Illustration: Leitgrad

Ausland, Briefing, USA · 7 min ·

Ein KI-Rechenzentrum mit einem Gigawatt verliert in 98 von 100 Simulationen Geld. Die Schweiz rechnet kleiner.

Der US-Tech-Unternehmer James Thomason hat ein KI-Rechenzentrum mit einem Gigawatt 50 000 Mal durchgerechnet. Bei heutigen Baukosten und Mietpreisen verliert es in 98 Prozent der Fälle Geld. Was die Simulation zeigt, was sie nicht zeigt und warum die Schweiz in Megawatt baut, etwa Green in Lupfig. Was in Birr entsteht, ist noch offen.

Illustration: Ein riesiger Rechenzentrumsblock vor einem kleinen Stundenzähler

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Kurz gesagt: Rechnet sich ein KI-Rechenzentrum mit einem Gigawatt Leistung? Der US-Tech-Unternehmer James Thomason hat es in 50 000 Simulationen durchgespielt. Bei heutigen Baukosten und Mietpreisen für Rechenleistung verliert ein solches Rechenzentrum in 98 Prozent der Durchläufe Geld. Im Median ergibt sich ein Barwert von minus 12,1 Milliarden Dollar. Das ist eine Modellrechnung mit offengelegten Annahmen, keine Tatsache. Für die Schweiz ist sie trotzdem lehrreich. Hier wird in Megawatt gebaut, nicht in Gigawatt. Und für KMU, die Rechenleistung mieten, sind fallende Preise zunächst eine gute Nachricht.

Am 27. Oktober veröffentlichte James Thomason seinen Essay «The gigawatt question». Thomason arbeitete nach eigenen Angaben zur Zeit der Dotcom-Blase beim Rechenzentrumsbetreiber Exodus Communications. Exodus setzte laut Thomason auf Wachstum statt Gewinn und meldete im September 2001 Insolvenz an. Thomason fragt, ob sich die Geschichte bei den heutigen KI-Rechenzentren wiederholt.

Dafür baute er ein Modell eines KI-Rechenzentrums mit einem Gigawatt Leistung, rund 390 000 Grafikprozessoren und einem Zeithorizont von 12 Jahren. Mit einer sogenannten Monte-Carlo-Simulation zog er 50 000 Mal zufällige Werte aus Bandbreiten, die er aus aktuellen Marktdaten ableitet, etwa für Baukosten, Mietpreise und Kapitalkosten. Am Ende steht, wie oft das Rechenzentrum über die ganze Laufzeit Geld verdient.

100 Punkte, davon 98 rot: In 98 Prozent von 50 000 Simulationen verliert ein KI-Rechenzentrum mit 1 Gigawatt Geld, Median minus 12,1 Milliarden Dollar
Quelle: James Thomason, «The gigawatt question», 27.10.2026. Simulation, keine Messung. Grafik: Leitgrad

Die Annahmen

Ein Gigawatt kostet laut Thomasons Quellen zwischen 35 Milliarden Dollar (Schätzung des Analysehauses Bernstein) und 50 bis 60 Milliarden Dollar (Nvidia-Chef Jensen Huang). Im Modell liegt die Spanne bei 35 bis 62 Milliarden. Die Auslastung setzt er bei 85 Prozent an. 80 Prozent der Rechenzeit sind fest vermietet, zu rund 3.75 Dollar pro Grafikprozessor und Stunde, 20 Prozent gehen zu rund 7 Dollar auf den freien Markt. Das ergibt im ersten Jahr rund 12,9 Milliarden Dollar Umsatz.

Danach sinkt der Umsatz im Modell um rund 7 Prozent pro Jahr, solange die Verträge laufen, weil nur der frei vermietete Anteil zu tieferen Preisen neu vergeben wird. Die Kapitalkosten liegen zwischen 7 und 11,5 Prozent, das Gebäude wird über 20 Jahre abgeschrieben. Wie schnell die Mietpreise fallen können, zeigt der H100-Mietindex von Silicon Data, den Thomason zitiert: Ein Nvidia-H100-Chip, der vor wenigen Jahren oft 7 bis 10 Dollar pro Stunde kostete, ist heute für unter 3 Dollar zu mieten. Am 25. Oktober lag der Index bei 2.89 Dollar.

Die Annahmen der Simulation: Baukosten 35 bis 62 Milliarden Dollar, 390 000 Grafikprozessoren, 85 Prozent Auslastung, Mietpreise 3.75 und 7 Dollar pro Stunde, Horizont 12 Jahre
Quelle: James Thomason, 27.10.2026. Grafik: Leitgrad

Das Ergebnis

In 98 Prozent der Durchläufe verliert das Rechenzentrum Geld. Der Median liegt bei minus 12,1 Milliarden Dollar. Um die Gewinnschwelle zu erreichen, bräuchte es laut Thomason rund 6.50 Dollar pro Stunde. Heute liegen die Preise im Modell bei etwa 4.50 Dollar.

Entscheidend sind die Baukosten. Bleiben die Mietpreise konstant und kostet das Gigawatt nur 35 Milliarden, ergibt sich im Median ein Gewinn von 5,1 Milliarden Dollar, mit 14 Prozent Verlustrisiko. Bei 50 Milliarden kippt das Bild auf minus 6,3 Milliarden und 88 Prozent Verlustrisiko, bei 60 Milliarden auf minus 14,0 Milliarden und 99,5 Prozent. Kein einzelner Hebel innerhalb seiner Bandbreite bringt das Rechenzentrum im Median in die Gewinnzone, schreibt Thomason. Nötig wären gleichzeitig rund 50 Prozent mehr Umsatz, Baukosten nahe 35 bis 40 Milliarden und Mietpreise, die länger halten.

Bei konstanten Mietpreisen: 35 Milliarden Baukosten ergeben plus 5,1 Milliarden, 50 Milliarden minus 6,3 Milliarden, 60 Milliarden minus 14,0 Milliarden Dollar im Median
Quelle: James Thomason, 27.10.2026, Szenario mit konstanten Mietpreisen. Grafik: Leitgrad

Langfristige Mietverträge helfen, retten die Rechnung aber nicht. Thomason beziffert ihren Wert auf rund 7 Milliarden Dollar pro Gigawatt. Seine wichtigste Warnung zielt genau dorthin: Die Mieter müssen auch in einem Abschwung weiterzahlen, wenn jeder von ihnen einen Grund hätte, aufzuhören.

Was das Modell nicht sagt

Die Rechnung ist eine Simulation eines einzelnen Autors. Thomason legt seine Annahmen offen, ein unabhängiges Gutachten ist sie nicht. Strompreise und Betriebskosten weist der Essay nicht aus. Und sie bezieht sich auf einen bestimmten Typ Rechenzentrum: Betreiber, die selbst Grafikprozessoren kaufen und Rechenzeit stundenweise vermieten, wie der US-Anbieter CoreWeave. Bei CoreWeave lag die operative Marge nach Abschreibungen laut Thomason 2025 bei minus 0,9 Prozent.

Eine ähnliche Debatte läuft in China. Wie dort aus einer angeblich geplatzten KI-Blase vor allem ein kurzer Börsenrausch wurde, zeigt unser Faktencheck Chinas KI-Blase soll geplatzt sein.

Die Schweiz rechnet in Megawatt

Ein Gigawatt sind 1000 Megawatt. Zum Vergleich: Das neue Rechenzentrum, das der Schweizer Anbieter Green auf seinem Campus Zürich West in Lupfig AG baut, hat 12 Megawatt für Kundensysteme. Am 27. Oktober gab Green bekannt, auf dem ehemaligen ABB-Areal Grossacher und Grändel in Birr AG einen weiteren Campus zu planen, auf rund 250 000 Quadratmetern. Leistung, Investition und Zeitplan nennt Green nicht. Geplant sind laut Netzwoche Abwärme als Prozesswärme oder für ein Wärmenetz, Regelenergie für das Stromnetz und geschlossene Kühlkreisläufe.

Luftaufnahme des Industriestandorts Birr AG mit dem Werk von Brown Boveri im September 1963, Schwarzweiss
Der Industriestandort Birr AG im September 1963 mit dem Werk von Brown Boveri, einer Vorgängerfirma von ABB. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Werner Friedli / LBS_H1-023978 / CC BY-SA 4.0 (creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0), bearbeitet von Leitgrad

Auch beim Strom zeigt sich der Massstab. Alle Schweizer Rechenzentren zusammen brauchten 2024 laut einer Studie im Auftrag von Energie Schweiz rund 2,1 Terawattstunden, etwa 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Ein einziges Gigawatt-Rechenzentrum würde bei Volllast rund 8,8 Terawattstunden im Jahr brauchen, also gut viermal so viel (Rechnung Leitgrad: 1 Gigawatt mal 8760 Stunden).

Massstab: 1 Gigawatt entspricht rund 8,8 Terawattstunden bei Volllast, alle Schweizer Rechenzentren brauchten 2024 rund 2,1 Terawattstunden, Greens neues Rechenzentrum hat 12 Megawatt
Quellen: Studie TEP Energy im Auftrag von Energie Schweiz, via Netzwoche, 7.5.2026; Netzwoche, 27.8.2024 und 27.10.2026. Rechnung 1 GW mal 8760 Stunden: Leitgrad. Grafik: Leitgrad

Green vermietet Fläche und Leistung, die Kunden bringen ihre eigenen Systeme mit. Das ist ein anderes Geschäft als jenes in Thomasons Modell. Sicher ist es deswegen nicht: Auch Exodus vermietete Rechenzentren. Thomasons Satz dazu: «In 2001, the buildings were what survived.» Die Firma ging unter, die Gebäude blieben. Wie lange in der Schweiz ein Netzanschluss für ein neues Rechenzentrum dauert, zeigt unser Beitrag Drei Monate für das Rechenzentrum, drei bis zehn Jahre für den Anschluss.

Was das für KMU heisst

Für Firmen, die Rechenleistung mieten, ist der Preiszerfall zunächst eine gute Nachricht. Was vor wenigen Jahren 7 bis 10 Dollar pro Stunde kostete, gibt es heute für unter 3 Dollar. Wer KI-Anwendungen betreibt, profitiert davon. Die Kehrseite betrifft die Anbieter. Wer einen mehrjährigen Vertrag für Cloud- oder KI-Leistungen abschliesst, sollte deshalb wissen, wie solide sein Anbieter finanziert ist und was bei einem Ausfall mit den Daten passiert.

Vier Fragen vor einem mehrjährigen Cloud- oder KI-Vertrag
Grafik: Leitgrad

Mehr zu Strom, Netz und Rechenleistung in der Schweiz bündelt unser Dossier Energie und Rechenzentren.

Zum Mitnehmen

  1. 98 von 100 Simulationen im Minus. So rechnet James Thomason ein KI-Rechenzentrum mit einem Gigawatt bei heutigen Baukosten und Mietpreisen. Es ist ein Modell mit offenen Annahmen, keine Prognose.
  2. Die Schweiz baut kleiner. Greens neues Rechenzentrum in Zürich West hat 12 Megawatt. Ein Gigawatt würde bei Volllast gut viermal so viel Strom brauchen wie alle Schweizer Rechenzentren zusammen.
  3. Für Mieter von Rechenleistung sind fallende Preise gut. Bei langen Verträgen lohnt der Blick auf die Finanzierung und den Ausstiegsplan des Anbieters.

Häufige Fragen

Rechnet sich ein KI-Rechenzentrum mit einem Gigawatt?

Laut der Simulation von James Thomason meist nicht. Bei heutigen Baukosten von 35 bis 62 Milliarden Dollar und Mietpreisen um 4.50 Dollar pro Grafikprozessor und Stunde verliert ein solches Rechenzentrum in 98 Prozent von 50 000 Durchläufen Geld. Die Gewinnschwelle liegt im Modell bei rund 6.50 Dollar pro Stunde.

Wie viel Strom brauchen Schweizer Rechenzentren?

Rund 2,1 Terawattstunden im Jahr 2024, etwa 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Das zeigt eine Studie im Auftrag von Energie Schweiz. Bis 2030 rechnet sie mit 2,5 bis 3,2 Terawattstunden, im Hochszenario mit 3,5.

Was plant Green in Birr?

Green hat am 27. Oktober 2026 bekanntgegeben, auf dem ehemaligen ABB-Areal in Birr AG einen Rechenzentrums-Campus auf rund 250 000 Quadratmetern zu planen. Leistung, Investition und Zeitplan hat Green nicht genannt.

Quellen

  1. James Thomason, «The gigawatt question», 27. Oktober 2026 jamesthomason.com
  2. Netzwoche, «Green plant Datacenter-Campus auf ehemaligem ABB-Areal», 27. Oktober 2026 netzwoche.ch
  3. Netzwoche, «Green baut weiteres Rechenzentrum», 27. August 2024 netzwoche.ch
  4. Netzwoche, «Wie Schweizer Rechenzentren ihre Energieeffizienz verbessern können», 7. Mai 2026, zur Studie von TEP Energy im Auftrag von Energie Schweiz netzwoche.ch

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