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Zimmer Biomet streicht vier von fünf Stellen in Winterthur und hebt die Prognose an

Bis zu 580 von 730 Stellen sollen wegfallen. Es ist die vierte Abbaurunde in vier Jahren an einem Standort, der auf Sulzer Medica zurückgeht.

Zimmer Biomet will in Winterthur bis zu 580 von 730 Stellen streichen. Das sind vier von fünf. Sechs Wochen zuvor hatte der Konzern seine Jahresprognose angehoben; im ersten Halbjahr 2026 kaufte er für 500,8 Millionen Dollar eigene Aktien zurück.

Das Wichtigste in Kürze

Am 9. September 2026 eröffnete Zimmer Biomet in Winterthur ein Konsultationsverfahren über den Abbau von bis zu 580 der 730 Stellen. Betroffen ist die Produktion orthopädischer Implantate am grössten europäischen Produktionsstandort des Konzerns. Es ist die vierte Abbaurunde in vier Jahren: 2020 zog die Europazentrale mit 130 Kaderstellen nach Zug, 2022 fielen 73 Stellen weg, 2023 und 2024 folgten weitere. Aus rund 1000 Produktionsstellen im Jahr 2020 würden damit rund 150. Der Standort geht auf Sulzer Medica zurück. Zielstandorte nennt das Unternehmen nicht; im September 2025 kündigte es ein hochautomatisiertes Werk in Costa Rica für Knie- und Hüftkomponenten an.

Von hundert Stellen in Winterthur verschwinden achtzig.

Der am 9. September 2026 angekündigte Abbau bei Zimmer Biomet, bezogen auf die 730 Stellen am Standort. Die definitive Zahl legt das Konsultationsverfahren fest.

Leitgrad-Grafik: Hundert Quadrate für die Stellen am Standort Winterthur. 80 rote Felder stehen für die Stellen, die gestrichen werden sollen, 20 helle für jene, die bleiben würden.
Ankündigung von Zimmer Biomet vom 9. September 2026, Konsultationsverfahren laufend. 2020 hatte der Standort noch rund 1000 Produktionsstellen.

Was das Unternehmen sagt

Elizabeth Gauthier, Produktionsleiterin von Zimmer Switzerland Manufacturing: «Wir sind uns der Bedeutung des Standorts Winterthur, seiner langjährigen Tradition und des wichtigen Beitrags unseres Teams vor Ort sehr bewusst.» Der Konzern begründet den Schritt damit, das Produktions- und Liefernetzwerk vereinfachen, die Effizienz steigern und das Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig aufstellen zu wollen. In der englischen Konzernfassung: «simplify its manufacturing footprint and supply chain».

Die Zahl ist nicht definitiv. Sie werde am Ende des Konsultationsverfahrens mit der Arbeitnehmervertretung festgelegt, teilte das Unternehmen mit. Eine Frist dafür ist nicht öffentlich. Nach zwei lokalen Berichten soll der Abbau über zwei Jahre laufen.

Wohin die Produktion geht, sagt der Konzern nicht. Belegt ist, dass Zimmer Biomet am 25. September 2025 ein neues Werk in Grecia in Costa Rica ankündigte: 22’000 Quadratmeter, hochautomatisiert, bis zu 500 Arbeitsplätze bis 2033, ausdrücklich für Komponenten von Knie- und Hüftimplantaten, also genau das Winterthurer Produktspektrum. Konzernchef Ivan Tornos sprach dabei vom Zugang zu «lower-cost geographies». Einen Zusammenhang zu Winterthur hat das Unternehmen nicht hergestellt.

Der Widerspruch, auf den alle zeigen

Zimmer Biomet steht finanziell nicht schlecht da. Der Konzernumsatz lag 2025 bei 8,23 Milliarden Dollar, ein Plus von 7,2 Prozent. Im zweiten Quartal 2026 setzte das Unternehmen 2,18 Milliarden Dollar um, 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr, und hob die Jahresprognose an, auf 3,9 bis 4,9 Prozent Umsatzwachstum statt 2,5 bis 4,5. Im ersten Halbjahr 2026 kaufte es eigene Aktien für 500,8 Millionen Dollar zurück.

Genau daran setzen die Kritiker an. Der Winterthurer Stadtpräsident Stefan Fritschi (FDP) nannte die Ankündigung eine sehr schlechte Nachricht und warf der Konzernführung vor, Aktionärsrenditen über die Verantwortung für die Mitarbeitenden zu stellen. Fritschi war von 2003 bis 2010 selbst bei Zimmer Biomet angestellt.

Serge Gnos, Co-Leiter der Unia Zürich-Schaffhausen, sagt, Beschäftigte und Stadt zahlten «die Zeche für die Bereicherung anonymer Aktionäre». Die Gewerkschaft rechnet vor, der Konzern habe seit 2022 fast 3 Milliarden Dollar für Dividenden und Aktienrückkäufe ausgegeben, mehr als die kumulierten Gewinne derselben Periode. Diese Rechnung stammt von der Unia und ist von uns nicht nachgerechnet.

Tanja Riepshoff von Angestellte Schweiz formuliert die strukturelle Kritik: «Winterthur verliert innert kurzer Zeit an mehreren Standorten industrielle Arbeitsplätze. Das erhöht die Verantwortung des Unternehmens Zimmer Biomet erheblich.» Der Verband anerkennt starken Franken, hohe Produktionskosten und Zölle als reale Belastungen, hält aber fest, diese erklärten nicht, warum ein Standort über vier Jahre in Etappen schrumpfe.

Woher der Standort kommt

Winterthur ist kein beliebiger Produktionsstandort. Er geht auf die Medizintechnik von Sulzer zurück, die 1997 als Sulzer Medica an die Börse ging. Im Dezember 2000 rief die amerikanische Tochter rund 40’000 Hüftpfannen des Typs Inter-Op zurück; Schmierölrückstände aus der Fertigung verhinderten das Einwachsen ins Knochengewebe. Rund 26’000 waren bereits implantiert, rund 4000 Patientinnen und Patienten mussten erneut operiert werden. Der Vergleich vor dem Bundesgericht in Cleveland belief sich Anfang 2002 auf rund eine Milliarde Dollar, davon 725 Millionen zulasten von Sulzer Medica.

2002 wurde der Verwaltungsrat fast vollständig ausgewechselt und die Firma in Centerpulse umbenannt. 2003 übernahm der amerikanische Konkurrent Zimmer sie nach einem Bietergefecht mit Smith & Nephew für rund 4,5 Milliarden Franken. Winterthur wurde danach Regionalhauptsitz.

Eine Fussnote, die zur Stadt passt: Ein Teil der Vergleichssumme stammte aus einer Versicherungspolice bei der Winterthur Swiss Insurance mit rund 215 bis 225 Millionen Dollar Deckung. Die Winterthurer Industriegeschichte zahlte über die Winterthurer Versicherung mit.

Nicht der einzige Fall in der Stadt

Drei Wochen vor Zimmer Biomet kündigte Burckhardt Compression am 19. August den Abbau von bis zu 220 Stellen an, davon bis zu 150 am Hauptsitz Winterthur. Auch das war bereits die zweite Runde; Ende 2025 hatten dort 68 Mitarbeitende ihre Kündigung erhalten. Zusammen stehen in Winterthur innert dreier Wochen bis zu 730 Industriestellen zur Disposition, bei rund 80’000 Beschäftigten in der Stadt.

Die Stadt hat am 11. September reagiert und erklärt, sie erwarte, dass Alternativen zur Verlagerung geprüft werden. Sie koordiniert sich mit der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion, sucht Einsicht in den Sozialplan und prüft ihre rechtlichen Möglichkeiten. Rund 100 Lehrstellen am Standort sollen nach Gesprächen mit der Stadt erhalten bleiben. Diese Angabe stammt aus einer einzelnen lokalen Quelle.

Was daraus folgt

Die Swiss-Medtech-Branchenstudie vom 10. September hat es abstrakt beschrieben: netto rund 200 neue Stellen in zwei Jahren statt rund 1500 pro Jahr im Zehnjahresschnitt, 43 Prozent der Firmen ohne Investitionspläne (unsere Auswertung). Winterthur zeigt, wie das konkret aussieht.

Für Zulieferer im Raum Winterthur ist die praktische Frage nicht, ob der Konzern recht hat. Sie lautet, wie viel des eigenen Umsatzes an diesem einen Werk hängt und wie lange die Rahmenverträge noch laufen. Ein Produktionsbetrieb dieser Grösse trägt nach Darstellung der Stadt eine ganze regionale Wertschöpfungskette, und die erfährt von solchen Entscheiden zuletzt.

Methode

Die Zahl 580 ist ein Maximalwert aus dem Konsultationsverfahren, nicht ein Beschluss. Die Angabe von 730 Stellen stammt vom Unternehmen; ein US-Fachdienst nennt rund 700. Das Ankündigungsdatum ist der 9. September (Medienmitteilung und Agenturmeldung); die Belegschaftsinformation erfolgte offenbar am 10. September. Die Verbindung zum Werk in Costa Rica ist eine naheliegende Vermutung und vom Unternehmen nicht bestätigt. Die Beschäftigtenzahl des Standorts im Übernahmejahr 2003 liess sich nicht belegen; die Reihe beginnt deshalb bei rund 1000 Produktionsstellen im Jahr 2020.

Was offen ist

Bis wann läuft das Konsultationsverfahren? Wohin geht die Produktion? Wie viele Beschäftigte hat Zimmer Biomet in Zug und Genf, und wie viele in der Schweiz insgesamt? Äussert sich die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion eigenständig? Antworten tragen wir nach.

Quellen

  1. AWP/swissinfo, cash, SRF und 20 Minuten vom 9. September 2026 zur Ankündigung und zum Zitat von Elizabeth Gauthier swissinfo.ch · cash.ch · srf.ch
  2. Angestellte Schweiz, Medienmitteilung vom 9. September 2026, mit den Zitaten von Tanja Riepshoff presseportal.ch
  3. Stadt Winterthur, Medienmitteilung vom 11. September 2026; SRF zum Stadtpräsidenten Stefan Fritschi stadt.winterthur.ch · srf.ch
  4. Unia Zürich-Schaffhausen, zitiert bei cash und schaffhausen24 cash.ch · schaffhausen24.ch
  5. Zimmer Biomet, Geschäftsbericht 2025 (Form 10-K) und Quartalszahlen Q2 2026; Aktienrückkäufe im ersten Halbjahr 2026 sec.gov · prnewswire.com · investor.zimmerbiomet.com
  6. Zimmer Biomet und CINDE zur Werksankündigung in Grecia, Costa Rica, vom 25. September 2025 investincr.com
  7. US-Bundesgericht, Northern District of Ohio: In re Sulzer Hip Prosthesis and Knee Prosthesis Liability Litigation, 290 F. Supp. 2d 840 (2003) law.justia.com
  8. swissinfo-Archiv 2002 und 2003 zum Vergleich und zur Übernahme von Centerpulse durch Zimmer swissinfo.ch · swissinfo.ch
  9. 20 Minuten und Blick vom 19. August 2026 zu Burckhardt Compression 20min.ch · blick.ch
  10. Swiss Medtech, Branchenstudie 2026 vom 10. September 2026 swiss-medtech.ch

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