Illustration: Leitgrad. Quellen: Visual Capitalist nach OECD Education at a Glance 2026; WIPO Global Innovation Index 2026.

Wissen · 9 min ·

Nur Platz 14 bei den Akademikern. Warum die Zahl täuscht und wo es wirklich hakt

Eine vierjährige Lehre zählt in der Bildungsrangliste nicht, ein zweijähriges College-Diplom schon. Deshalb steht die Schweiz bei den Abschlüssen auf Platz 14. Die echte Baustelle zeigt PISA 2025: Fast drei von zehn Jugendlichen verfehlen die Mindestziele im Lesen.

Illustration: Auf einem Tisch liegen links ein Doktorhut, in der Mitte eine Goldmedaille mit der Zahl 1 an rotem Band und rechts ein Hammer auf einem gelben Doppelmeter. Darüber die Zeilen: Platz 14 bei den Akademikern. Platz 1 bei der Innovation.

Illustration: Leitgrad. Quellen: Visual Capitalist nach OECD Education at a Glance 2026; WIPO Global Innovation Index 2026.

Kurz gesagt: Beim Anteil der Erwachsenen mit Tertiärabschluss liegt die Schweiz mit 46 Prozent nur auf Platz 14 bis 16, Kanada führt mit 64 Prozent. Die Zahl täuscht: Die Rangliste nach OECD-Daten zählt ein zweijähriges College-Diplom mit, eine vierjährige Lehre nicht. Im Innovationsindex der WIPO steht die Schweiz zum 16. Mal in Folge auf Platz 1. Ein echtes Problem zeigt dafür PISA 2025: Fast drei von zehn Jugendlichen verfehlen die Mindestziele im Lesen, mehr als 2022. Und das, obwohl die Bildungsausgaben seit 2000 von 22,7 auf 41,3 Milliarden Franken gestiegen sind.

Ein Polymechaniker lernt vier Jahre lang. Er fräst, programmiert Maschinen und arbeitet an Teilen, die später in Flugzeugen oder Medizingeräten stecken. In der Rangliste der gebildetsten Länder zählt er nicht. Eine Kanadierin mit zweijährigem College-Diplom schon.

Daraus entsteht eine Zahl, die schlecht aussieht: Platz 14 bei den Akademikern. Sie ist richtig gerechnet und trotzdem schief. Und sie lenkt von einer Schwäche ab, die die Schweiz wirklich hat.

Kanada 64 Prozent, Irland 59, Japan 58. Am 19. Oktober hat Visual Capitalist die Länder nach dem Anteil Erwachsener mit Tertiärabschluss geordnet, vom zweijährigen College-Diplom bis zum Doktortitel. Gezählt sind die 25- bis 64-Jährigen, die Zahlen stammen aus dem OECD-Bericht Education at a Glance 2026.

Die Schweiz kommt auf 46 Prozent, das sind rund 2,3 Millionen Menschen. Platz 14 bis 16, zusammen mit den Niederlanden und Dänemark. Knapp über dem Schnitt der OECD von 43 Prozent, hinter den USA mit 52 und Grossbritannien mit 55 Prozent. Deutschland liegt mit 35 Prozent auf Platz 28 bis 30, Österreich mit 38 Prozent auf Platz 25.

Wer nur diese Liste liest, hält die Schweiz für Mittelmass. Er übersieht zwei Dinge. Die Liste erfasst den Weg über den Beruf nur zur Hälfte. Und die eigentliche Baustelle der Schweizer Schulen kommt in ihr gar nicht vor.

Platz 1, zum 16. Mal

Am 29. September hat die Weltorganisation für geistiges Eigentum ihren Global Innovation Index 2026 veröffentlicht. Die Schweiz steht zum 16. Mal in Folge auf Platz 1. Kanada, Spitzenreiter bei den Abschlüssen, folgt auf Platz 16. Japan steht auf Platz 12, Deutschland auf Platz 11.

Sechs Länder in Zeilen, je ein Doktorhut mit dem Rang bei den Tertiärabschlüssen und eine Glühbirne mit dem Rang im Innovationsindex: Kanada 1 und 16, Japan 3 und 12, USA 8 und 3, Schweiz 14 bis 16 und 1, rot hervorgehoben, China 44 und 10, Deutschland 28 bis 30 und 11.
Grafik: Leitgrad. Quellen: Visual Capitalist nach OECD Education at a Glance 2026 (Rang nach Anteil der 25- bis 64-Jährigen mit Tertiärabschluss, China: Volkszählung 2020); WIPO Global Innovation Index 2026

Mehr Abschlüsse bedeuten also nicht automatisch mehr Innovation. Kanadas Spitzenwert hat zudem eine eigene Mischung: Mitgezählt sind auch zweijährige College-Diplome. Die Schweizer Lehre dagegen gilt in der Statistik als Abschluss der Sekundarstufe II, auch wenn sie vier Jahre dauert und in vielen Ländern an einer Schule oder Hochschule stattfinden würde.

Der Weg über die Lehre

Rund zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz wählen nach der obligatorischen Schule eine berufliche Grundbildung, schreibt das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Viele bleiben dort nicht stehen. Rund 29 000 Personen schliessen jedes Jahr eine höhere Berufsbildung ab: eine eidgenössische Berufsprüfung, eine höhere Fachprüfung oder eine höhere Fachschule. Zur Auswahl stehen rund 470 Abschlüsse.

Die höhere Berufsbildung bildet «zusammen mit den Universitäten und Fachhochschulen die Tertiärstufe», so das SBFI. Auch in der OECD-Statistik gelten diese Abschlüsse als Tertiärabschluss, berichtete swissinfo schon zu früheren Ausgaben des Berichts. In den 46 Prozent stecken also auch der Projektleiter mit eidgenössischem Fachausweis und die Technikerin HF.

Die Schweiz kommt damit auf zwei Wegen zum Abschluss: über die Hochschule und über den Beruf. Die Rangliste zählt beide, aber sie zeigt nicht, dass der zweite Weg erst nach Jahren im Betrieb beginnt.

Führung zahlt mehr als der Titel

Was dieser Weg wert ist, zeigt die Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik. Wer mit höherer Berufsbildung ein Team führt, verdient im Median 10 489 Franken im Monat. Mit Uni-Abschluss, aber ohne Kaderfunktion, sind es 8645 Franken. Leitgrad hat die Zahlen in «Verantwortung zahlt» aufgeschlüsselt.

Der Abschluss öffnet die Tür. Bezahlt wird, wer Verantwortung übernimmt.

China zählt in Millionen

Am anderen Ende der Rangliste steht China: 18 Prozent, Platz 44. Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen, sie stammt aus der Volkszählung 2020, nicht aus der OECD-Erhebung. Und der Anteil täuscht. Hinter den 18 Prozent stehen rund 152 Millionen Menschen mit Tertiärabschluss, mehr als in den USA mit 93 Millionen.

Es werden schnell mehr. Für 2026 erwartete das chinesische Bildungsministerium 12,7 Millionen Hochschulabsolventen, 480 000 mehr als im Vorjahr, meldete das Portal China Services Info. Das sind in einem einzigen Jahr mehr Absolventen, als die Schweiz Einwohner hat. Ende 2025 lebten hier gut 9,1 Millionen Menschen, meldete das BFS laut SRF.

Im Innovationsindex steht China auf Platz 10. Gegen diese Menge gewinnt die Schweiz nicht mit mehr Diplomen. Sie gewinnt mit Fachleuten, die im Betrieb gelernt haben, was sie können, und mit Betrieben, die das ausbilden.

Mehr Geld, mehr Schwache

Die eigentliche Baustelle liegt früher, in der Volksschule. Bund, Kantone und Gemeinden gaben 2021 rund 41,3 Milliarden Franken für Bildung aus, meldet das Bundesamt für Statistik. Im Jahr 2000 waren es 22,7 Milliarden, nicht teuerungsbereinigt.

Im Durchschnitt zahlt sich das noch aus. In Mathematik erreichten Schweizer Fünfzehnjährige bei PISA 2025 im Schnitt 499 Punkte, der OECD-Schnitt lag bei 463. Nur drei OECD-Länder schnitten besser ab, heisst es im Schweizer PISA-Bericht. Doch die Kurve zeigt nach unten: 2015 waren es 521 Punkte, 2022 noch 508.

