Macht · 7 min ·

Die Schweiz richtet den KI-Gipfel aus. In beiden Bündnissen sitzt sie nicht.

Am selben Tag im Juli gründeten 29 Staaten in Schanghai eine KI-Weltorganisation und über zweihundert Nobelpreisträger unterzeichneten in Rom eine Erklärung gegen Maschinen, die über Leben entscheiden. Zehn Tage zuvor hatte Genf getagt. In beiden Bündnissen, die 2026 entstanden sind, fehlt die Schweiz.

Am 16. Juli 2026 geschahen zwei Dinge am selben Tag. In Schanghai unterzeichneten 29 Staaten den Gründungsvertrag einer neuen Weltorganisation für künstliche Intelligenz. In Rom unterschrieben über zweihundert Nobelpreisträger, Wissenschaftlerinnen und ehemalige Regierungschefs eine Erklärung, wonach über das Überleben der Menschheit niemals eine Maschine entscheiden dürfe. Zehn Tage zuvor hatte in Genf der erste globale KI-Dialog der Vereinten Nationen getagt. Die Schweiz war Gastgeberin. Unterschrieben hat sie an keinem der beiden anderen Orte.

Das Wichtigste in Kürze

2025 und 2026 sind zwei konkurrierende KI-Bündnisse entstanden: Pax Silica unter amerikanischer Führung mit 25 Unterzeichnern, darunter die EU, und die World Artificial Intelligence Cooperation Organization unter chinesischer Führung mit heute 37 Mitgliedern und Sitz in Schanghai. Die Schweiz gehört keinem von beiden an, auch nicht als Beobachterin. Zugleich richtet sie im ersten Halbjahr 2027 den Welt-KI-Gipfel in Genf aus. Für Bern ist die Abwesenheit kein Versehen, sondern die Bedingung der Gastgeberrolle. Die offene Frage ist, ob sie am Verhandlungstisch Platz schafft oder von ihm fernhält.

Zwei KI-Bündnisse. Die Schweiz in keinem von beiden.

Mitgliedstaaten der beiden Bündnisse, die 2025 und 2026 um die Regeln für künstliche Intelligenz entstanden sind, Stand 14. September 2026. Kasachstan ist das einzige Land, das in beiden Listen steht.

Leitgrad-Grafik: Drei Säulen – 37 Mitglieder der WAICO, 25 Unterzeichner von Pax Silica und eine leere, gestrichelte Säule für die Schweiz.
WAICO: Gründungsabkommen vom 16. Juli 2026 mit 29 Erstunterzeichnern, heute 37 Mitglieder. Pax Silica: gestartet am 12. Dezember 2025, 25 Unterzeichner.

Zehn Tage im Juli

Der Reihe nach. Am 6. und 7. Juli 2026 kam in Genf zum ersten Mal der Global Dialogue on AI Governance zusammen, das Gremium, das die Uno-Generalversammlung geschaffen hatte, um die Regeln für künstliche Intelligenz zwischen den Staaten auszuhandeln. Es soll künftig jährlich tagen, angebunden an den Gipfel «AI for Good» der Internationalen Fernmeldeunion, die ihren Sitz in Genf hat.

Neun Tage später versammelte der Vatikan in Castel Gandolfo Nobelpreisträger, Forscherinnen und Religionsvertreter. Am 16. Juli unterzeichneten sie auf dem Kapitol in Rom die «Rom-Erklärung für einen entwaffneten Frieden». Ihr Kernsatz: Kein Apparat und kein autonomes System dürfe bei Entscheidungen über das Überleben der Menschheit im Mittelpunkt stehen; Krieg und Frieden müssten unter voller und nachvollziehbarer menschlicher Kontrolle bleiben. Angestossen hatte das Treffen die Enzyklika «Magnifica humanitas» von Papst Leo XIV.

Am selben 16. Juli, am Vorabend der Weltkonferenz für künstliche Intelligenz, unterzeichneten in Schanghai 29 Staaten das Gründungsabkommen der World Artificial Intelligence Cooperation Organization. Acht weitere traten noch im Juli bei, Bangladesch kam am 1. August als Beobachter dazu. Zu den Gründern gehören Russland, Iran, Pakistan, Indonesien und Kasachstan. Der Sitz ist Schanghai. Das erklärte Ziel ist digitale Entwicklung im globalen Süden, der Schwerpunkt liegt auf offenen Modellen.

Zwei Klubs, eine Lücke

Die Organisation ist keine Erfindung aus dem Nichts. Sie ist die Antwort auf ein amerikanisches Vorhaben, das ein halbes Jahr älter ist. Am 12. Dezember 2025 startete das US-Aussenministerium unter Jacob Helberg die Initiative Pax Silica: ein Verbund zur Sicherung der Lieferketten für Halbleiter, künstliche Intelligenz und seltene Erden, ausdrücklich mit dem Ziel, die Abhängigkeit von China zu verringern. Sieben Staaten begannen, heute sind es 25 Unterzeichner. Die Europäische Union unterschrieb am 23. Juni 2026, Deutschland und Griechenland am selben Tag. Kanada und Taiwan sind Beobachter.

Damit liegen zwei Regelwerke auf dem Tisch, und die meisten europäischen Länder haben sich für eines entschieden. Die Schweiz nicht. Sie steht weder auf der einen noch auf der anderen Liste, auch nicht als Beobachterin. Das einzige Land, das in beiden steht, ist Kasachstan.

Man kann das als Versäumnis lesen. Man kann es auch als Position lesen, und genau so liest es Bern.

Was Genf tatsächlich hat

Am 19. Februar 2026 kündigte Bundespräsident Guy Parmelin am KI-Gipfel in Neu-Delhi an, dass die nächste Ausgabe im ersten Halbjahr 2027 in Genf stattfindet. Verantwortlich sind das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation und das Aussendepartement. Die Begründung des Bundesrats: Die Schweiz wolle ihre Stellung in der Digitalpolitik stärken und ihr Engagement für eine regelbasierte Weltordnung fortsetzen.

Das Argument dahinter ist alt und nicht schwach. Bundesrat Albert Rösti verwies auf die Genfer Konventionen: Gerade weil die Schweiz keiner Seite angehört, könne sie alle Seiten an einen Tisch bringen. Genf beherbergt die Fernmeldeunion, den «AI for Good»-Gipfel und seit Juli den Uno-Dialog. Wer in dieser Stadt einen Saal bucht, bekommt amerikanische und chinesische Delegationen in denselben Raum. In Schanghai bekommt man das nicht, und in Washington auch nicht.

Die Gegenrechnung ist ebenso einfach. Wer nicht Mitglied ist, stimmt nicht ab. Die Standards für Lieferketten, Exportkontrollen und Modellprüfung entstehen in den Gremien der beiden Bündnisse, nicht im Gastgeberland. Und die amerikanische Haltung zur Uno-Schiene ist bekannt: Michael Kratsios, der Technologiebeauftragte des Weissen Hauses, lehnt zentrale globale Gouvernanz ausdrücklich ab und setzt darauf, dass amerikanische Technologie den Standard von selbst setzt. Ein Gipfel in Genf ändert daran nichts.

Was Bern nicht hat

Dazu kommt die Lage im Inland. Der Bundesrat entschied am 12. Februar 2025 gegen ein eigenes KI-Gesetz nach europäischem Muster und wählte den sektoriellen Weg. Am 27. März 2025 unterzeichnete die Schweiz die KI-Konvention des Europarats; ratifiziert ist sie noch nicht. Eine Vernehmlassungsvorlage soll bis Ende 2026 vorliegen, ein Datum für das Inkrafttreten nennt der Bund nicht. Die Schweiz geht also als Gastgeberin in einen Weltgipfel, für den sie selbst kein Regelwerk vorweisen kann.

Eine zweite Zahl gehört in dieselbe Rechnung. Die Bundesverwaltung zahlte Ende 2024 über 140 Millionen Franken für drei Jahre Microsoft-Lizenzen, freihändig vergeben, dokumentiert in der Beschaffungsplattform simap. In das eigene offene Sprachmodell Apertus fliessen nach Angaben von SWI swissinfo 20 Millionen Franken bis 2028. Die Zeiträume sind nicht deckungsgleich, die Grössenordnung ist es trotzdem.

Was das für Schweizer Firmen heisst

Für ein Unternehmen mit Kunden in der EU ändert die Bündnisfrage nichts: Der AI Act gilt über das Marktortprinzip, unabhängig davon, wo die Firma sitzt und welchem Klub Bern angehört. Wer Hochrisiko-Systeme baut, hat seit der Verschiebung vom Juni 2026 bis zum 2. Dezember 2027 Zeit.

Anders sieht es dort aus, wo künftig zwei Regelwerke aufeinandertreffen. Wer Chips, Sensorik, Modelle oder Industriesoftware in Staaten beider Listen verkauft, wird mit zwei Prüfregimes rechnen müssen, und die Schweiz sitzt in keinem der Gremien, die diese Regime schreiben. Die Konventionen von Genf sind ein gutes Vorbild für einen Verhandlungsort. Ein Ersatz für eine Stimme im Raum sind sie nicht.

Methode

Gezählt wurden für beide Bündnisse die öffentlich dokumentierten Unterzeichner- und Mitgliedstaaten mit Stand 14. September 2026; Beobachterstaaten sind in den Säulen nicht enthalten (Bangladesch bei der WAICO, Kanada und Taiwan bei Pax Silica). Die Schweiz taucht in keiner der beiden Listen auf, weder als Mitglied noch als Beobachterin. Die Angabe zu Apertus stammt von SWI swissinfo und wurde nicht an einer Bundesquelle verifiziert; sie ist entsprechend gekennzeichnet.

Quellen

  1. Gründung der World Artificial Intelligence Cooperation Organization, Schanghai, 16. Juli 2026, 29 Erstunterzeichner, heute 37 Mitglieder english.news.cn
  2. Pax Silica, US-Aussenministerium, gestartet am 12. Dezember 2025, 25 Unterzeichner; Beitritt der Europäischen Union am 23. Juni 2026 state.gov · state.gov
  3. Vatican News: «Rom-Erklärung für einen entwaffneten Frieden», unterzeichnet am 16. Juli 2026 auf dem Kapitol in Rom; Versammlung vom 14. bis 16. Juli in Castel Gandolfo vaticannews.va
  4. Uno: erster Global Dialogue on AI Governance, Genf, 6. und 7. Juli 2026 un.org
  5. Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung: Bundespräsident Parmelin kündigt am 19. Februar 2026 in Neu-Delhi den KI-Gipfel für das erste Halbjahr 2027 in Genf an wbf.admin.ch
  6. Bundesrat, Beschluss vom 12. Februar 2025 gegen ein horizontales KI-Gesetz; Unterzeichnung der KI-Konvention des Europarats am 27. März 2025 news.admin.ch · news.admin.ch
  7. SRF, 4. Februar 2025, zur freihändigen Vergabe von Microsoft-Lizenzen über 140 Millionen Franken, gestützt auf einen Zuschlag des Bundesamts für Bauten und Logistik auf simap srf.ch
  8. SWI swissinfo zur Schweizer KI-Politik 2026 und zur Finanzierung von Apertus swissinfo.ch

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