Illustration: Leitgrad. Quellen: Lindt & Sprüngli, Halbjahresbericht 2026 (21.7.2026) und Mitteilung zum Führungswechsel (19.10.2026). Die Neigung der Waage ist symbolisch.

Macht · 6 min ·

11,8 Prozent teurer, deutlich weniger verkauft. Lindt wechselt den Chef

Nach 33 Jahren im Haus muss Adalbert Lechner per sofort gehen, sein Vorgänger übernimmt vorerst wieder. Hinter dem Wechsel in Kilchberg steht eine Frage, die sich jedes KMU mit steigenden Kosten stellt: Wie viel Aufschlag trägt die Kundschaft?

Illustration: Eine Balkenwaage aus Messing auf einem Tisch. Links sitzt ein goldener Schokoladenhase in der Schale, die nach oben steigt. Rechts liegt ein grosses Preisetikett mit der Aufschrift plus 11,8 Prozent, seine Schale sinkt nach unten. Darüber die Zeilen 11,8 Prozent mehr Preis, 7,5 Prozent weniger Menge.

Illustration: Leitgrad. Quellen: Lindt & Sprüngli, Halbjahresbericht 2026 (21.7.2026) und Mitteilung zum Führungswechsel (19.10.2026). Die Neigung der Waage ist symbolisch.

Kurz gesagt: Lindt & Sprüngli trennt sich per sofort von CEO Adalbert Lechner, das teilte der Konzern am 19. Oktober 2026 mit. Interimistisch führt Verwaltungsrats-Vizepräsident Dieter Weisskopf, der bis 2022 selbst Konzernchef war, bis spätestens im zweiten Quartal 2027 eine Nachfolge ernannt ist. Im ersten Halbjahr 2026 erhöhte Lindt die Preise um 11,8 Prozent, Volumen und Mix sanken um 7,5 Prozent. Die Prognose für das organische Wachstum 2026 liegt nach zwei Senkungen bei 0 bis 2 Prozent statt ursprünglich 6 bis 8 Prozent.

Montag, Kilchberg. Eine Ad-hoc-Mitteilung, ein Satz, der alles sagt. Der Verwaltungsrat sei der Überzeugung, dass es eine neue operative Führung brauche, um zu nachhaltigem, starkem Wachstum zurückzukehren. So steht es in der Medienmitteilung vom 19. Oktober 2026. Adalbert Lechner verlässt das Unternehmen. Mit sofortiger Wirkung.

Lechner ist 65. Er war 33 Jahre im Haus, Konzernchef seit Oktober 2022, berichtet SRF. Zu den Umständen macht Lindt keine weiteren Angaben. Der Verwaltungsrat dankt ihm in der Mitteilung für seinen Beitrag über drei Jahrzehnte und für seine umsichtige Führung.

Am selben Tag gibt Lindt einen zweiten Wechsel bekannt: Deutschland-Chef Michal Spiller verlässt das Unternehmen, Ali Kulein, bisher CEO Österreich, soll übernehmen. Die Wechsel in Deutschland und Österreich gelten ab dem 26. Oktober.

Wer die Preise nicht erhöht, verliert die Marge. Wer sie erhöht, verliert Menge

Gegen Lechner ist kein persönlicher Vorwurf belegt. Belegt ist eine Lage, in der jede Wahl etwas kostet. Die Preiserhöhungen waren wegen der historisch hohen Kakaopreise notwendig, schreibt Lindt in der Mitteilung vom 29. September 2026. Inzwischen haben sich die Kakaopreise abgeschwächt, der Kostendruck soll sich schrittweise normalisieren.

Die Rechnung des ersten Halbjahrs steht im Halbjahresbericht vom 21. Juli: Preise im Konzern plus 11,8 Prozent, Volumen und Mix minus 7,5 Prozent, organisches Wachstum plus 4,3 Prozent. Nordamerika wuchs organisch um 12,7 Prozent. Europa schrumpfte um 2,1 Prozent. Deutschland, die Schweiz und Grossbritannien nennt Lindt dort als reife, preissensible Märkte.

Zwei Schokoladentafeln mit je 100 Stücken, ein Stück steht für 1 Prozent der Vorjahresmenge. Links das erste Halbjahr 2025 mit 100 vollen Stücken. Rechts das erste Halbjahr 2026 mit 92,5 vollen Stücken und 7,5 rot gestrichelten, fehlenden Stücken, darunter Preise plus 11,8 Prozent.
Grafik: Leitgrad. Quelle: Lindt & Sprüngli, Halbjahresbericht 2026 (21.7.2026), Konzernwerte für Volumen und Mix

Dann kam der Sommer. Ende September senkte Lindt die Prognose zum zweiten Mal, auf 0 bis 2 Prozent. Ursprünglich waren 6 bis 8 Prozent erwartet. Die Kundschaft sei preissensibel, die Stimmung gedämpft, dazu die extreme Hitze in Europa. Leitgrad hat das im Beitrag «Lindt senkt die Prognose zum zweiten Mal» eingeordnet. Lechner selbst rechnete damals mit einer Erholung: Man gehe davon aus, 2027 wieder ein positives Volumenwachstum zu erzielen.

Die Börse wartete nicht. Die Aktie hat in den vergangenen Monaten über 30 Prozent an Wert verloren, sagt SRF-Wirtschaftsredaktor Matthias Heim. Lindt hat inzwischen einzelne Preise gesenkt und setzt auf kleinere Packungen.

Der Vorgänger kehrt zurück, mit Ablaufdatum

Dieter Weisskopf ist 71. Er war viele Jahre Finanzchef, bis 2022 Konzernchef und sitzt heute als Vizepräsident im Verwaltungsrat. Jetzt führt er zusätzlich das operative Geschäft. Seine Aufträge laut Mitteilung: Wachstum in Europa wiederbeleben, die Position in Nordamerika und Asien-Pazifik ausbauen, deutlich in die Marken investieren. Sein Satz dazu: Er wolle dem nächsten CEO ein dynamisches Unternehmen mit Ambition und frischem Wind übergeben. Die Nachfolge soll spätestens im zweiten Quartal 2027 feststehen.

Rückkehrer an der Spitze sind ein eigenes Forschungsfeld. Die MIT Sloan Management Review hat 167 sogenannte Bumerang-CEOs in Firmen des S&P 1500 von 1992 bis 2017 untersucht und mit über 6000 anderen Chefs verglichen. Die jährliche Aktienperformance unter den Rückkehrern lag im Schnitt um 10,1 Prozent tiefer. Erfolgsgeschichten seien die Ausnahme, nicht die Regel.

Ob das auf Kilchberg passt, ist offen. Die Studie betrifft US-Konzerne und unterscheidet nicht eigens nach Übergangslösungen. Weisskopf ist als Übergang gesetzt, mit einer Frist von rund acht Monaten. Der Wert dieser Phase liegt deshalb in einer sauberen Übergabe, nicht in einer zweiten Amtszeit.

Die Frage, die jeder Chef beantworten muss

Lindt setzte im ersten Halbjahr 2,33 Mrd. Franken um. Die Frage dahinter stellt sich jedem Bäcker, Schreiner und Softwarehaus mit steigenden Kosten: Wie viel Aufschlag trägt die eigene Kundschaft?

Rafi Mohammed, Preisberater und Autor von «The Art of Pricing», hat am 15. Oktober in der Harvard Business Review zehn Preisstrategien gegen anhaltende Teuerung beschrieben. Sein Ausgangspunkt: Wer steigende Kosten einfach in den Preis legt, kann Kunden vertreiben und den Gesamtgewinn senken. Als Alternativen nennt er gezielte Rabatte, Bündel, günstigere und teurere Varianten neben dem Kernangebot sowie Verträge, die Kunden Sicherheit über künftige Preise geben.

Einiges davon tut Lindt bereits. Kleinere Packungen sind eine günstigere Variante. Die Mitteilung vom September spricht von einer angepassten Preisstrategie, die 2027 wieder Volumenwachstum bringen soll. Der Unterschied zwischen einem Konzern und einem KMU liegt vor allem im Tempo: Ein KMU merkt nach zwei Wochen, ob die Stammkundschaft wegbleibt. Und kann am Montag reagieren.

