Stanford misst 19 Prozent. Die Schweizer Zahl dazu steht woanders.
Eine Stanford-Studie zeigt eine Beschäftigungslücke bei jungen Amerikanern in KI-nahen Berufen. Das Schweizer Gegenstück existiert, und der Bruch verläuft hier nicht zwischen Jung und Alt.

Eine Stanford-Studie misst, dass junge Amerikanerinnen und Amerikaner in KI-nahen Berufen 19 Prozent hinter ihren Altersgenossen zurückliegen. Die Schweizer Zahl dazu existiert. Sie steht nur in keiner Schlagzeile, und sie sagt etwas anderes, als die meisten vermuten.
Das Wichtigste in Kürze
Das Digital Economy Lab in Stanford hat im August seine Studie «Canaries in the Coal Mine» aktualisiert. Befund: Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen liegt rund 19 Prozent unter dem Niveau, das sie erreicht hätte, wären sie mit den Gleichaltrigen in wenig exponierten Berufen mitgewachsen. Das Schweizer Gegenstück stammt von der KOF der ETH Zürich: In stark exponierten Berufen stieg die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden um bis zu 27 Prozent stärker, die Stellenausschreibungen fielen auf 60 bis 70 Prozent des Ausgangswerts. Der Bruch verläuft in der Schweiz aber nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Hochschule und Berufslehre: Seit 2010 stieg die Arbeitslosigkeit bei Uni-Master-Absolventen um 70 Prozent, bei Personen mit Berufslehre sank sie um 45 Prozent.
Seit 2010: 70 Prozent mehr arbeitslose Master. 45 Prozent weniger Lehrabgänger.
Veränderung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz seit 2010 nach höchstem Abschluss, nach Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Was Stanford gemessen hat und was nicht
Die Studie von Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen wertet anonymisierte Lohnbuchhaltungsdaten des amerikanischen Payroll-Dienstleisters ADP aus, 3,5 bis 5 Millionen Beschäftigte pro Monat, von Januar 2021 bis Juni 2026. Basiszeitpunkt ist November 2022, der Monat der ChatGPT-Veröffentlichung.
Zwei Präzisierungen, die in der Wiedergabe regelmässig verloren gehen. Erstens: Es sind 19 Prozent, nicht 19 Prozentpunkte. Die Beschäftigung liegt um diesen Anteil unter dem kontrafaktischen Verlauf. Die Prozentpunkt-Zahl der Studie lautet anders: minus 11 Prozent in den zwei am stärksten exponierten Berufsquintilen gegenüber plus 10 Prozent in den drei am wenigsten exponierten, eine Divergenz von 21 Punkten.
Zweitens: Der Anpassungskanal ist nicht die Entlassung, sondern die Nichteinstellung. Und die Autoren schreiben selbst: «We caution that this work does not estimate a causal impact of AI: these are descriptive facts.» Es handelt sich um ein Working Paper ohne Peer Review.
Die Studie führt ihre eigenen Schwächen auf, und eine davon ist gravierend. Spiegelt man den Befund gegen die amerikanische Haushaltsbefragung American Community Survey, schrumpft die Lücke zwischen dem obersten und untersten Quintil von 0,132 auf 0,022, um den Faktor sechs. Kontrolliert man den Anteil der Hochschulabsolventen, halbiert sich der Effekt. Und rund 30 Prozent der Stichprobe haben keinen Berufscode.
Widerspruch kommt von Zanna Iscenko und Fabien Curto Millet, die im Januar 2026 beim Economic Innovation Group publizierten. Ihr Kernargument: Die Stellenausschreibungen in stark exponierten Berufen erreichten ihren Höhepunkt im März und April 2022, über ein halbes Jahr vor ChatGPT, und brachen zeitgleich mit dem Beginn der amerikanischen Zinserhöhungen ein. 38 Prozent der am stärksten exponierten Beschäftigten arbeiten in zinssensitiven Branchen. Beide Autoren arbeiten bei Google, was man bei der Gewichtung wissen sollte.
Die Schweizer Studie, die kaum jemand zitiert
Im Oktober 2025 haben Jeremias Kläui und Michael Siegenthaler von der KOF der ETH Zürich dieselbe Frage für die Schweiz untersucht, mit Seco-Arbeitslosenzahlen nach Beruf von 2010 bis 2025 und Stelleninseraten seit 2016.
Die Ergebnisse sind deutlicher als das amerikanische Bild. In stark KI-exponierten Berufen stieg die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden um bis zu 27 Prozent stärker als in wenig exponierten. Die Stellenausschreibungen fielen dort auf 60 bis 70 Prozent des Ausgangswerts. Und: Der Anstieg ist bei jüngeren Arbeitnehmenden besonders ausgeprägt; bei den unter 50-Jährigen hat sich die Zahl der Arbeitslosen in stark exponierten Berufen mehr als verdoppelt.
Die KOF-Studie unterscheidet allerdings nur nach Alter, nicht nach Bildungsweg. Über die Berufslehre sagt sie nichts.
Warum die Jugendarbeitslosenquote hier nichts beweist
Das Seco meldete für August 2026 eine Jugendarbeitslosenquote von 3,4 Prozent bei einer Gesamtquote von 3,0 Prozent. Diese Zahl wird gern gegen die amerikanischen Befunde gestellt. Sie taugt dafür nicht.
Die Gründe sind technisch, aber entscheidend. Das Seco misst einen Bestand: bei den Arbeitsämtern registrierte Arbeitslose von 15 bis 24 Jahren als Anteil der Erwerbspersonen. Stanford misst eine Veränderung gegenüber einem hypothetischen Verlauf, bei 22- bis 25-Jährigen, und nur die Differenz zwischen zwei Berufsgruppen. 3,4 Prozent und 19 Prozent sind nicht derselbe Zahlentyp. Dazu kommt: Wer die Stelle gar nicht erst bekommt und stattdessen in Ausbildung bleibt, erscheint in keiner Seco-Statistik.
Der Sprung der Jugendquote von Juli auf August um 19,4 Prozent ist ausserdem der normale Sommereffekt: Schulabgänger und Lernende schliessen ihre Ausbildung ab. Das Seco weist selbst darauf hin. Aussagekräftig ist nur der Vorjahresvergleich, und der liegt bei plus 7,3 Prozent, praktisch gleichauf mit dem Gesamtmarkt (plus 7,1) und unter den 50- bis 64-Jährigen (plus 7,9). Ein spezifischer Jugendeinbruch ist in diesen Daten nicht zu sehen.
Wo der Schweizer Bruch tatsächlich verläuft
Er verläuft beim Abschluss. Das Bundesamt für Statistik befragt Hochschulabsolventen ein Jahr nach dem Abschluss. Bei den Universitäts-Mastern stieg die Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent (2023) auf 6,4 Prozent (2025), bei den Fachhochschul-Bachelors von 3,4 auf 4,9. Nach Fachrichtung am stärksten: Wirtschaftswissenschaften von 3,5 auf 8,5 Prozent, Technische Wissenschaften von 2,1 auf 4,8, mehr als verdoppelt. Der von den Absolventen selbst am häufigsten genannte Grund ist fehlende Berufserfahrung.
Im Langfristvergleich seit 2010 stieg die Arbeitslosigkeit bei Uni-Master-Absolventen um 70 Prozent, während sie bei Personen mit Berufslehre um 45 Prozent sank. Nach Seco-Zahlen waren im Januar 2026 über 50’000 Personen mit Tertiärabschluss arbeitslos (rund ein Drittel aller Arbeitslosen und 20 Prozent mehr als im Vorjahr), während die Arbeitslosigkeit auf Lehrabschluss-Niveau um 6 Prozent zurückging. Die Zahl der Arbeitslosen im IT-Bereich hat sich von 1700 (2022) auf 4000 (2025) mehr als verdoppelt.
Michael Siegenthaler von der KOF nennt die Betroffenen die «ehemaligen Digitalisierungsgewinner».
Und die Lehre? Die Daten geben das noch nicht her
Die naheliegende These lautet, die Berufslehre puffere, was in den USA die Uni-Absolventen trifft. Für die Arbeitslosigkeit stimmt das. Für das Lehrstellenangebot lässt es sich nicht belegen.
Das Nahtstellenbarometer 2026 zeigt ein stabiles Gesamtbild: rund 74’000 angebotene Lehrstellen, 72 Prozent der Betriebe halten ihr Angebot konstant. Ein einziger Wert zeigt in die erwartete Richtung: Die Branche «Information und Kommunikation» bietet 20 Prozent weniger Lehrstellen an. Im Kanton Zürich sind die ICT-Lehrverhältnisse von 773 (2024) auf 660 (2026) gefallen, minus 14,6 Prozent.
