Fachkräftemangel 2026: Die Schweiz sucht nicht Leute, sondern Verantwortung
Nur noch 4 von 32 Berufsgruppen zeigen einen klaren Mangel. Gesucht sind vor allem Menschen, die etwas führen: Station, Baustelle, Anlage.

«Fachkräftemangel» ist das meistgebrauchte Wort der Schweizer Wirtschaftspolitik. Es klingt nach leeren Büros und verzweifelten Personalchefs. Die aktuellen Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Von 32 Berufsgruppen zeigen nur noch vier einen klaren Mangel. Und schaut man genauer hin, was in diesen vier fehlt, sind es nicht einfach Hände. Es sind Menschen, die eine Station, eine Baustelle, eine Anlage oder eine Elektroinstallation verantworten.
Das Wichtigste in Kürze
Der Fachkräftemangel-Index von Adecco und der Universität Zürich sank 2025 um 22 Prozent. Nur noch 4 von 32 Berufsgruppen zeigen einen klaren Mangel: Gesundheitsfachleute, Bauführer, Poliere und Produktionsleiter, Ingenieurtechniker sowie Elektriker und Elektroniker. Büro- und Informatikberufe fielen deutlich zurück. Das Bundesamt für Statistik zählte im zweiten Quartal 2026 98 700 offene Stellen, 2,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor; in Industrie und Bau stieg die Zahl um fast 22 Prozent, bei den Dienstleistungen sank sie. Die oft zitierte Lücke von 400 000 Arbeitskräften ist keine Prognose unbesetzter Stellen, sondern eine Rechnung der Nationalbank: So viele Menschen mehr verlassen in zehn Jahren den Arbeitsmarkt, als junge nachrücken, wenn niemand zuwandert.
32 Berufsgruppen. In 4 fehlen noch Leute.
Berufsgruppen im Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025. Rot: Gruppen mit klarem Mangel.

Wo der Mangel noch sitzt
Der Fachkräftemangel-Index wird jedes Jahr vom Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich und der Adecco Group berechnet. Er setzt offene Stellen ins Verhältnis zu den Stellensuchenden, Beruf für Beruf. Die Ausgabe vom November 2025 zeigt einen deutlichen Rückgang: minus 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr, weil die Inserate um 8 Prozent zurückgingen und die Zahl der gemeldeten Stellensuchenden um 17 Prozent stieg.
Übrig bleiben vier Gruppen. An der Spitze, zum vierten Mal in Folge, die Fachleute im Gesundheitswesen: Fachärztinnen, Pflegefachleute, Apotheker. Auf Rang zwei Bauführer, Poliere und Produktionsleiter. Dann die Ingenieurtechniker, etwa Maschinenbautechniker und Automatiker. Und die Elektriker und Elektroniker. Die Büro- und Administrationsberufe fielen um sieben Ränge, die Informatikberufe um sechs.
Der zweite Rang ist der aufschlussreichste. Ein Polier ist kein Bauarbeiter mit längerer Erfahrung. Er führt eine Baustelle, teilt Leute ein, verantwortet Termine und Sicherheit. Ein Bauführer rechnet dazu die Kosten. Der Mangel sitzt hier nicht bei der Arbeit, sondern bei der Führung der Arbeit.
Warum die Firmen trotzdem klagen
Die amtliche Beschäftigungsstatistik des Bundes sieht keinen Einbruch. Im zweiten Quartal 2026 meldeten die Unternehmen 98 700 offene Stellen, 2,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 33,9 Prozent der Betriebe berichteten von Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Der Zuwachs kommt aber aus Industrie und Bau, plus 21,8 Prozent. Bei den Dienstleistungen gingen die offenen Stellen um 2,4 Prozent zurück.
Die Stelleninserate erzählen dieselbe Geschichte von der anderen Seite. Im Job-Index von Adecco und der Universität Zürich stiegen die Inserate für Gesundheitsberufe im zweiten Quartal um 17 Prozent, für Handwerk und Industrie um 12 Prozent. Für kaufmännische Berufe sanken sie um 13 Prozent, für Wirtschaftswissenschafter um 10, für Naturwissenschafter um 18. Marcel Keller, Chef der Adecco Group Schweiz: «Unternehmen stellen selektiver ein und reagieren spürbar auf die gedämpfte Konjunktur sowie die globale Unsicherheit.»
Eine Studie der KOF im Auftrag des Seco kam im April zum selben Befund. Der Mangel hat seit 2023 spürbar abgenommen, bleibt aber im Bau, im Gesundheitswesen, bei technischen Dienstleistungen, in der Land- und Forstwirtschaft und im Immobilienwesen erhöht. Fehlende Qualifikationen spielen laut den Autoren eine kleinere Rolle als die Arbeitsbedingungen: Pensum, Arbeitsort, Lohn.
Die Zahl 400 000, richtig gelesen
Kaum ein Vortrag über den Arbeitsmarkt kommt ohne sie aus: 400 000 Arbeitskräfte würden der Schweiz in zehn Jahren fehlen. Das KMU-Portal des Bundes schreibt die Zahl der KOF zu. Sie stammt von der Nationalbank. Andreas Bachmann und Yannic Stucki haben 2025 berechnet, wie sich die Alterung auf das Arbeitsangebot auswirkt. Ergebnis: In den nächsten zehn Jahren verlassen rund 400 000 Menschen mehr den Arbeitsmarkt, als junge nachkommen. Die Rechnung klammert die Zuwanderung bewusst aus und nimmt eine gleichbleibende Erwerbsbeteiligung an.
Das ist keine Zahl unbesetzter Stellen. Es ist ein demografischer Sog, der über Zuwanderung, längeres Arbeiten, höhere Pensen oder Produktivität aufgefangen werden muss. Die Knappheit kommt also zurück. Nur trifft sie nicht alle Berufe gleich, und im Moment trifft sie vor allem die, in denen jemand geradestehen muss.
Was das für Arbeitgeber und Aufsteiger heisst
Für ein Unternehmen ist die Lehre daraus unbequem. Wer eine Pflegeleitung, einen Bauführer oder einen Leiter Instandhaltung sucht, findet ihn selten auf dem Markt. Er muss ihn im eigenen Haus heranziehen, mit Weiterbildung, früher Verantwortung und einem Lohn, der den Schritt lohnt.
Für Berufsleute ist die Lehre ermutigend. Die Verhandlungsmacht liegt 2026 nicht bei jenen mit dem schönsten Titel, sondern bei jenen, die etwas führen können, das nicht stillstehen darf. Wie viel das in Franken ausmacht, zeigt die Lohnstrukturerhebung des Bundes; darauf kommen wir in dieser Serie zurück.
Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit
Teil 2 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg.
Methode
Die Grafik zeigt die 32 Berufsgruppen des Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025; rot sind die vier Gruppen, die der Index als Mangelberufe ausweist. Eine vollständige Rangliste mit Indexwerten ist öffentlich nicht verfügbar. Ein Index 2026 erscheint voraussichtlich Ende November. Die Zahl der offenen Stellen stammt aus der Beschäftigungsstatistik des BFS (Befragung von Unternehmen); die Veränderung der Inserate aus dem Job-Index von Adecco und Universität Zürich (Zählung von Inseraten). Beides sind verschiedene Grössen. Ob sich die Veränderungen der Inserate nach Berufsgruppe auf das Vorquartal oder das Vorjahr beziehen, geht aus der Mitteilung nicht eindeutig hervor.
Was im Themenvorschlag anders stand: Die Werte «minus 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal, minus 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr» betreffen Stelleninserate, nicht offene Stellen; die amtliche Zahl der offenen Stellen stieg um 2,7 Prozent. Die 400 000 stammen nicht von der KOF, sondern von der Nationalbank, und bezeichnen keine unbesetzten Stellen.
Quellen
- Adecco Group Schweiz und Stellenmarkt-Monitor Schweiz der Universität Zürich, Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025, 27. November 2025 adeccogroup.com · stellenmarktmonitor.uzh.ch
- Adecco Group Swiss Job Market Index Q2 2026, Medienmitteilung vom 9. Juli 2026 cache.pressmailing.net
- Bundesamt für Statistik, Beschäftigungsstatistik, «Zunahme der Beschäftigung im 2. Quartal 2026», 27. August 2026 bwo.admin.ch
- Schweizerische Nationalbank, Andreas Bachmann und Yannic Stucki, Economic Note 7/2025 snb.ch
- Abberger, Marti, Siegenthaler, Siegrist (KOF) im Auftrag des Seco, «Arbeitskräftemangel in der Schweiz», Grundlagen für die Wirtschaftspolitik Nr. 67; Die Volkswirtschaft, 22. April 2026 dievolkswirtschaft.ch
Mehr zu diesen Themen
- 29. September 2026Berufseinstieg trotz Fachkräftemangel: Das Paradox ist ein Mismatch
- 26. September 2026Senior-Entwickler und KI: Wenn Code billig wird, zählt der Ruf
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Teilen
Weiterlesen
Das Morgen-Briefing
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren


