US-Trends · 6 min ·

Führungskraft im Abo: Was ein Fractional COO für Schweizer KMU leistet und was nicht

Das US-Wachstum ist kleiner als behauptet, die 93 000 KMU messen etwas anderes. Für wen sich Führung auf Teilzeit trotzdem lohnen kann.

Waffelgrafik mit 100 Feldern: 94 stehen für Firmen mit 1 bis 9 Beschäftigten, 6 für Firmen mit 10 bis 249 Beschäftigten

In amerikanischen Beraterkreisen hat eine Berufsbezeichnung Konjunktur: der Fractional COO, ein Betriebschef, der mehreren Firmen gleichzeitig gehört, jeder ein paar Tage im Monat. Auf Schweizer LinkedIn-Profilen taucht der Begriff inzwischen auch auf, gern mit einer Zahl dazu: 93 000 Schweizer KMU hätten ihre Nachfolge nicht geregelt und bräuchten genau so jemanden. Beide Zahlen, die amerikanische und die schweizerische, halten einer Prüfung nicht stand. Das Modell selbst ist trotzdem eine Überlegung wert, nur für andere Firmen, als behauptet wird.

Das Wichtigste in Kürze

Das oft zitierte Suchwachstum von 5 600 Prozent stammt von einem Trendportal, das seine Methode nicht offenlegt; auf dessen eigener Themenseite steht ein anderer Wert. Belastbarer ist eine Auswertung von Revelio Labs: 2018 erwähnten 5 von 1 000 neuen Führungspositionen eine Fractional-Rolle, 2024 waren es 18. Die 93 000 Schweizer KMU stammen aus einer Zählung von 2022, die nicht fehlende Nachfolger misst, sondern das Alter der eingetragenen Inhaber. Die neueste Zahl lautet 90 667. 94 von hundert dieser Firmen haben weniger als zehn Beschäftigte. Ein Betriebschef auf Zeit löst dort kein Nachfolgeproblem. Sinnvoll sein kann er in grösseren KMU, wenn die Führung vor dem Eigentum übergeben wird.

94 von hundert haben weniger als zehn Angestellte. Wen soll dort ein COO führen?

Schweizer KMU mit einer potenziell offenen Nachfolge, nach Anzahl Beschäftigten. Jedes Feld steht für ein Prozent der 93 009 gezählten Firmen.

Waffelgrafik mit 100 Feldern: 94 stehen für Firmen mit 1 bis 9 Beschäftigten, 6 für Firmen mit 10 bis 249 Beschäftigten
Schweizer KMU mit einer potenziell offenen Nachfolge, nach Anzahl Beschäftigten. Jedes Feld steht für ein Prozent der 93 009 gezählten Firmen.

Der Boom, nachgemessen

Die Zahl 5 600 steht tatsächlich im Netz. Das Portal Exploding Topics führt «Fractional COO» in seiner Liste der hundert Trendbegriffe vom September auf Platz 54, mit einem Suchwachstum über fünf Jahre von 5 600 Prozent. Wie das Portal rechnet, in welchem Land und ab welcher Basis, sagt es nicht. Auf seiner eigenen Themenseite zum selben Begriff steht etwas anderes: rund 2 900 Suchen und ein Plus von 375 Prozent in zwei Jahren. Wer bei ein paar hundert Suchen beginnt, landet schnell bei vierstelligen Prozentzahlen.

Solider ist die Auswertung von Revelio Labs, einer Firma, die Millionen von Berufsprofilen analysiert. 2018 erwähnten 5 von 1 000 neuen Führungspositionen eine Fractional-Rolle, 2024 waren es 18 von 1 000. Das ist mehr als eine Verdreifachung, aber auf tiefem Niveau. Am häufigsten sind Finanzchefs auf Teilzeit, danach Marketingchefs. Einen Anteil für den COO nennt Revelio nicht. Der Trend ist also echt. Er ist nur kleiner und langsamer, als die Prozentzahl vermuten lässt.

Die 93 000, richtig gelesen

Die Schweizer Zahl hat eine seriöse Herkunft. Der Wirtschaftsinformationsdienst Dun & Bradstreet zählte im April 2022 unter 614 247 aktiven KMU 93 009 Firmen mit einer «potenziell offenen Nachfolgeregelung», 15,1 Prozent. Das KMU-Portal des Bundes hat die Zahl übernommen.

Nur misst sie nicht, was man meint. Niemand wurde gefragt, ob er einen Nachfolger hat. Gezählt wurde, ob der eingetragene Inhaber oder die Verwaltungsräte 60 Jahre oder älter sind. Ein 62-jähriger Garagist, dessen Tochter den Betrieb längst führt, zählt mit, solange er noch eingetragen ist. Die jüngste Ausgabe vom März 2025 nennt 90 667 Firmen oder 13,7 Prozent.

Und wer sind diese Firmen? 87 279 von ihnen haben ein bis neun Beschäftigte. 5 220 haben zehn bis 49, und 510 haben 50 bis 249. Fast vier von zehn sind Einzelfirmen. Eine COO-Funktion setzt eine Organisation voraus, die jemand führen muss. Im Coiffeursalon mit drei Angestellten führt die Inhaberin selbst.

Nachfolge ist eine Eigentumsfrage

Wer ein KMU übergibt, muss vor allem eines klären: Wer kauft es, und mit welchem Geld? Eine Studie der UBS und der Universität St. Gallen, basierend auf einer Befragung von 401 Inhabern im Herbst 2025, zeigt die Wege. Knapp 39 Prozent planen eine Übergabe in der Familie, knapp 22 Prozent an das eigene Kader, gut 25 Prozent an externe Käufer, knapp 13 Prozent an einen strategischen Investor. Ein Betriebschef, der zwei Tage pro Woche kommt, kauft keine Firma.

Es gibt allerdings eine schmale Brücke. Dieselbe Studie hält fest, dass Führung und Eigentum oft gestaffelt übergeben werden, typischerweise zuerst das Management. In dieser Phase kann eine erfahrene Führungskraft auf Zeit nützlich sein: wenn der Inhaber sich aus dem Tagesgeschäft zurückzieht, der Käufer aber noch nicht bereit ist, oder wenn eine interne Nachfolgerin Unterstützung braucht, bevor sie übernimmt. Das betrifft Firmen, die bereits eine zweite Führungsebene haben. Also eher die 5 730 mit zehn und mehr Beschäftigten als die 87 279 darunter.

Was es in der Schweiz schon gibt

Das Modell ist hierzulande nicht neu, es heisst nur anders. Interim-Manager übernehmen seit Jahrzehnten Führungsfunktionen auf Zeit, meist allerdings Vollzeit für einige Monate statt Teilzeit über Jahre. Der deutsche Branchenverband AIMP schätzt den Schweizer Interim-Markt 2025 auf 659 Millionen Euro, bei rund 2 875 aktiven Interim-Managern und einem Tagessatz von durchschnittlich 1 723 Euro. Die meisten Mandate im deutschsprachigen Raum liegen bei Firmen mit 250 und mehr Beschäftigten, also oberhalb der KMU-Grenze.

Eine Marktzahl für Fractional-Mandate in der Schweiz gibt es nicht. Wer sich umsieht, stösst auf eine Handvoll Anbieter mit Schweizer Auftritt. Mehrere davon sind laut Impressum ausländische Gesellschaften, eine etwa eine britische Limited. Das muss nichts Schlechtes heissen. Es lohnt sich aber, vor einem Mandat nachzusehen, mit wem man den Vertrag schliesst.

Für ein KMU mit 30, 80 oder 150 Leuten bleibt die Frage nüchtern: Fehlt eine Führungskraft für eine begrenzte Zeit oder für einen Teil der Woche? Dann kann das Modell passen, als Finanzchef auf Teilzeit etwa, der in den USA die häufigste Form ist. Fehlt dagegen ein Käufer, hilft kein Abo.

Methode

Die Grafik zeigt die 93 009 Firmen der Zählung von 2022 nach Grösse, weil nur diese Ausgabe die Aufteilung nach Beschäftigten publiziert. Ein bis neun Beschäftigte: 87 279 (93,8 Prozent), zehn bis 249: 5 730 (6,2 Prozent), auf ganze Felder gerundet. Die Zählung beruht auf dem Alter der im Handelsregister eingetragenen Personen: Eine Firma zählt, wenn der Inhaber oder mindestens zwei Drittel der Gremienmitglieder 60 Jahre oder älter sind. Nach Angaben von Dun & Bradstreet lagen für rund zwei Drittel der Firmen eindeutige Altersangaben vor. Die 168 000 geplanten Übergaben aus der UBS-Studie beruhen auf einer anderen Methode und lassen sich mit dieser Zahl nicht verrechnen.

Was im Themenradar anders stand: Das Suchwachstum von 5 600 Prozent ist nicht nachvollziehbar belegt. Die 93 000 sind vier Jahre alt, messen das Alter statt einer fehlenden Nachfolge und betreffen fast ausschliesslich Kleinstfirmen. Die Verknüpfung von Nachfolge und Fractional COO ist eine Behauptung von Anbietern, keine Erkenntnis aus Daten. Das Marktvolumen der AIMP ist eine Modellrechnung; der Sprung gegenüber der Vorjahresstudie dürfte vor allem methodisch bedingt sein, wir weisen ihn deshalb nicht als Wachstum aus.

Quellen

  1. Exploding Topics, «Top Trending Topics», Stand 18. September 2026, und Themenseite «Fractional COO» explodingtopics.com · explodingtopics.com
  2. Revelio Labs, «Everyone needs a side hustle these days, even executives», 11. März 2025 reveliolabs.com
  3. Dun & Bradstreet, «Nachfolge KMU Schweiz 2022», April 2022; «Nachfolge KMU Schweiz 2025», 19. März 2025; KMU-Portal des Bundes, 4. Mai 2022 dnb.com · dnb.com · kmu.admin.ch
  4. UBS und Universität St. Gallen, Kurzstudien zur Unternehmensnachfolge, Januar und Februar 2026 cfb.unisg.ch · cfb.unisg.ch
  5. AIMP, Marktstudie DACH 2026, Juni 2026 aimp.de

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