkschaft Syna. Der Abbau trifft zwei von drei Stellen, nicht mehr vier von fünf, wie wir im September berichtet haben.

73 Hüftimplantate, jedes steht für zehn der rund 730 Stellen bei Zimmer Biomet in Winterthur. 15 schwarze bleiben ohnehin, 9 rote stehen für die 90 Stellen, die die Konsultation gerettet hat, 49 graue für die 490 Stellen, die von 2028 bis 2030 wegfallen. Rund 240 Stellen bleiben, vor 2028 muss niemand gehen.
Grafik: Leitgrad. Quellen: SRF, Syna, Zimmer Biomet

Stadtpräsident Stefan Fritschi sprach von einer guten Nachricht, berichtet die SDA. Die Unia bleibt beim Wort «Kahlschlag». Die Syna findet, die Vorschläge der Belegschaft seien nur unzureichend berücksichtigt worden.

Was das Gesetz verlangt

Wer innert 30 Tagen viele Kündigungen plant, muss die Belegschaft zuerst anhören. So steht es in Art. 335d und 335f des Obligationenrechts. Die Schwelle liegt tiefer, als viele KMU denken: Ab 21 Beschäftigten gelten zehn Kündigungen als Massenentlassung, ab 100 Beschäftigten zehn Prozent, ab 300 Beschäftigten 30 Kündigungen. Die Mitarbeitenden müssen Vorschläge machen können, wie sich Kündigungen vermeiden, ihre Zahl senken und ihre Folgen mildern lassen. Mitentscheiden dürfen sie nicht. Der Arbeitgeber muss ihre Vorschläge aber ernsthaft prüfen, hielt das Bundesgericht 2011 fest. Ab 250 Beschäftigten und 30 Kündigungen ist zudem ein Sozialplan Pflicht.

Eine feste Dauer kennt das Gesetz nicht. Der Kaufmännische Verband empfiehlt vier Wochen. In Winterthur waren es knapp vier.

Was andere herausgeholt haben

Winterthur ist kein Einzelfall. GE Power wollte 2019 in Baden und Birr rund 450 Stellen streichen, nach der Konsultation waren es höchstens 200, berichtete Moneycab. Müller Martini in Zofingen senkte 2013 den Abbau von 550 auf 350 Stellen weltweit (SRF). Ringier strich 2024 statt 75 noch 55 Stellen (SRF), PostFinance 2025 statt bis zu 141 noch bis zu 130 (PostFinance).

Die Hebel sind fast immer dieselben: natürliche Fluktuation, Frühpensionierungen, kleinere Pensen, gestrichene offene Stellen und mehr Zeit. Bei Zimmer Biomet ist es vor allem die Zeit.

Was das für die Region heisst

Für die Wirtschaft der Region Winterthur ist Zimmer Biomet kleiner als sein Name. Der Kanton schätzt den Beitrag zur regionalen Wertschöpfung auf 100 bis 150 Millionen Franken, unter einem Prozent, schreibt der Regierungsrat. Für die Medtech-Branche der Region wiegt der Fall schwerer: Der ursprüngliche Plan hätte bis zu 38 Prozent ihrer Stellen getroffen.

Die Zulieferer sind in der Schweiz stärker verwurzelt als die Hersteller. Zwei Drittel der Schweizer Medtech-Zulieferer produzieren ausschliesslich hier, zeigt die Branchenstudie von Swiss Medtech. Für sie zählt die Streckung bis 2030 doppelt: Sie haben Zeit, neue Kunden zu finden.

Zeit ist das, was die Konsultation in Winterthur am deutlichsten gebracht hat.

Zum Mitnehmen: Massenentlassung in fünf Schritten

  1. Schwelle prüfen. Es zählen Kündigungen innert 30 Tagen, die nicht in der Person liegen: ab 21 Beschäftigten zehn, ab 100 Beschäftigten zehn Prozent, ab 300 Beschäftigten 30 (Art. 335d OR).
  2. Die Belegschaft schriftlich informieren: Gründe, Zahl der Betroffenen, Zahl der Beschäftigten, Zeitraum. Eine Kopie geht ans kantonale Arbeitsamt (Art. 335f OR).
  3. Vorschläge ernsthaft prüfen. Die Belegschaft entscheidet nicht mit, ihre Ideen gehören aber auf den Tisch. Der Kaufmännische Verband empfiehlt vier Wochen.
  4. Das Ergebnis dem Arbeitsamt anzeigen. Gekündigte Arbeitsverhältnisse enden frühestens 30 Tage danach (Art. 335g OR).
  5. Ab 250 Beschäftigten über einen Sozialplan verhandeln (Art. 335h bis 335k OR).

Häufige Fragen

Wie viele Stellen baut Zimmer Biomet in Winterthur ab?

Bis zu 490 von rund 730, schrittweise bis 2030. Angekündigt waren im September bis zu 580. Vor 2028 sind nach heutigem Stand keine Stellen betroffen.

Was ist ein Konsultationsverfahren?

Bei einer Massenentlassung muss der Arbeitgeber die Belegschaft vorher anhören (Art. 335f OR). Sie kann Vorschläge machen, wie Kündigungen vermieden oder ihre Folgen gemildert werden. Mitentscheiden darf sie nicht, der Arbeitgeber muss die Vorschläge aber ernsthaft prüfen.

Was bleibt in Winterthur?

Die Schmiede DynaForge, die Herstellung bestimmter Hüftkomponenten, Forschung und Entwicklung sowie unterstützende Funktionen, rund 240 Stellen.

Quellen

  1. SRF, 490 statt 580 Stellen, 12. Oktober 2026 srf.ch
  2. Syna, 490 Stellen weiterhin bedroht, 14. Oktober 2026 syna.ch
  3. SDA via Radio Central, 12. Oktober 2026 radiocentral.ch
  4. Regierungsrat des Kantons Zürich, RRB 1064/2026, 30. September 2026 zh.ch
  5. Bundesgericht, BGE 137 III 162; Kaufmännischer Verband, Merkblatt Konsultationsverfahren BGE · kfmv.ch
  6. Swiss Medtech, Branchenstudie 2026 swiss-medtech.ch
  7. Moneycab (GE, 2019), SRF (Müller Martini, 2013; Ringier, 2024), PostFinance (2025) GE · Müller Martini · Ringier · PostFinance

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