Unter dem Durchschnitt wird es ernst. Im Lesen verfehlen 28,8 Prozent der Jugendlichen die Mindestziele, 2022 waren es 24,7 Prozent. In Mathematik stieg der Anteil von 19,4 auf 23,2 Prozent. Beide Anstiege sind statistisch signifikant. Der Abstand zwischen benachteiligten und privilegierten Jugendlichen ist seit 2022 zwar kleiner geworden, laut SRF aber vor allem, weil die Privilegierten schlechter abschnitten.

Oft wird dafür die Zuwanderung verantwortlich gemacht. Die Zahlen zeigen einen deutlichen Rückstand: In Mathematik erreichen Jugendliche ohne Migrationshintergrund bei PISA 2025 im Schnitt 520 Punkte, jene der zweiten Generation 476, jene der ersten Generation 481. 38 Prozent der Fünfzehnjährigen haben einen Migrationshintergrund, 20 Prozent sprechen zu Hause ausschliesslich eine andere Sprache als die Schulsprache. Wer zu Hause nur die Schulsprache spricht, kommt auf 528 Punkte, wer nur andere Sprachen spricht, auf 460. Zwischen dem sozial privilegiertesten und dem am stärksten benachteiligten Viertel liegen fast 100 Punkte.

Was davon die Ursache ist, hat der Schweizer Bericht zu PISA 2022 getrennt berechnet. Rechnet man Sprache und soziale Herkunft heraus, unterscheiden sich Jugendliche mit Migrationshintergrund in Mathematik nicht mehr signifikant von den übrigen. Wer zu Hause meist eine andere Sprache spricht, liegt dagegen auch dann noch 28 Punkte zurück. Der Pass erklärt den Rückstand also nicht. Die Sprache am Küchentisch und das Elternhaus erklären ihn. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht: Diese Faktoren treten oft gemeinsam auf, und sie landen in denselben Klassenzimmern.

Für Betriebe ist das keine Statistik, sondern Alltag. Wer Lernende auswählt, merkt an Lesen und Rechnen zuerst, was die Schule nicht geschafft hat. Die Lehre fängt viel davon auf. Sie kann es aber nur, wenn Betriebe ausbilden.

Was das für KMU heisst

Ein guter Teil dieser Bildung entsteht nicht im Hörsaal, sondern in Werkstatt, Büro und Labor eines KMU. Wer Lernende ausbildet und Mitarbeitende zur Berufsprüfung bringt, baut genau den Vorsprung, den keine Rangliste abbildet. Der Bund hilft dabei: Er übernimmt 50 Prozent der anrechenbaren Kursgebühren für Vorbereitungskurse auf eidgenössische Prüfungen, bis zu 9500 Franken bei der Berufsprüfung und bis zu 10 500 Franken bei der höheren Fachprüfung, so das SBFI. Ausbezahlt wird an die Absolventinnen und Absolventen, auch wenn sie die Prüfung nicht bestehen.

Wie künstliche Intelligenz die Lehre verändert und warum sie gerade dort zum Vorsprung werden könnte, lesen Sie heute um 17 Uhr bei Leitgrad.

Zum Mitnehmen: Bildung im eigenen Betrieb

  1. Abschlüsse richtig lesen. Eidgenössischer Fachausweis, Diplom und HF gehören zur Tertiärstufe, genau wie Uni und Fachhochschule.
  2. Weiterbildung klug mitfinanzieren. Der Bund zahlt die Hälfte der Kursgebühren direkt an die Person. Was der Betrieb direkt an den Kursanbieter überweist, wird vom Bundesbeitrag abgezogen. Unterstützung deshalb an die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter zahlen.
  3. Führung als Laufbahn anbieten. Mit höherer Berufsbildung und Kaderfunktion liegt der Medianlohn bei 10 489 Franken, mit Uni ohne Kaderfunktion bei 8645 Franken.
  4. Lernende ausbilden. Zwei Drittel der Jugendlichen gehen in die Lehre. Wer ausbildet, sitzt an der Quelle der Fachleute von morgen.