Zum Mitnehmen: Die Preisprobe vor dem Aufschlag

  1. Die Schwelle rechnen. Bei einem Deckungsbeitrag von d Prozent und einer Preiserhöhung von p Prozent darf die Menge um höchstens p ÷ (d + p) sinken, bevor der Deckungsbeitrag in Franken schrumpft. Beispiel: 40 Prozent Deckungsbeitrag, 10 Prozent Aufschlag, Schwelle 10 ÷ 50 = 20 Prozent weniger Menge (eigene Rechnung).
  2. Nach Märkten trennen. Lindt wuchs in Nordamerika um 12,7 Prozent und verlor in Europa. Prüfen Sie, welche Kundengruppen, Regionen oder Kanäle preissensibel sind, statt überall gleich aufzuschlagen.
  3. Varianten statt Pauschale. Eine günstigere Einstiegsvariante, eine Premiumvariante, Bündel oder gezielte Rabatte, wie sie Rafi Mohammed in der HBR beschreibt.
  4. Sicherheit verkaufen. B2B-Kunden schätzen Preisgarantien über eine feste Laufzeit. Das kann einen Aufschlag tragen, den eine Einzelbestellung nicht trägt.
  5. Menge wöchentlich messen. Umsatz allein täuscht: Bei Lindt wuchs der Umsatz organisch, während die Menge sank. Stückzahlen, Bestellfrequenz und Stammkunden getrennt verfolgen.
  6. Rückweg planen. Sinken die Rohstoffkosten, wie beim Kakao, vorher festlegen, wann und wie der Preis wieder angepasst wird.

Häufige Fragen

Warum muss Lindt-Chef Adalbert Lechner gehen?

Der Verwaltungsrat begründet den Wechsel damit, dass es eine neue operative Führung brauche, um zu nachhaltigem, starkem Wachstum zurückzukehren. Weitere Gründe nennt Lindt nicht. Hintergrund sind Preiserhöhungen von 11,8 Prozent im ersten Halbjahr 2026, ein Mengenrückgang und eine zweimal gesenkte Prognose.

Wer ist der neue CEO von Lindt & Sprüngli?

Interimistisch führt Dieter Weisskopf, Vizepräsident des Verwaltungsrats und bis 2022 Konzernchef. Eine dauerhafte Nachfolge soll spätestens im zweiten Quartal 2027 ernannt werden.

Warum hat Lindt die Preise erhöht?

Wegen historisch hoher Kakaopreise, schreibt Lindt. Inzwischen haben sich die Kakaopreise abgeschwächt. Lindt hat einzelne Preise gesenkt, setzt auf kleinere Packungen und eine angepasste Preisstrategie für 2027.

Quellen

  1. Lindt & Sprüngli, «Lindt & Sprüngli gibt Führungswechsel bekannt», Ad-hoc-Mitteilung, 19. Oktober 2026 lindt-spruengli.com
  2. SRF, «Entscheid des Verwaltungsrats: Lindt-Chef Lechner muss per sofort gehen», 19. Oktober 2026 srf.ch
  3. Lindt & Sprüngli, «Lindt & Sprüngli passt Ausblick für Umsatzwachstum 2026 an», 29. September 2026 lindt-spruengli.com
  4. Lindt & Sprüngli, «Lindt & Sprüngli reports solid half-year results and confirms full-year guidance», 21. Juli 2026 lindt-spruengli.com
  5. MIT Sloan Management Review, «Boomerang CEOs: What Happens When the CEO Comes Back?» sloanreview.mit.edu
  6. Rafi Mohammed, «10 Pricing Strategies to Deal with Persistent Inflation», Harvard Business Review, 15. Oktober 2026 hbr.org
  7. Leitgrad, «Lindt senkt die Prognose zum zweiten Mal. Bei 37 Grad kauft niemand Schokolade», 1. Oktober 2026 leitgrad.ch

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