Illustration: Leitgrad. Quelle: Graham Ward und Isabelle Lebbe, INSEAD Knowledge (19.10.2026): Übergangsgespräche mindestens zwei bis drei Jahre vorher, Beraterrolle mit Umfang und Dauer.

Nachfolge-Radar · 7 min ·

Gute Abschiede beginnen zwei bis drei Jahre vorher. Und enden mit einem Datum

Am selben Montag, an dem Lindt & Sprüngli seinen Konzernchef per sofort ersetzte, erschien bei INSEAD eine Anleitung für gute Abschiede. Sie verlangt Jahre an Vorlauf, Beraterrollen mit fester Dauer und einen Vorgänger, der die Entscheide dem Nachfolger überlässt. Für Tausende Schweizer Patrons ist das ein Arbeitsplan.

Illustration: Ein Chefbüro, der hohe rote Ledersessel hinter dem Holzpult ist leer, über der Lehne hängt ein Mantel. Die Tür rechts steht halb offen, Licht fällt auf den Boden. Auf dem Pult stehen drei Kalenderblätter mit minus 3, minus 2 und minus 1 Jahre, daneben liegt ein Schlüssel. An der Wand zeichnet sich der helle Umriss eines abgehängten Bildes ab.

Illustration: Leitgrad. Quelle: Graham Ward und Isabelle Lebbe, INSEAD Knowledge (19.10.2026): Übergangsgespräche mindestens zwei bis drei Jahre vorher, Beraterrolle mit Umfang und Dauer.

Kurz gesagt: Organisationen sollten Abschiede von Führungskräften mindestens zwei bis drei Jahre im Voraus besprechen, raten Graham Ward und Isabelle Lebbe in INSEAD Knowledge (19. Oktober 2026). Beraterrollen für den Vorgänger brauchen einen definierten Umfang und eine Dauer, der Nachfolger soll öffentlich gestärkt werden, und der Vorgänger bleibt aus Entscheiden heraus, die dem Nachfolger gehören. Am selben Tag ersetzte Lindt & Sprüngli CEO Adalbert Lechner per sofort durch den früheren Chef Dieter Weisskopf, interimistisch. Rieter trennt CEO und Präsidium, wie es beim Amtsantritt des CEO vorgesehen war. In der Schweiz steht laut UBS und Universität St. Gallen bis Ende 2030 in fast 168 000 KMU eine Eigentumsübergabe an.

Montag, 19. Oktober 2026. Lindt & Sprüngli teilt mit, dass CEO Adalbert Lechner das Unternehmen per sofort verlässt. Er ist 65 und hat 33 Jahre für den Konzern gearbeitet. Der Verwaltungsrat begründet den Schritt damit, dass es eine neue operative Führung brauche, um zu nachhaltig starkem Wachstum zurückzukehren. Zu den näheren Umständen macht Lindt keine Angaben (SRF).

Interimistisch übernimmt Dieter Weisskopf, 71. Er war lange Finanzchef, führte den Konzern bis 2022 und sitzt im Verwaltungsrat. Ein definitiver Nachfolger soll spätestens im zweiten Quartal 2027 feststehen (SRF). Welche Zahlen hinter dem Wechsel stehen, hat Leitgrad im Beitrag «Lindt wechselt den Chef» eingeordnet. Dieser Text handelt von etwas anderem: vom Abschied selbst.

Am selben Tag erscheint bei INSEAD Knowledge ein Text mit der Frage: «Does Your Organisation Know How to Say Goodbye?» Mit Lindt hat er nichts zu tun, die beiden Autoren erwähnen den Konzern nicht. Er liest sich trotzdem wie ein Handbuch für genau diesen Moment.

Reden, bevor jemand gehen muss

Die Autoren sind Graham Ward, Adjunct Professor für Organisationsverhalten an der INSEAD, und Isabelle Lebbe, Executive Coach mit Schwerpunkt Karriereübergänge. Ihre These: Wie eine Organisation Abschiede gestaltet, zeigt, wie gesund sie ist (INSEAD Knowledge).

Ihre Empfehlungen sind konkret. Strukturierte Übergangsgespräche sollen mindestens zwei bis drei Jahre vorher beginnen. Eine formelle Rolle als «Senior Adviser» mit definiertem Umfang und definierter Dauer diene der Organisation und dem Menschen. Unbefristeter informeller Einfluss dagegen verwische die Grenzen und untergrabe die Nachfolger, schreiben Ward und Lebbe (Übersetzung Leitgrad). Die Übergabe soll öffentlich geschehen. Der Vorgänger stützt den Nachfolger und wird nicht in Entscheide einbezogen, die diesem gehören.

Unilever und Siemens haben laut den Autoren Coaching-Programme vor dem Ruhestand eingeführt, die Jahre im Voraus beginnen. Für deren Wirkung gibt es bisher nur anekdotische Belege. Die Überschrift des Abschnitts sagt, worum es geht: Übergänge gestalten, nicht Enden.

Zeitachse aus Kalenderblättern, ein Blatt steht für einen Monat. 24 dunkle Blätter und 12 gestrichelte Blätter für zwei bis drei Jahre Übergangsgespräche vor der Übergabe, ein rotes Blatt für die öffentliche Übergabe, danach eine Beraterrolle mit Umfang und Dauer, die mit einem Enddatum schliesst
Grafik: Leitgrad. Quelle: Graham Ward und Isabelle Lebbe, INSEAD Knowledge (19.10.2026). Die Dauer der Beraterrolle nennt INSEAD nicht, sie ist im Einzelfall festzulegen.

Loslassen ist eine Frage der Reife

Warum das so schwer ist, erklären die Autoren mit dem Entwicklungspsychologen Robert Kegan. Er unterscheidet Entwicklungsstufen im Denken Erwachsener. Die meisten Menschen stehen laut Ward und Lebbe auf der Stufe des «sozialisierten» Denkens, in dem die Erwartungen und Werte des Umfelds die eigene Identität stark prägen. Rund 35 Prozent erreichen das «selbstbestimmte» Denken, nur etwa 5 Prozent das «selbsttransformierende» darüber. Eine Quelle für diese Anteile nennt der Artikel nicht.

Für Organisationen ziehen die Autoren eine klare Linie. Wo sozialisiertes Denken vorherrscht, neigt die Organisation zu ängstlicher Bindung. Sicher gebundene Organisationen werden von Menschen mit selbstbestimmtem Denken geprägt. Wer sein Lebenswerk übergibt, gibt mehr ab als ein Büro. Er gibt eine Rolle ab, in der ihn andere jahrzehntelang gesehen haben.

Zwei Konzerne, drei Übergaben

Lindt kennt auch die geplante Variante. Am 17. März 2022 kündigte der Konzern an, dass Weisskopf als CEO zurücktritt und Lechner folgt. Weisskopf sollte in den Verwaltungsrat gewählt werden (cash.ch). Die Generalversammlung im April wählte ihn, der Wechsel erfolgte per 1. Oktober 2022 (cash.ch). Zwischen Ankündigung und Wechsel lagen nach eigener Rechnung 198 Tage. 2026 waren es null. Eine Trennung, die ein Verwaltungsrat beschliesst, lässt sich allerdings nicht wie ein Rücktritt planen. Der Vorgänger im Verwaltungsrat war in diesem Fall derjenige, der sofort übernehmen konnte.

Rieter zeigt eine dritte Form. Am 30. September 2026 gab der Winterthurer Konzern bekannt, dass Thomas Oetterli sein Amt als CEO per 31. Oktober niederlegt und das Präsidium des Verwaltungsrats abgibt. Daniel Lippuner übernimmt am 1. November die Konzernleitung, Carl Illi das Präsidium bis zur Generalversammlung am 14. April 2027. Die Trennung von CEO und Präsidium war laut Mitteilung schon bei Oetterlis Amtsantritt vorgesehen (Rieter). Ein Abgang mit eingebautem Enddatum, und ein Übergangspräsidium mit festem Termin.

Kalenderblätter als Piktogramme, ein Blatt steht für einen Tag zwischen öffentlicher Ankündigung und Chefwechsel. Lindt 2022: 198 Blätter. Rieter 2026: 32 Blätter. Lindt 2026: kein Blatt, null Tage, per sofort
Grafik: Leitgrad. Quellen: Keystone-SDA via cash.ch (17.3.2022, 27.6.2022), Rieter (30.9.2026), SRF (19.10.2026). Tage eigene Rechnung, ab der öffentlichen Ankündigung; interne Gespräche davor sind nicht bekannt.

Die Frage, die jeder Patron beantworten kann

Was bei Konzernen Schlagzeilen macht, passiert in KMU leise und tausendfach. 32 Prozent der KMU planen, ihr Eigentum in den nächsten fünf Jahren ganz oder teilweise zu übertragen. Hochgerechnet steht damit in fast 168 000 Schweizer KMU bis Ende 2030 eine Eigentumsübergabe an. Rund 109 000 davon gelten als realisierbar, rund 59 000 könnten scheitern (UBS und CFB-HSG). Warum Kinder die Firma oft nicht übernehmen, hat Leitgrad im Nachfolge-Radar vom 16. Oktober beschrieben.

Viele Inhaber wechseln nach der Übergabe in den Verwaltungsrat. Das Gesetz setzt dort eine Amtsdauer, aber kein Ende. Bei nicht kotierten Aktiengesellschaften beträgt sie drei Jahre, sofern die Statuten nichts anderes vorsehen, höchstens sechs. Wiederwahl ist zulässig (Art. 710 OR). Das Enddatum muss also jemand selbst setzen.

Daraus folgt eine Frage, die sich jeder Patron in einer Minute beantworten kann: Steht in Ihrem VR-Mandat nach der Übergabe ein Enddatum?

Zum Mitnehmen: Der Abschied in fünf Schritten

  1. Früh reden: Das erste strukturierte Gespräch über den eigenen Abgang mindestens zwei bis drei Jahre vor dem geplanten Termin führen, mit Verwaltungsrat, Familie oder Kader.
  2. Die Rolle danach beschreiben: Bleibt der Vorgänger als Berater oder im Verwaltungsrat, schriftlich festhalten, wofür er zuständig ist und bis wann. Ward und Lebbe empfehlen beides, Umfang und Dauer.
  3. Öffentlich übergeben: Den Wechsel gegenüber Belegschaft, Kunden und Bank gemeinsam ankündigen. Der Vorgänger stellt sich sichtbar hinter den Nachfolger.
  4. Entscheide abgeben: Was dem Nachfolger gehört, entscheidet der Nachfolger. Der Vorgänger wird dazu nicht beigezogen, auch nicht informell.
  5. Die Reserve klären: Festlegen, wer im Notfall interimistisch übernimmt. Bei Lindt war es 2026 der frühere CEO aus dem Verwaltungsrat.

Häufige Fragen

Wie lange vor der Übergabe sollte man die Nachfolge besprechen?

Graham Ward und Isabelle Lebbe empfehlen in INSEAD Knowledge strukturierte Übergangsgespräche mindestens zwei bis drei Jahre im Voraus. Laut UBS-Nachfolgestudie werden Dauer und Komplexität einer Übergabe oft unterschätzt.

Wie lange dauert ein Verwaltungsratsmandat in der Schweiz?

Bei nicht kotierten Aktiengesellschaften drei Jahre, sofern die Statuten nichts anderes bestimmen, höchstens aber sechs. Bei kotierten Gesellschaften endet die Amtsdauer spätestens mit der nächsten ordentlichen Generalversammlung. Eine Wiederwahl ist in beiden Fällen möglich (Art. 710 OR).

Sollte der frühere Chef nach der Übergabe im Verwaltungsrat bleiben?

Das Gesetz lässt es zu. INSEAD rät zu einer Rolle mit definiertem Umfang und definierter Dauer und warnt vor unbefristetem informellem Einfluss, weil er Nachfolger schwächt.

Quellen

  1. Graham Ward, Isabelle Lebbe, INSEAD Knowledge, «Does Your Organisation Know How to Say Goodbye?», 19. Oktober 2026 knowledge.insead.edu
  2. SRF, SDA/AWP, «Entscheid des Verwaltungsrats: Lindt-Chef Lechner muss per sofort gehen», 19. Oktober 2026 srf.ch
  3. Keystone-SDA via cash.ch, «Lindt & Sprüngli ernennt Adalbert Lechner zum neuen CEO», 17. März 2022 cash.ch
  4. Keystone-SDA via cash.ch, «Lindt & Sprüngli konkretisiert Datum des CEO-Wechsels», 27. Juni 2022 cash.ch
  5. Rieter, Ad-hoc-Mitteilung «Führungswechsel bei Rieter», 30. September 2026 rieter.com
  6. UBS und Center for Family Business der Universität St. Gallen, Unternehmensnachfolge in Schweizer KMU, Kurzstudie 1, Januar 2026 unisg.ch (PDF)
  7. Obligationenrecht, Art. 710 (Amtsdauer des Verwaltungsrats), SR 220 fedlex.admin.ch
  8. Leitgrad, «Familiennachfolge: Woran es wirklich scheitert, wenn die Kinder nicht übernehmen», 16. Oktober 2026 leitgrad.ch

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