Häufige Fragen

Wie viele Erwachsene in der Schweiz haben einen Tertiärabschluss?

46 Prozent der 25- bis 64-Jährigen, rund 2,3 Millionen Menschen, laut OECD Education at a Glance 2026. Das ist knapp über dem OECD-Schnitt von 43 Prozent und ergibt Platz 14 bis 16, gleichauf mit den Niederlanden und Dänemark. Kanada führt mit 64 Prozent.

Zählt die höhere Berufsbildung als Tertiärabschluss?

Ja. Eidgenössische Berufsprüfungen, höhere Fachprüfungen und höhere Fachschulen bilden zusammen mit Universitäten und Fachhochschulen die Tertiärstufe des Schweizer Bildungssystems. Jedes Jahr schliessen rund 29 000 Personen eine höhere Berufsbildung ab.

Wie viel zahlt der Bund an Vorbereitungskurse für eidgenössische Prüfungen?

50 Prozent der anrechenbaren Kursgebühren, höchstens 9500 Franken bei der Berufsprüfung und 10 500 Franken bei der höheren Fachprüfung. Die Prüfung muss abgelegt sein, bestanden werden muss sie nicht. Ausbezahlt wird an die Absolventin oder den Absolventen.

Wie schneidet die Schweiz bei PISA 2025 ab?

Bei PISA 2025 erreichten Schweizer Fünfzehnjährige in Mathematik 499 Punkte, deutlich über dem OECD-Schnitt von 463. Im Lesen waren es 470 Punkte, in den Naturwissenschaften 501. Unter dem Mindestniveau liegen 23,2 Prozent in Mathematik und 28,8 Prozent im Lesen, beides mehr als 2022.

Schneiden Kinder mit Migrationshintergrund schlechter ab?

Im Schnitt ja: In Mathematik liegen sie bei PISA 2025 rund 40 Punkte hinter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Rechnet man Sprache zu Hause und soziale Herkunft heraus, ist der Unterschied laut dem Schweizer Bericht zu PISA 2022 nicht mehr signifikant. Die zu Hause gesprochene Sprache kostet dann noch 28 Punkte.

Quellen

  1. Visual Capitalist, «Ranked: The Most Educated Countries in the World», 19. Oktober 2026, nach OECD Education at a Glance 2026 visualcapitalist.com
  2. OECD, Education at a Glance 2026, «To what level have adults studied?» oecd.org
  3. WIPO, Global Innovation Index 2026, Ergebnisse, 29. September 2026 wipo.int
  4. SBFI, Berufsbildung in der Schweiz, Fakten und Zahlen 2025 sbfi.admin.ch
  5. SBFI, Höhere Berufsbildung sbfi.admin.ch
  6. SBFI, FAQ Bundesbeiträge eidgenössische Prüfungen sbfi.admin.ch
  7. swissinfo, «OECD Education at a Glance: Vocational training or degree?», 10. September 2019 swissinfo.ch
  8. China Services Info, «China to have 12.7 million new college graduates next year», 21. November 2025 chinaservicesinfo.com
  9. SRF, «Bevölkerungsstatistik: Wie die Schweizer Bevölkerung wächst», 20. August 2026 srf.ch
  10. Leitgrad, «Verantwortung zahlt: Warum Führung mehr bringt als der nächste Abschluss», 20. Oktober 2026 leitgrad.ch
  11. Bundesamt für Statistik, Bildungsfinanzen, öffentliche Bildungsausgaben 2000 bis 2021 bfs.admin.ch
  12. Erzinger, Pham, Denecker, Salvisberg (Hrsg.), «PISA 2025. Die Schweiz im Fokus», Universität Bern, im Auftrag von SBFI und EDK, September 2026, Tabelle 8.1.1 und Kapitel 3 pisa-schweiz.ch
  13. Erzinger, Pham, Prosperi, Salvisberg (Hrsg.), «PISA 2022. Die Schweiz im Fokus», Universität Bern, 2023, S. 20 bis 22 pisa-schweiz.ch
  14. SRF, «Pisa-Studie 2025: Lese- und Rechenkompetenzen weiterhin rückläufig», 8. September 2026 srf.ch

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