Karriere · 6 min ·

Berufseinstieg trotz Fachkräftemangel: Das Paradox ist ein Mismatch

Medizin 1,6 Prozent, Wirtschaftsmaster 8,5 Prozent erwerbslos ein Jahr nach Abschluss. Die Chance hängt heute stärker vom Fach ab als von der Note.

Ein Puzzleteil, das nicht in die Lücke passt. Text: Mangel. Und trotzdem arbeitslos.

Wer 2024 einen Master in Medizin abschloss, hatte ein Jahr später fast sicher eine Stelle. Nur 1,6 Prozent waren noch erwerbslos. Beim Wirtschaftsmaster waren es 8,5 Prozent, mehr als fünfmal so viele. Gleichzeitig klagen die Firmen, sie fänden keine Leute.

Firmen ohne Leute, Junge ohne Stelle: Beides zugleich kann nicht stimmen, sagt der gesunde Menschenverstand. Die Statistik sagt: Es stimmt gleichzeitig, nur nicht für dieselben Menschen. Das vermeintliche Paradox des Schweizer Arbeitsmarkts ist ein Mismatch, und er hat eine klare Adresse.

Das Wichtigste in Kürze

Der Berufseinstieg ist für Hochschulabsolventen schwieriger geworden. Ein Jahr nach dem Abschluss waren vom Jahrgang 2024 6,4 Prozent der Universitätsabsolventen mit Master erwerbslos, zwei Jahre zuvor 3,9 Prozent. Rund zwei Drittel nennen fehlende Berufserfahrung als Haupthindernis. Die Spanne ist enorm: Medizin 1,6 Prozent, Fachhochschule Gesundheit 1,7 Prozent, Fachhochschule Technik und IT 6,4 Prozent, Wirtschaftsmaster 8,5 Prozent. Wer in einem Mangelfeld abschliesst, findet fast sofort Arbeit. Wer in einem Feld abschliesst, in dem die Firmen sparen oder automatisieren, wartet. «Keine Chance für Einsteiger» ist deshalb falsch. Die Chance hängt heute stärker vom Fach ab als von der Note.

Wer Medizin studiert, findet Arbeit. Wer Wirtschaft studiert, sucht.

Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach dem Abschluss, Abschlussjahrgang 2024, nach Fachrichtung; der Schnitt der Universitätsmaster lag bei 6,4 Prozent.

Vier Balken: Erwerbslosenquote ein Jahr nach Abschluss, Master Medizin 1,6 Prozent, FH Gesundheit 1,7, FH Technik und IT 6,4, Master Wirtschaft 8,5
Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach dem Abschluss, Abschlussjahrgang 2024, nach Fachrichtung.

Die Grafik zeigt zwei Arbeitsmärkte unter einem Dach. In Medizin und in den Gesundheitsberufen der Fachhochschulen ist ein Jahr nach dem Abschluss kaum jemand ohne Stelle. In Wirtschaft sowie in Technik und IT sucht jeder Zwölfte bis Sechzehnte noch.

Überraschend ist, wie nah Technik und IT am Wirtschaftsmaster liegen, mit 6,4 gegen 8,5 Prozent. Beide Fächer führen in Arbeit, bei der die Firmen gerade zuerst sparen: kaufmännische Aufgaben und Softwareentwicklung. Der Abstand zur Medizin hat mit der Note wenig zu tun.

Für einen Inhaber ist die Grafik deshalb auch eine Einkaufsliste. Wer Nachwuchs in Wirtschaft, Technik oder Informatik sucht, hat heute eine Auswahl, die es in den Gesundheitsberufen nicht gibt. Wer im Gesundheitswesen rekrutiert, konkurriert weiter um jeden Abschluss.

Was die Absolventen berichten

Das Bundesamt für Statistik befragt alle zwei Jahre die Hochschulabsolventen, jeweils ein Jahr nach dem Abschluss. Die Resultate für den Jahrgang 2024 sind seit dem 27. August publiziert. Die Erwerbslosenquote der Universitätsabsolventen mit Master stieg auf 6,4 Prozent, jene der Fachhochschulabsolventen mit Bachelor auf 4,9 Prozent. Mühe bei der Suche nach einer passenden Stelle hatten an den Universitäten 44 Prozent, zwei Jahre zuvor 30 Prozent. An den Fachhochschulen stieg der Anteil von 24 auf 37 Prozent.

Die Absolventen nennen zwei Gründe. Der erste ist fehlende Berufserfahrung. Rund zwei Drittel der Universitätsabsolventen führen sie an, an den Fachhochschulen knapp drei Viertel. Der zweite ist die Konjunktur, die zwei Jahre zuvor nur halb so oft genannt wurde. Die Firmen stellen vorsichtiger ein. Und wer vorsichtig einstellt, nimmt den, der schon einmal gezeigt hat, dass er es kann.

Der Unterschied liegt im Fach

Die Durchschnittswerte verdecken, was eigentlich passiert. Medizin und Pharmazie kamen auf 1,6 Prozent Erwerbslose, die Gesundheitsberufe der Fachhochschulen auf 1,7 Prozent. In beiden Feldern misst der Fachkräftemangel-Index von Adecco und der Universität Zürich weiterhin einen klaren Mangel. Am anderen Ende stehen die Wirtschaftsmaster mit 8,5 Prozent und die Fachhochschulabsolventen in Technik und Informatik mit 6,4 Prozent.

Dieses Ende passt zu den Stelleninseraten. Im zweiten Quartal 2026 sanken laut Job-Index die Inserate für kaufmännische Berufe um 13 Prozent, jene für Wirtschaftswissenschafter um 10 Prozent. Es passt auch zur Untersuchung der KOF. Sie fand in KI-exponierten Berufen, gerade in der Softwareentwicklung, einen überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Wo Einstiegsarbeit leicht zu automatisieren ist und die Konjunktur drückt, spart man zuerst beim Nachwuchs.

Warum «keine Chance» trotzdem falsch ist

Es gibt Gegenbelege, und sie gehören in die Rechnung. Der Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich hat gezählt, wie viele Stellen sich an Berufseinsteiger richten. Ihr Anteil am gesamten Angebot stieg von 21 Prozent im Jahr 2019 auf 28,8 Prozent im ersten Quartal 2025. Auch der Lehrstellenmarkt ist stabil. Ende Mai 2026 waren über 54 500 Lehrverträge abgeschlossen und rund 14 000 Lehrstellen noch offen, etwa gleich viele wie im Vorjahr. Die registrierte Jugendarbeitslosigkeit lag im August mit 3,4 Prozent nur leicht über dem Gesamtwert von 3,0 Prozent.

Höher ist die Erwerbslosenquote nach internationaler Definition. Bei den 15- bis 24-Jährigen lag sie im zweiten Quartal 2026 bei 7,9 Prozent, gegenüber 4,9 Prozent insgesamt. Diese Zahl zählt allerdings auch Jugendliche mit, die neben der Ausbildung eine Stelle suchen. Sie ist in allen Ländern hoch und kein Schweizer Sonderfall.

Was Arbeitgeber tun können

Für ein Unternehmen ist der Mismatch eine Gelegenheit. Wer heute Erfahrung verlangt, konkurriert mit allen anderen um dieselben Erfahrenen. Wer Erfahrung selbst herstellt, bekommt Leute, die das eigene Geschäft von Anfang an kennen. Die Wege dazu sind erprobt: ein Traineeprogramm, der Einstieg über eine Projektrolle oder die Lehre mit anschliessender Weiterbildung. In Feldern, in denen die Jungen gerade wenig Angebote haben, ist das zudem günstiger als je zuvor.

Für Einsteiger heisst das: Erfahrung lässt sich auch vor der ersten Stelle belegen. In einem vorsichtigen Markt wiegt ein Praktikum mit echter Verantwortung mehr als eine weitere Zusatzqualifikation. Dasselbe gilt für ein Projekt mit messbarem Ergebnis oder eine Nebentätigkeit in der Branche. Die Fachwahl bleibt eine Wette auf den Markt in fünf Jahren. Zuletzt war die Wette auf Verantwortung in der physischen Welt die sicherere, in Pflege, Bau und Technik.

Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit

Teil 3 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg · Fachkräftemangel 2026.

Methode

Die Grafik zeigt die Erwerbslosenquote nach ILO ein Jahr nach dem Abschluss für vier Fachrichtungen aus der Absolventenbefragung des BFS (Abschlussjahrgang 2024, Befragung 2025). Die Quote nach internationaler Definition (ILO) ist höher als die Arbeitslosenquote des Seco, weil sie alle Erwerbslosen zählt, nicht nur die beim RAV gemeldeten. Die Suchdauer der Absolventen weist die Medienmitteilung nicht aus.

Was im Themenvorschlag anders stand: Ein aktueller Anteil der Inserate, die Berufserfahrung verlangen, ist nicht publiziert; die oft zitierten 60 Prozent beziehen sich auf 2017 und sind nur aus zweiter Hand belegt. Die These «keine Chance für Einsteiger» halten die Daten nicht; belegt ist eine Einstiegshürde für Hochschulabsolventen in bestimmten Fächern.

Quellen

  1. Bundesamt für Statistik, Absolventenbefragung, Medienmitteilung vom 27. August 2026 vtg.admin.ch
  2. Bundesamt für Statistik, Arbeitskräfteerhebung 2. Quartal 2026, 18. August 2026; Eurostat, Erwerbslosenquote nach Alter, Schweiz, Stand 11. September 2026 bkb.admin.ch
  3. Seco, «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im August 2026», 7. September 2026 seco.admin.ch
  4. Adecco Group und Stellenmarkt-Monitor Schweiz, Job-Index Q1 2025 (24. April 2025) und Q2 2026 (9. Juli 2026); Fachkräftemangel-Index 2025 adeccogroup.com · cache.pressmailing.net
  5. SBFI, «Lehrbeginn 2026: Schlussspurt bei der Lehrstellensuche», 23. Juni 2026 wbf.admin.ch
  6. Kläui, Siegenthaler, «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt», KOF Studien Nr. 186, Oktober 2025 ethz.ch

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