ETH-Spin-offs: Das Labor, aus dem Amazon einkauft
Im März kaufte Amazon eine Zürcher Robotikfirma, im August machte SoftBank eine zweite zur Milliarde wert. Beide stammen aus demselben ETH-Labor.

Im März kaufte Amazon eine Zürcher Robotikfirma. Im August bewertete SoftBank eine zweite mit einer Milliarde Dollar. Beide stammen aus demselben Korridor an der ETH Zürich, aus dem Labor eines einzigen Professors. Und beide tauchen im offiziellen Jahresbericht der Hochschule gar nicht in dieser Rolle auf, weil der Bericht im Februar erschien und die Welt seither weitergelaufen ist.
Das Wichtigste in Kürze
Am 17. August 2026 investierte SoftBank 200 Millionen Dollar in Gravis Robotics, einen Zürcher Hersteller autonomer Bagger. Die ETH nennt die Bewertung von einer Milliarde Dollar selbst und schreibt, Gravis sei das fünfte Spin-off der Hochschule mit dieser Grössenordnung und das erste in der Robotik. Im März hatte Amazon RIVR übernommen, ein Unternehmen aus demselben Labor. Beide stammen aus dem Robotic Systems Lab von Professor Marco Hutter, das insgesamt zehn Firmen ausgegründet hat. Die Hochschule zählt bis Ende 2025 661 anerkannte Ventures; 84 Prozent davon existieren nach zehn Jahren noch, gegenüber rund 35 Prozent im Schweizer Durchschnitt.
84 von hundert. Im Schnitt sind es 35.
Anteil der Unternehmen, die zehn Jahre nach der Gründung noch aktiv sind. Links die ETH-Ausgründungen, als Vergleichswert nennt die Hochschule den Schweizer Durchschnitt.

Was im August geschah
Gravis Robotics baut keine Bagger. Die Firma rüstet vorhandene Maschinen so um, dass sie ohne Fahrer arbeiten. Gegründet wurde sie 2022, hervorgegangen ist sie aus dem Robotic Systems Lab der ETH zusammen mit der Forschungsgruppe Gramazio Kohler, im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts Digitale Fabrikation.
Am 17. August meldete das Unternehmen eine Serie-A-Finanzierung über 200 Millionen Dollar. Einziger Investor: die SoftBank Group. Die Bewertung nennt die Firmenmitteilung nicht; die ETH tut es einen Tag später und spricht von einer Milliarde Dollar. In derselben Meldung ordnet die Hochschule den Fall ein: Gravis sei das fünfte ETH-Spin-off, das diese Bewertung erreiche, nach GetYourGuide, Scandit, South Pole und Climeworks, und das erste aus der Robotik.
Als Partner und Kunden werden Caterpillar, Case, John Deere, JCB, Hitachi, Yanmar und Volvo genannt. Das ist die eigentliche Nachricht. Nicht, dass ein japanischer Investor Geld nach Zürich bringt, sondern dass die weltweit grössten Baumaschinenhersteller ihre Autonomie nicht selbst bauen, sondern bei einer vier Jahre alten Firma aus Zürich einkaufen.
Das Labor
Sechs Monate zuvor, am 19. März, bestätigte Amazon die Übernahme von RIVR. Das Unternehmen hiess zuvor Swiss-Mile, benannte sich Anfang 2025 um und baut Lieferroboter, die Treppen bewältigen. Einen Kaufpreis nannte niemand. Amazon war bereits investiert: Der Industrial Innovation Fund des Konzerns hatte sich 2024 an einer Seed-Runde über 22 Millionen Dollar beteiligt, angeführt von Bezos Expeditions.
Auch RIVR kommt aus dem Robotic Systems Lab. Dasselbe gilt für ANYbotics, dessen vierbeinige Inspektionsroboter in Raffinerien und Kraftwerken laufen, und für Flexion Robotics, das an der Steuerungsebene für humanoide Maschinen arbeitet. Die Spin-off-Liste des Labors führt insgesamt zehn Firmen: ANYbotics, Bota Systems, Duatic, Flexion Robotics, Floating Robotics, Gravis Robotics, incon.ai, RaiSim, RIVR und UpCircle.
Zehn Unternehmen aus einem Labor. Eines davon gehört jetzt Amazon, eines ist eine Milliarde wert. Das ist keine Statistik mehr über eine Hochschule, das ist ein industrieller Cluster von der Grösse eines mittleren Technologieparks, entstanden an einem einzigen Lehrstuhl.
Warum diese Firmen überleben
Die ETH hat bis Ende 2025 insgesamt 661 Ventures anerkannt: 639 Spin-offs und 22 Start-ups. Die Unterscheidung ist neu und sie ist präziser, als sie klingt. Ein Spin-off beruht auf Forschungsergebnissen der ETH. Ein Start-up wird von ETH-Angehörigen gegründet, die Wissen aus Studium oder Arbeit nutzen, ohne dass Forschungsergebnisse der Hochschule dahinterstehen. Seit 2025 zählt die ETH beides getrennt; alle 22 Start-ups stammen deshalb aus diesem einen Jahrgang.
Die aussagekräftigste Zahl des Berichts ist keine Bewertung, sondern eine Überlebensquote. Fünf Jahre nach der Gründung sind 95 Prozent der ETH-Ventures noch aktiv, nach zehn Jahren 84 Prozent. Die Hochschule stellt dem rund 50 und rund 35 Prozent als Schweizer Durchschnitt gegenüber.
Solche Quoten entstehen nicht durch bessere Ideen. Sie entstehen durch eine andere Reihenfolge. Diese Firmen starten nicht mit einem Markt und suchen dann die Technik. Sie starten mit einem technischen Problem, das jemand über Jahre bearbeitet hat, und suchen dann den Markt. Das dauert länger, kostet mehr Kapital und schliesst ganze Kategorien schneller Geschäftsmodelle aus. Dafür ist die Eintrittshürde für Nachahmer hoch, und die Firma stirbt nicht, wenn eine Modewelle vorbeizieht.
Zu den 46 Ventures des Jahrgangs 2025 gehörten 24 Spin-offs und 22 Start-ups. Der Frauenanteil unter den Gründenden lag bei 17 Prozent.
Wohin das Kapital fliesst
2025 sammelten ETH-Ventures in 41 veröffentlichten Finanzierungsrunden 540 Millionen Franken ein, 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Die zwölf grössten Runden reichten von 11 bis 103,2 Millionen Franken.
Die Liste liest sich wie ein Gegenentwurf zum Zeitgeist. Ganz oben steht Auterion mit 103,2 Millionen für Drohnensoftware. Dann Beekeeper mit 33,74 und DeepJudge mit 33,38 Millionen. Danach folgen Sagimet Biosciences, Assaia, Gravis Robotics mit 18,5, ANYbotics mit 15,8, das Wassertechnologieunternehmen Oxyle mit 14,56, Cerrion mit 14,53, mimic robotics mit 12,93, Unbound Potential mit 11,1 und Voliro mit 11 Millionen.
Sieben der zwölf grössten Runden gingen an Unternehmen, die Maschinen bauen oder steuern. In einem Jahr, in dem die Aufmerksamkeit fast vollständig auf Sprachmodellen lag, floss das Zürcher Kapital in Bagger, Drohnen, Inspektionsroboter und Wasserfilter.
Was in der Schweiz bleibt
Von den unabhängigen ETH-Ventures waren Ende 2025 483 in der Schweiz registriert, davon 387 allein im Kanton Zürich. Sieben sassen im Ausland.
Das ist die wirtschaftspolitisch interessanteste Zahl des Berichts, und sie ist kein Automatismus. Eine Hochschule kann Forschung produzieren, ohne dass daraus im eigenen Land Arbeitsplätze entstehen; Oxford und Cambridge sind dafür die klassischen Beispiele. In Zürich bleibt die Wertschöpfung bisher da, wo sie entsteht.
Die Gegenprobe steht allerdings noch aus. Gravis gehört nun zu einem erheblichen Teil einem japanischen Investor, RIVR gehört vollständig Amazon. Ob die Entwicklung in Zürich bleibt, entscheidet sich nicht bei der Gründung, sondern beim Exit. Genau dort hat die Schweiz bisher wenig Datenlage und noch weniger Politik.
Was daraus folgt
Die gängige Erzählung über die ETH lautet: viele Gründungen, hohe Qualität, starker Standort. Sie stimmt, aber sie erklärt nichts. Interessanter ist die Beobachtung, dass sich die Gründungen an wenigen Lehrstühlen ballen und dass an diesen Lehrstühlen dasselbe Muster auftritt: ein Labor, das eine Technologie über ein Jahrzehnt verfolgt, eine Reihe von Doktorarbeiten, und daraus nicht eine Firma, sondern eine Familie von Firmen.
Für Schweizer Unternehmen ist das weniger eine Standortmeldung als eine Einkaufsliste. Wer Autonomie in Maschinen braucht, Inspektion in gefährlichen Anlagen oder Bildverarbeitung in der Logistik, findet die Anbieter binnen einer Stunde Fahrzeit. Amazon und SoftBank haben das dieses Jahr bemerkt. Die Frage ist, wann es die Schweizer Industrie bemerkt.
Methode
Die Grafik zeigt hundert Felder für hundert Gründungen. 84 davon stehen für die ETH-Ventures, die zehn Jahre nach der Gründung noch aktiv sind. Die Zahl stammt aus dem ETH Ventures Report 2025, ebenso der Vergleichswert von rund 35 Prozent für den Schweizer Durchschnitt, den die Hochschule selbst anführt. Wir haben die Grundlage dieses Durchschnittswerts nicht geprüft; er ist eine Angabe der ETH, keine eigene Erhebung.
Der Bericht widerspricht sich an einer Stelle selbst: Im Kapitel zum Status quo heisst es, 484 der 661 Ventures seien unabhängig; im Kapitel zu den Regionen ist von 490 unabhängigen Ventures die Rede, von denen 483 in der Schweiz sitzen. Die Differenz von sechs Unternehmen lässt sich aus dem Dokument nicht auflösen. Wir nennen deshalb die absoluten Zahlen und verzichten auf die Prozentangabe.
Die Bewertung von Gravis Robotics steht nicht in der Firmenmitteilung vom 17. August. Sie stammt aus der Meldung der ETH vom 18. August sowie aus der Berichterstattung von Bloomberg und EU-Startups; Letztere weist sie ausdrücklich als Post-Money-Bewertung aus. Dass Marco Hutter Mitgründer von Gravis sei, haben wir nur in einer Quelle gefunden und führen es deshalb nicht; belegt ist, dass das Unternehmen aus seinem Labor hervorging.
Zur Übernahme von RIVR wurde kein Kaufpreis veröffentlicht, und weder Amazon noch RIVR haben die Struktur der Transaktion über das Wort «acquisition» hinaus beschrieben. Eine kursierende Angabe, RIVR sei das «vierte» Spin-off des Labors, ist falsch: Die Spin-off-Liste des Robotic Systems Lab führt zehn Firmen.
Eine ebenfalls verbreitete Zahl haben wir bewusst weggelassen. Der europäische Deep-Tech-Report von Lakestar, Walden Catalyst und Dealroom führt die ETH mit 192 Unternehmen auf Platz eins weltweit. Diese Kennzahl zählt aber Firmen, die von Ehemaligen gegründet wurden, nicht Ausgründungen der Hochschule. Der oft zitierte Vergleichswert «Oxford und Cambridge zusammen 120» liess sich in keiner Quelle belegen; für Cambridge nennt der Report 67, eine Oxford-Zahl fanden wir nicht.
Quellen
- ETH Zürich, ETH Ventures Report 2025; Medienmitteilung vom 25. Februar 2026 zu Gründungszahlen, neuen Regeln und Accelerator ethz.ch · entrepreneurship.ethz.ch
- ETH Zürich, Meldung vom 18. August 2026 zur Finanzierung von Gravis Robotics; Firmenmitteilung von Gravis Robotics vom 17. August 2026 ethz.ch · gravisrobotics.com
- Bloomberg, EU-Startups, SiliconANGLE und ENR vom 17. August 2026 zur SoftBank-Runde bloomberg.com · eu-startups.com · siliconangle.com
- CNBC und The Robot Report vom 19. März 2026 sowie Startupticker vom 20. März 2026 zur Übernahme von RIVR durch Amazon cnbc.com · therobotreport.com · startupticker.ch
- Robotic Systems Lab der ETH Zürich, Übersicht der Spin-offs rsl.ethz.ch
- Lakestar, Walden Catalyst und Dealroom, European Deep Tech Report 2026 (nur zur Einordnung, nicht als Beleg im Text verwendet) dealroom.co
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