Zwei Einschränkungen muss man dazu sagen. Erstens nennt keine dieser Quellen KI als Grund; ICT-Berufsbildung verweist auf Nachwuchsförderung und Fachkräftemangel. Zweitens widerspricht die kaufmännische Grundbildung der These aktiv: Das KV bleibt mit 19 Prozent Interesse klar auf Platz eins, und die Handelsbranche bietet erstmals seit 2021 wieder mehr Lehrstellen an. Wäre KI-Exposition der Treiber, müsste es im KV am sichtbarsten sein. Dort passiert nichts.
Was daraus folgt
Für Unternehmen, die Nachwuchs einstellen, ist der belastbare Befund nicht «KI frisst Einstiegsjobs», sondern enger und unangenehmer: Die Einstiegshürde ist dort gestiegen, wo die Arbeit aus kodifiziertem Wissen besteht, und dort besonders für Berufseinsteiger ohne Praxis. Genau das nennen die Absolventen selbst als Grund.
Wer Juniorstellen streicht, spart heute und kauft sich in fünf Jahren eine Lücke auf der mittleren Stufe ein, die sich nicht extern schliessen lässt. Das ist kein moralisches Argument, sondern ein Kapazitätsproblem. Die Schweizer Besonderheit ist, dass ein Ausbildungsweg existiert, der diese Praxis eingebaut hat und dessen Absolventen seit fünfzehn Jahren seltener arbeitslos werden.
Methode
Die Stanford-Zahl beträgt 19 Prozent, nicht 19 Prozentpunkte; sie bezeichnet den Abstand zu einem kontrafaktischen Beschäftigungsverlauf. Die Seco-Jugendarbeitslosenquote ist mit dieser Zahl nicht vergleichbar: anderer Zahlentyp, andere Altersgruppe (15 bis 24 statt 22 bis 25), andere Abgrenzung. Wir stellen sie deshalb nicht gegenüber. Die Werte «plus 20 Prozent» für Tertiärabschlüsse und «minus 6 Prozent» für Lehrabschlüsse im Januar 2026 sowie der Langfristvergleich seit 2010 stammen aus der Berichterstattung über Seco- und BFS-Zahlen und wurden nicht an der amtlichen Datenbank AMSTAT nachgezogen. Für einen KI-bedingten Rückgang von Lehrstellen gibt es in der Schweiz keine Datenquelle, die eine Ursache benennt.
Quellen
- Brynjolfsson, Chandar, Chen: «Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence», Digital Economy Lab Stanford, Fassung August 2026 (Working Paper) digitaleconomy.stanford.edu
- Iscenko und Curto Millet: «Looking for the Ladder: Is AI Impacting Entry-Level Jobs?», Economic Innovation Group, Januar 2026 eig.org
- Kläui und Siegenthaler: «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt», KOF ETH Zürich, Oktober 2025 ethz.ch
- Seco, Medienmitteilung zur Lage auf dem Arbeitsmarkt im August 2026 vom 7. September 2026 seco.admin.ch
- Bundesamt für Statistik, Absolventenbefragung Hochschulen, Erhebungen 2023 und 2025 bfs.admin.ch · vtg.admin.ch
- Berichterstattung von SRF, Blick und 20 Minuten über Seco- und BFS-Zahlen zur Arbeitslosigkeit nach Ausbildungsniveau, März 2026 blick.ch · 20min.ch
- SBFI und gfs.bern, Nahtstellenbarometer 2026, publiziert am 11. Juni 2026 sbfi.admin.ch
- Mittelschul- und Berufsbildungsamt Kanton Zürich zu den ICT-Lehrverhältnissen, August 2026
- jobs.ch/JobCloud, Auswertung von 7,3 Millionen Stelleninseraten, 20. August 2026 jobs.ch
Mehr zu diesen Themen
- 30. September 2026Kalifornien baut die Chatbots. Zürich baut die Körper
- 30. September 2026Dossier Robotik: Wo die Schweiz vorne liegt und wo nicht
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Teilen
Weiterlesen
Das Morgen-Briefing
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren



