Karriere · 6 min ·

Senior-Entwickler und KI: Wenn Code billig wird, zählt der Ruf

Die Informatik-Arbeitslosigkeit steigt, vor allem bei Jüngeren. Erfahrene verdienen gut, solange sie drin sind. Was Seniors jetzt beweisen müssen.

Drei Balken: Medianlohn von Informatikspezialisten 2024, unter 30 Jahre 7200 Franken, 30 bis 49 Jahre 9995, ab 50 Jahre 11 349

Ein Blogeintrag macht gerade unter Softwareleuten die Runde. Sunil Pai, selbst Entwickler, beschreibt darin, was er die «senior engineer death spiral» nennt: Erfahrene Leute kommen in eine neue Rolle, wollen sich mit einem grossen Wurf beweisen, tauchen ab, liefern lange nichts und brennen aus. Mit künstlicher Intelligenz hat der Text wenig zu tun. Und doch trifft er einen Nerv, denn KI verändert gerade, womit sich erfahrene Entwickler beweisen können. Die Schweizer Zahlen zeigen, wo sie heute stehen.

Das Wichtigste in Kürze

Die Arbeitslosenquote in den Schweizer Informatikberufen lag laut Seco im Juni 2026 bei 3,80 Prozent, über dem Durchschnitt aller Berufe. Die KOF der ETH sieht Softwareentwickler und Applikationsprogrammierer unter den Berufen mit dem stärksten Anstieg seit dem Aufkommen der grossen Sprachmodelle, betont aber, dass das kein abschliessender Beweis für einen KI-Effekt ist. Getroffen werden vor allem Jüngere: Bei den unter 50-Jährigen hat sich die Zahl der Arbeitslosen in stark exponierten Berufen seit Herbst 2022 mehr als verdoppelt. Wer drin ist und Erfahrung hat, verdient weiterhin gut: Informatikspezialisten über 50 kamen 2024 im Median auf 11 349 Franken, unter 30 auf 7200. Wer aber mit über 50 die Stelle verliert, findet schwerer zurück: In sechs von sieben Grossregionen ist die Quote der älteren IT-Fachkräfte höher als die der jüngeren. Gleichzeitig rechnet der Branchenverband bis 2033 mit einem grossen Bedarf an Fachkräften. Mangel und Arbeitslosigkeit betreffen nicht dieselben Leute.

Informatiker unter 30: 7200 Franken. Über 50: 11 349.

Medianer Bruttomonatslohn von Informatikspezialisten in der Schweiz 2024, nach Alter.

Drei Balken: Medianlohn von Informatikspezialisten 2024, unter 30 Jahre 7200 Franken, 30 bis 49 Jahre 9995, ab 50 Jahre 11 349
Medianer Bruttomonatslohn von Informatikspezialisten in der Schweiz 2024, nach Alter.

Was Pai beschreibt, und was nicht

Pais Text, erschienen am 19. September, ist die Abschrift eines Ratschlags an einen Freund, der in einer neuen Senior-Rolle 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeitete. Der Kern: Neue Senior-Leute glauben, sie müssten mit einem grossen Projekt beweisen, dass sie ihr Geld wert sind. Pai rät das Gegenteil: sichtbar bleiben, zuerst dem Team helfen, täglich kleine Fortschritte statt einer späten Heldentat. «You are in the reputation-building business, and software is actually downstream of that.»

Über KI schreibt er nur einen Nebensatz: Die alte Struktur, neben jemandem zu sitzen und Aufgaben zugeteilt zu bekommen, sei durch Pandemie, Fernarbeit und «coding agents» verschwunden. Diesen Nebensatz kann man ernster nehmen, als Pai es tut. Wenn Maschinen den Code schreiben, wird das Schreiben von Code als Beweis der eigenen Fähigkeit weniger wert. Der Entwickler Thorsten Ball formuliert es in einem Text vom selben Tag so: «The craft of writing code will disappear.» Und im nächsten Satz: «The craft of building software will be more important than ever.»

Was die Schweizer Zahlen zeigen

Das Staatssekretariat für Wirtschaft hat der «Netzwoche» auf Anfrage die Arbeitslosigkeit in den Informatikberufen aufgeschlüsselt. Im Juni 2026 lag sie bei 3,80 Prozent, nach 3,68 Prozent im Januar. Bei den Informatiktechnikern waren es 3,92 Prozent, bei den Informatikspezialisten 3,77 Prozent. Am höchsten liegt sie in der Genferseeregion mit 6,54 Prozent. Die Gesamtquote der Schweiz betrug im Juni 2,9 Prozent.

Die KOF der ETH hat Ende 2025 untersucht, wie sich die Arbeitslosigkeit in Berufen entwickelt, die stark mit KI in Berührung kommen. Besonders ausgeprägt sei der Anstieg bei Applikationsprogrammierern, Softwareentwicklern und Systemanalytikern, einem Berufsfeld, das «zuvor jahrzehntelang von geringer Arbeitslosigkeit geprägt war». Die Autoren halten fest, ihre Analyse sei «kein abschliessender Beweis für den Einfluss von KI». Und sie finden einen klaren Altersunterschied: Der Anstieg betreffe vor allem Jüngere, Beschäftigte über 50 seien weniger stark betroffen.

Das passt zu einem Befund dieser Serie: Die Lernstufe verschwindet. Die Stellen, auf denen Junioren früher gelernt haben, werden seltener ausgeschrieben. Die KI-bezogenen Stelleninserate in der Informatik gingen laut jobs.ch sogar zurück, während sie im Bau und in der Finanzbranche stark wuchsen. KI ist aus der Informatik ausgewandert, in die Fachabteilungen.

Geschützt, solange man drin ist

Für erfahrene Entwickler ist das Bild zweigeteilt. Die Lohnstrukturerhebung des Bundes zeigt, dass Erfahrung in der Informatik weiterhin bezahlt wird: Informatikspezialisten unter 30 verdienten 2024 im Median 7200 Franken im Monat, zwischen 30 und 49 Jahren 9995, über 50 11 349. Die KOF-Daten deuten darauf hin, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit Ältere weniger trifft.

Wer aber fällt, hat es schwerer. Nach den Seco-Zahlen, die die «Netzwoche» publizierte, war die Arbeitslosenquote der 50- bis 64-jährigen IT-Fachkräfte im Juni in sechs von sieben Grossregionen höher als jene der 25- bis 49-Jährigen, in Zürich etwa 5,10 gegenüber 3,73 Prozent. Es ist ein Muster, das für ältere Arbeitslose in allen Berufen gilt: seltener raus, länger draussen.

Wo der Mangel wirklich liegt

Der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz rechnet damit, dass die Schweiz bis 2033 zusätzlich 54 400 Informatikfachkräfte ausbilden muss. Das scheint den Arbeitslosenzahlen zu widersprechen. Es tut es nicht, wenn man genau hinschaut. Die Prognose zählt den Bedarf über ein Jahrzehnt, und sie zählt Köpfe. Die KI verbilligt gerade die Arbeit, die man bisher in grosser Zahl eingekauft hat: Code schreiben, testen, Routine erledigen.

Knapp bleibt, wer entscheidet, was gebaut wird, wer prüft, was eine Maschine geschrieben hat, und wer dafür geradesteht, wenn es beim Kunden läuft. Das sind Aufgaben, die Erfahrung verlangen. Pais Rat, auf Verlässlichkeit statt auf Heldentaten zu setzen, erhält damit einen zweiten Sinn: Wenn die Menge an Code kein Beweis mehr ist, wird der Ruf zur wichtigsten Währung eines Entwicklers.

Für Arbeitgeber bleibt eine unbequeme Rechnung. Wer heute bei den Junioren spart, weil ein Werkzeug ihre Aufgaben übernimmt, hat um 2030 zu wenige Seniors. Und wer erfahrene Entwickler ab 50 übersieht, verzichtet auf genau die Leute, die wissen, was eine Maschine falsch machen kann.

Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit

Zusatzteil. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg · Fachkräftemangel 2026.

Methode

Die Grafik zeigt den medianen standardisierten Bruttomonatslohn der Berufsgruppe IKT-Spezialisten (ISCO-08, Code 25) aus der Lohnstrukturerhebung 2024 des BFS, nach Altersgruppe. Die Arbeitslosenzahlen nach Beruf hat das Seco der «Netzwoche» auf Anfrage geliefert; es handelt sich um einen Vergleich von Januar und Juni 2026, nicht um einen Vorjahresvergleich. Die Monatsberichte des Seco weisen keine Informatikberufe aus, nur die Branche Informatik (August 2026: 4,1 Prozent). Die Bedarfsprognose des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz vom September 2025 konnten wir nur in der Kurzfassung auf dessen Website einsehen, nicht in der Studie selbst.

Was im Themenvorschlag anders stand: Der Text von Sunil Pai handelt nicht von KI, sondern von Überforderung nach Beförderungen; wir ordnen ihn entsprechend ein. Dass KI Senior-Leute nicht trifft, lässt sich so nicht sagen: Der Anstieg trifft Jüngere stärker, das Niveau der Arbeitslosigkeit ist bei älteren IT-Fachkräften aber meist höher.

Quellen

  1. Sunil Pai, «the senior engineer death spiral», sunilpai.dev, 19. September 2026; Thorsten Ball, «What I believe about the future of software development», 19. September 2026 sunilpai.dev · thorstenball.com
  2. Netzwoche, «Arbeitslosigkeit in Schweizer ICT-Berufen steigt», 15. Juli 2026, nach Angaben des Seco netzwoche.ch
  3. Seco, «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im August 2026», 7. September 2026 seco.admin.ch
  4. Kläui, Siegenthaler, «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt», KOF Studien Nr. 186, Oktober 2025 ethz.ch
  5. Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung 2024, Löhne nach Berufsgruppen ISCO, 24. Februar 2026 pxweb.bfs.admin.ch
  6. JobCloud, jobs.ch KI-Report 2026; ICT-Berufsbildung Schweiz, Bedarfsprognose 2033, September 2025 jobcloud.ch · ict-berufsbildung.ch

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