Illustration: Leitgrad. Rang laut Times Higher Education World University Rankings 2027.
Warum die Besten aus Peking nicht mehr nach Zürich müssen
Wer an der Tsinghua studiert hat, sucht selten einen Job im Ausland. Er muss nicht. Seit dem 30. September steht seine Universität zum ersten Mal vor der ETH.

Illustration: Leitgrad. Rang laut Times Higher Education World University Rankings 2027.
Kurz gesagt: Im Ranking von Times Higher Education für 2027 steht die Tsinghua-Universität in Peking auf Platz 11, die ETH Zürich auf Platz 12. Zum ersten Mal liegt eine chinesische Universität vor allen Hochschulen Kontinentaleuropas. Die ETH bleibt die beste von ihnen. China hat 17 Universitäten unter den Top 200, vier mehr als im Vorjahr. An Schweizer Universitäten studieren 3599 Chinesinnen und Chinesen.
Ich kenne einige Menschen, die an der Tsinghua studiert haben. Keiner von ihnen hatte es eilig, ins Ausland zu gehen. Wer dort abschliesst, findet in China Stellen, um die ihn andere beneiden, und wird glänzend bezahlt.
Das Ausland ist für sie Plan B. Für den Fall, dass es zu Hause nicht klappt.
So elitär ist dieses System, und so steil ist seine Hierarchie. So habe ich es erlebt, Gespräch für Gespräch. Am 30. September hat es eine Zahl bekommen: Platz 11.
Ein Platz Vorsprung
An diesem Tag veröffentlichte Times Higher Education sein Weltranking der Universitäten für 2027. Die ETH Zürich steht auf Platz 12. Eine Zeile darüber steht die Tsinghua-Universität aus Peking. Drei Jahre lang hatte sie auf Platz 12 gestanden. Jetzt ist sie vorbeigezogen.
Zum ersten Mal liegt damit eine chinesische Universität vor jeder Hochschule Kontinentaleuropas, schreibt Phil Baty von Times Higher Education. Die Peking-Universität folgt auf Platz 13, knapp hinter der ETH.
Für die ETH ist das kein Absturz. Sie verliert einen Platz und bleibt die beste Universität zwischen Lissabon und Warschau. Die EPFL verliert ebenfalls einen Platz und steht auf Rang 36. Sechs Schweizer Hochschulen gehören zu den besten 200, berichtet Swissinfo.
Bewegt hat sich etwas anderes. Fünf europäische Universitäten fielen aus dem Kreis der besten 200, fünf asiatische kamen dazu. China stellt dort jetzt 17 statt 13.

Das Rennen beginnt im Kinderzimmer
Rankings messen Forschung, Lehre und Geld. Was ich bei chinesischen Familien erlebt habe, beginnt früher.

Ich habe meine Jugend viel mit Ostasiaten verbracht, vor allem mit Koreanern und Chinesen. Die Eltern meiner chinesischen Freunde überliessen wenig dem Zufall. Sie suchten die Nähe zu Familien, die erfolgreich waren, gut ausgebildet und Kinder im selben Alter hatten. Ob ihnen diese Abende Spass machten, war zweitrangig. Wichtig war, mit wem ihre Kinder aufwuchsen.
Später traf ich in Europa immer wieder junge Chinesinnen und Chinesen, die an Konservatorien studierten. Viele erzählten dieselbe Geschichte. Schon als sie klein waren, hatten die Eltern die Musikkarriere geplant. Dazu gehörte Fleiss. Dazu gehörte das richtige Umfeld: andere Talente im selben Alter.
Für die meisten führt der Weg durch eine einzige Prüfung. Im Juni 2026 schrieben 12,9 Millionen junge Chinesen den Gaokao, die Aufnahmeprüfung für die Hochschulen, meldet die chinesische Regierung. Ein Jahr zuvor waren es 13,35 Millionen. An der Tsinghua begannen im August rund 3800 Erstsemester vom chinesischen Festland, meldet die Universität. Etwa einer von 3400.
Der Druck hat einen Preis. 2021 verbot die Regierung die gewinnorientierte Nachhilfe in den Kernfächern, um die Familien zu entlasten, berichtet Voice of America. Inzwischen lässt sie die Branche wieder wachsen. Geplante Kindheiten bringen nicht nur Gewinner hervor. Aber viele Menschen, die früh wissen, wohin sie wollen.
Wer nach Zürich kommt, will es
Die Schweiz profitiert von diesem Ehrgeiz. Im Studienjahr 2025/26 waren 3599 Chinesinnen und Chinesen an Schweizer Universitäten eingeschrieben, die meisten im Master (1626) oder im Doktorat (1463), zeigt eine Auswertung des Forschungsinstituts CEIAS. An der ETH waren es 2023 rund 1360, an der EPFL rund 600.
Der Austausch ist älter als jedes Ranking. Seit 1993 bildet die Universität St. Gallen chinesische Führungskräfte weiter. Seit 2003 fördert der Nationalfonds gemeinsame Forschung. Vier von fünf Verbindungen zwischen Schweizer und chinesischen Hochschulen sind Studierendenaustausch. Bei Technologien, die sich auch militärisch nutzen lassen, schauen die Hochschulen genauer hin. Dem Interesse schadet das nicht: Die Zahl der chinesischen Studienanfänger in der Schweiz steigt seit zehn Jahren.
Wer aus Peking nach Zürich kommt, muss also nicht. Er will. Ein grösseres Kompliment kann man der ETH kaum machen.
Auf der Piste gewinnt die Schweiz
Wie weit ein früh gelegter Weg führt, zeigt Eileen Gu. Die Freeskierin, 2003 in San Francisco geboren, startet seit 2019 für China. Sie hat sechs olympische Medaillen gewonnen, drei goldene und drei silberne, und im Juni 2026 an der Stanford-Universität abgeschlossen, verzeichnet Wikipedia.
Im Slopestyle von Mailand-Cortina stand trotzdem eine andere zuoberst: die Freiburgerin Mathilde Gremaud, wie schon 2022 in Peking, berichtete NBC. Ein Vorsprung ist keine Garantie. Er ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Was ich meinen Töchtern wünsche
Ich bin ein grosser Fan der ETH. Wenn es nach mir geht, studieren meine Töchter einmal dort. Und dann gehen sie für ein Semester an die Tsinghua. Oder an die Tongji in Schanghai.
Nicht, weil der ETH etwas fehlt. Sondern weil man von dem, der einen gerade überholt hat, am meisten lernt.
Wie schnell China auch in den Fabriken aufholt, zeigt mein Beitrag über 354 000 neue Industrieroboter.
Zum Mitnehmen: Was im THE-Ranking steckt
- Ein Drittel ist Ruf. 33 Prozent der Wertung stammen aus einer Umfrage unter Forschenden, zuletzt mit über 69 000 Antworten.
- Der Rest: Forschungsqualität, vor allem Zitationen (30 Prozent), Lehre (29,5), Forschungsumfeld (29), internationale Ausrichtung (7,5) und Industrie (4).
- Wer mit einer Hochschule zusammenarbeiten will, liest am besten den Teilwert, der zur eigenen Frage passt. Für Projekte mit der Wirtschaft zählt der Wert «Industrie»: Drittmittel aus Unternehmen und Patente.
Häufige Fragen
Welche Universität ist die beste in Kontinentaleuropa?
Die ETH Zürich. Sie steht im Ranking von Times Higher Education 2027 auf Platz 12 der Welt. Zum ersten Mal liegt mit Tsinghua (Platz 11) eine chinesische Universität davor.
Wie viele chinesische Studierende gibt es in der Schweiz?
Im Studienjahr 2025/26 waren es 3599 an den öffentlichen Universitäten und universitären Instituten, die meisten im Master oder im Doktorat. Die ETH Zürich zählte 2023 rund 1360 chinesische Studierende.
Wer ist Eileen Gu?
Eine Freeskierin, geboren 2003 in San Francisco, die seit 2019 für China startet. Sie gewann an den Spielen 2022 und 2026 sechs olympische Medaillen und schloss 2026 an der Stanford-Universität ab. Sie ist Botschafterin der Schaffhauser Uhrenmarke IWC. Im Slopestyle verlor sie 2022 und 2026 gegen die Freiburgerin Mathilde Gremaud.
Quellen
- Times Higher Education, World University Rankings 2027, September 2026 timeshighereducation.com
- Swissinfo, Top Swiss university loses spot to Chinese institution, 30. September 2026 swissinfo.ch
- Regierung der Volksrepublik China, Gaokao 2026, 3. Juni 2026; Voice of America, Nachhilfeverbot, 2025 gov.cn · voanews.com
- CEIAS, Swiss universities recalibrate ties with China, Juni 2026 ceias.eu
- Wikipedia, Eileen Gu; NBC, Gremaud gewinnt Slopestyle-Gold, 9. Februar 2026 wikipedia.org · nbcsports.com
- Tsinghua-Universität, Begrüssung der Erstsemester 2026, 20. August 2026; Times Higher Education, Methodik World University Rankings 2027 tsinghua.edu.cn · timeshighereducation.com
China · Die Kolumne
Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil
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