Illustration: Leitgrad. Quellen: Tamedia, Medienmitteilung vom 5.10.2026; Horizont, 28.11.2024 (Entlassungsstopp bis Ende September 2026); watson, 20.10.2026.
Zwei Jahre Kündigungsschutz, fünf Tage Pause: Tamedia streicht 34 Stellen
Ende September lief bei Tamedia der Entlassungsstopp aus, am 5. Oktober kam der nächste Abbau. Jetzt protestiert die Belegschaft. Was der Fall über Umbau mit KI zeigt und ab wann das OR eine Konsultation verlangt.

Illustration: Leitgrad. Quellen: Tamedia, Medienmitteilung vom 5.10.2026; Horizont, 28.11.2024 (Entlassungsstopp bis Ende September 2026); watson, 20.10.2026.
Kurz gesagt: Tamedia will in den News-Redaktionen in Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf 34 Vollzeitstellen streichen, betroffen sind 41 Personen. Angekündigt hat das Medienhaus den Abbau am 5. Oktober 2026, fünf Tage nach dem Ende eines Entlassungsstopps, den es 2024 zugesagt hatte. Eine neue zentrale Einheit «AI & Data» soll den Umbau tragen. Am 20. Oktober protestierten über 100 Angestellte vor dem Hauptsitz an der Werdstrasse in Zürich.
Dienstagmittag, Werdstrasse, Zürich. Über 100 Angestellte von Tamedia stehen vor dem eigenen Hauptsitz. Auf ihren Schildern steht «Journalismus statt KI», berichtet watson. Sie fordern einen Stopp der Kündigungen, ein Konsultationsverfahren auch in der Deutschschweiz, die Prüfung freiwilliger Abgänge und Investitionen in Journalismus von Menschen. Der Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta (SP) stellte sich hinter den Protest.
Der Anlass liegt gut zwei Wochen zurück. Am 5. Oktober kündigte Tamedia an, die Redaktionen neu aufzustellen und 34 Vollzeitstellen abzubauen, so steht es in der Medienmitteilung. Betroffen sind 41 Mitarbeitende: 28 in der Deutschschweiz, 9 in der Romandie und 4 am Print-Desk, wie plattformj aufschlüsselt. Die Betroffenen sollen es bis Ende Oktober in persönlichen Gesprächen erfahren.
Die Schonfrist lief am 30. September ab
Der Zeitpunkt hat eine Vorgeschichte. Im August 2024 kündigte Tamedia an, 290 Vollzeitstellen abzubauen, 200 in den Druckereien und 90 in den Redaktionen (moneycab). Nach internen Wechseln und natürlichen Abgängen blieben 55 Redaktionsstellen, 30 in der Deutschschweiz und 25 in der Romandie.
Im November 2024 handelte der Berufsverband Impressum mit den Personalvertretungen ein Zugeständnis aus: keine Entlassungen in den neu aufgestellten Redaktionen bis Ende September 2026, berichtete Horizont. Die verbliebenen Angestellten hätten «zumindest für die nächsten zwei Jahre Sicherheit», sagte damals Impressum-Zentralsekretär Étienne Coquoz.
Die zwei Jahre endeten am 30. September 2026. Am Montag, 5. Oktober, folgte die Ankündigung. Die Gewerkschaft Syndicom kritisierte zusätzlich, dass sie in die Herbstferien fiel. «Tamedia muss diesen Entscheid überdenken», sagte Vizepräsidentin Stephanie Vonarburg zu cash.ch.

Das alte Geschäft schrumpft schneller, als das neue wächst
Tamedia begründet den Schritt mit veränderter Mediennutzung und einem Werbemarkt, der «nach wie vor stark rückläufig» sei. Werbegeld aus der Schweiz fliesse zunehmend zu globalen Plattformen. Wie sich der Schweizer Werbemarkt verschiebt, hat Leitgrad am Beispiel einer Zürcher Agentur beschrieben.
Die Halbjahreszahlen der Mutter TX Group zeigen, wie eng es ist. Im ersten Halbjahr 2026 sank der Betriebsertrag von Tamedia um 8,6 Prozent auf 175,1 Millionen Franken. Das bereinigte Betriebsergebnis fiel auf 4,8 Millionen Franken, die Marge auf 2,7 Prozent, heisst es in der Mitteilung zum Halbjahr.
Allein die Erlöse aus gedruckten Abos und Einzelverkauf gingen um 10,9 Millionen Franken zurück. Digital wächst Tamedia durchaus: Die digitale Werbung legte um 18 Prozent zu, 207 000 der 601 000 bezahlten Abos sind digital, 7 Prozent mehr als vor einem Jahr. Unter dem Strich sank der Ertrag trotzdem. Was digital dazukommt, gleicht den Rückgang im Print noch nicht aus.
An der Börse fiel die Nachricht kaum auf. Die Aktie der TX Group schloss am 5. Oktober 0,59 Prozent höher bei 169,40 Franken, meldete finanzen.ch. Für eine Gruppe mit über 400 Millionen Franken Betriebsertrag im Halbjahr sind 34 Stellen eine kleine Grösse. Im Silicon Valley haben Anleger Stellenabbau zuletzt teils kräftig belohnt: Nach der Ankündigung von 11 000 Entlassungen im November 2022 stieg die Aktie von Meta bis Februar 2023 um fast 80 Prozent. Microsoft schloss am Tag seines Abbaus dagegen tiefer, berichtete das Recruiting News Network. Einen Automatismus gibt es an der Börse also nicht.
«AI & Data» wird zur zentralen Einheit
Die neue Organisation soll Aufgaben bündeln, Abläufe vereinfachen und automatisieren und KI gezielt einsetzen. «AI & Data» wird laut Tamedia zur zentralen Einheit. Für die Betroffenen gilt ein Sozialplan mit Unterstützung bei der Weiterbildung und Möglichkeiten zur Frühpensionierung, wo möglich sucht Tamedia interne Lösungen. CEO Jessica Peppel-Schulz sagt in der Mitteilung: «Hinter jeder Stelle stehen Menschen, die Tamedia mit ihrem Engagement geprägt haben.»
In den Redaktionen kommt der Umbau anders an. Laut der Republik müssen Redaktorinnen und Redaktoren zahlreiche obligatorische KI-Kurse besuchen und KI-Werkzeuge möglichst oft einsetzen. Viele verstünden das als Schritt dahin, dass es weniger Schreibende braucht. Die Republik schreibt zudem, Tamedia veröffentliche bereits KI-Texte ohne Kennzeichnung. Eine Tamedia-Sprecherin sagt dort, Ziel sei nicht, menschlichen Journalismus durch KI zu ersetzen. TX-Präsident Pietro Supino sagte Ende August in Genf, Tamedia brauche nicht unbedingt weniger Leute, aber Leute mit anderen Profilen.
Was das Obligationenrecht bei einem Abbau verlangt
Ein Konsultationsverfahren läuft derzeit nur in der Romandie. Warum, sagt Tamedia in der Mitteilung nicht. Impressum fordert ein vergleichbares Verfahren auch für die Deutschschweiz, obwohl dort kein Gesamtarbeitsvertrag gilt.
Für jedes Unternehmen in der Schweiz zieht das Obligationenrecht die Grenze. Als Massenentlassung gelten nach Art. 335d OR Kündigungen, die ein Arbeitgeber innert 30 Tagen in einem Betrieb aus Gründen ausspricht, die nichts mit der Person zu tun haben. Die Schwelle hängt von der Grösse des Betriebs ab:
- mehr als 20 und weniger als 100 Angestellte: ab 10 Kündigungen,
- 100 bis 299 Angestellte: ab 10 Prozent der Belegschaft,
- 300 und mehr Angestellte: ab 30 Kündigungen.
Dann muss der Arbeitgeber die Arbeitnehmervertretung konsultieren, oder die Angestellten selbst, wo es keine Vertretung gibt. Sie müssen schriftlich die Gründe, die Zahl der Betroffenen und den Zeitraum erfahren und Vorschläge machen können, wie sich Kündigungen vermeiden, beschränken oder abfedern lassen (Art. 335f OR). Die Massenentlassung ist dem kantonalen Arbeitsamt schriftlich anzuzeigen (Art. 335g OR). Wer in der Regel mindestens 250 Angestellte hat und mindestens 30 Kündigungen plant, muss über einen Sozialplan verhandeln (Art. 335i OR).
Wer die Konsultation unterlässt, riskiert, dass die Kündigungen als missbräuchlich gelten. Die Entschädigung beträgt dann bis zu zwei Monatslöhne pro Person (Art. 336 Abs. 2 lit. c und Art. 336a Abs. 3 OR). Ob Kündigungen an mehreren Standorten zusammen zählen, hängt davon ab, was im Einzelfall als Betrieb gilt.
Warum der Ablauf so viel zählt wie die Zahl
Der Abbau fällt kleiner aus, als in den Redaktionen befürchtet. Laut plattformj war zuvor von bis zu einem Drittel der Stellen die Rede. Trotzdem steht ein Teil der Belegschaft auf der Strasse, und der Stadtpräsident steht daneben.
Für ein KMU, das selbst KI einführt oder umbaut, zeigt der Fall drei Dinge. Eine Zusage mit Enddatum wird am Enddatum gelesen. KI-Schulungen und Stellenabbau, die zeitlich zusammenfallen, versteht die Belegschaft als einen Plan, ob er so gemeint ist oder nicht. Und der Zeitpunkt einer Ankündigung wird selbst zur Nachricht, hier die Herbstferien.
Zum Mitnehmen: Wenn Stellen wegfallen
- Kündigungen über 30 Tage zählen. Ab 10 Kündigungen bei 21 bis 99 Angestellten, ab 10 Prozent bei 100 bis 299 und ab 30 bei 300 und mehr gilt die Massenentlassung nach Art. 335d OR.
- Zuerst konsultieren, dann kündigen. Gründe, Zahl der Betroffenen und Zeitraum schriftlich mitteilen, Vorschläge abwarten, eine Kopie ans Arbeitsamt.
- Das Danach gleich mitplanen. Wer eine Schonfrist gewährt, sagt am besten schon dann, was nach ihrem Ende gilt.
- KI-Einführung eigens erklären. Was die Werkzeuge für die einzelne Stelle bedeuten, gehört in ein eigenes Gespräch, nicht in die Abbaumitteilung.
- Im Zweifel das Arbeitsamt fragen. Die Kantone beraten zu Massenentlassungen, der Kanton Zürich etwa mit einem Merkblatt.
Häufige Fragen
Wie viele Stellen baut Tamedia 2026 ab?
Tamedia streicht 34 Vollzeitstellen in den News-Redaktionen in Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf. Betroffen sind 41 Personen: 28 in der Deutschschweiz, 9 in der Romandie und 4 am Print-Desk. Angekündigt wurde der Abbau am 5. Oktober 2026.
Ab wann gilt in der Schweiz eine Massenentlassung?
Nach Art. 335d OR, wenn ein Arbeitgeber innert 30 Tagen in einem Betrieb aus Gründen kündigt, die nicht mit der Person zusammenhängen: ab 10 Kündigungen in Betrieben mit 21 bis 99 Angestellten, ab 10 Prozent in Betrieben mit 100 bis 299 und ab 30 Kündigungen in Betrieben mit 300 und mehr Angestellten.
Was muss ein Arbeitgeber bei einer Massenentlassung tun?
Er muss die Arbeitnehmervertretung oder die Angestellten konsultieren und die Massenentlassung dem kantonalen Arbeitsamt schriftlich anzeigen. Ab 250 Angestellten und mindestens 30 Kündigungen muss er zudem über einen Sozialplan verhandeln.
Quellen
- Tamedia, «Tamedia stellt Redaktionen neu auf und plant den Abbau von 34 Vollzeitstellen», 5. Oktober 2026 tamedia.ch
- watson, «Tamedia-Angestellte protestieren in Zürich gegen Entlassungen», 20. Oktober 2026 watson.ch
- plattformj, «Stellenabbau bei Tamedia geht weiter», 5. Oktober 2026 plattformj.ch
- cash.ch, «Tamedia streicht weitere 34 Stellen in den News-Redaktionen», 5. Oktober 2026 cash.ch
- Republik, «Bei Tamedia übernimmt die Maschine», 9. Oktober 2026 republik.ch
- TX Group, Medienmitteilung zum Halbjahresergebnis 2026, 25. August 2026 tx.group
- finanzen.ch, «TX Group-Aktie fester: Tamedia kündigt Abbau von Stellen an», 5. Oktober 2026 finanzen.ch
- Recruiting News Network, «Do layoffs pay off? Meta, Amazon, other tech stocks paint a mixed picture», 27. Februar 2023 recruitingnewsnetwork.com
- moneycab, «Tamedia will 290 Vollzeitstellen streichen», 27. August 2024 moneycab.com
- Horizont, «Zugeständnis: Tamedia sichert Arbeitsplatzerhalt für zwei Jahre zu», 28. November 2024 horizont.net
- Obligationenrecht, Art. 335d bis 335j und 336a OR (SR 220) fedlex.admin.ch
- Kanton Zürich, Amt für Arbeit, Merkblatt Massenentlassungen zh.ch
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