Fünfzehn von sechsundzwanzig Jahren führte ein Konzernmanager Economiesuisse
Mit Silvan Wildhaber steht wieder ein St. Galler Textilunternehmer an der Spitze des Wirtschaftsdachverbands. Der erste ist er nicht, und der Test kommt am Donnerstag.

Seit dem 11. September führt ein St. Galler Textilunternehmer mit rund hundert Mitarbeitenden den Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Das ist ungewöhnlich, aber nicht neu. Vor Silvan Wildhaber gab es schon einmal einen St. Galler Textilunternehmer an der Spitze von Economiesuisse. Und zwischen den beiden liegen zwanzig Jahre Konzernmanagement.
Das Wichtigste in Kürze
Economiesuisse entstand im September 2000 aus der Fusion von Vorort und Wirtschaftsförderung. Seither hatte der Verband sieben Präsidenten. Vier kamen aus Grosskonzernen (Roche, Clariant, Axpo, Syngenta) und führten zusammen fünfzehn der sechsundzwanzig Jahre. Einer, Gerold Bührer, war Berufsverwaltungsrat und Alt-Nationalrat (sechs Jahre). Zwei kamen aus St. Galler Textil-Familienunternehmen: Ueli Forster (Forster Rohner, 2001 bis 2006) und seit dem 11. September Silvan Wildhaber (Filtex). Schon Forster wurde 2001 in der Presse als «Vertreter der KMU» an der Spitze eines Grosskonzern-Verbands eingeordnet, derselbe Deutungsrahmen wie heute.
Fünfzehn von sechsundzwanzig Jahren führte ein Konzernmanager.
Amtsjahre der Economiesuisse-Präsidenten seit der Verbandsgründung im September 2000, nach Herkunft des Präsidenten. Wildhabers Amtszeit hat am 11. September 2026 begonnen und ist nicht mitgerechnet.

Sieben Präsidenten in sechsundzwanzig Jahren
Andres F. Leuenberger (Roche) führte den neuen Verband ab September 2000 in den ersten gut zwölf Monaten; er war zuvor acht Jahre Präsident des Vorort gewesen. Im November 2001 übernahm Ueli Forster, Verwaltungsratspräsident der Forster Rohner AG in St. Gallen, damals rund 460 Mitarbeitende, davon 260 in der Schweiz. Ihm folgte 2006 Gerold Bührer, weder Konzernmanager noch Firmeneigentümer, sondern Wirtschaftsberater, Verwaltungsrat bei Swiss Life und Georg Fischer sowie früherer FDP-Nationalrat.
Ab Oktober 2012 kam die Konzernreihe: Rudolf Wehrli, Verwaltungsratspräsident von Clariant, ein Jahr. Heinz Karrer, Chef der Axpo, sieben Jahre. Christoph Mäder, langjähriges Konzernleitungsmitglied von Syngenta, sechs Jahre bis zum 11. September 2026.
Gezählt ergibt das: vier Konzernleute mit zusammen fünfzehn Jahren, ein Berufsverwaltungsrat mit sechs, ein Familienunternehmer mit fünf, und seit vergangener Woche ein zweiter.
Warum die Parallele mehr erzählt als die Neuigkeit
Die Formulierung, mit Wildhaber übernehme erstmals ein KMU-Unternehmer, hält der Prüfung nicht stand. Als Ueli Forster im November 2001 gewählt wurde, schrieb die Westschweizer Presse, ein «Vertreter der KMU» übernehme einen Verband, der traditionell die grossen Exportunternehmen vertrete. Wörtlich derselbe Frame, fünfundzwanzig Jahre früher.
Interessanter ist, wie genau sich die beiden gleichen. Beide führen ein Familienunternehmen der St. Galler Textilindustrie, einer Branche, die in der Schweiz seit Jahrzehnten als Auslaufmodell gilt und die trotzdem zweimal den obersten Wirtschaftsvertreter des Landes gestellt hat. Forster Rohner stickt, Filtex handelt mit Stoffen und Stickereien. Beide exportieren fast alles.
Die Filtex AG geht nach eigenen Angaben auf das Jahr 1919 zurück und ist im Besitz der Gründerfamilie; Wildhabers Urgrossvater hat sie gegründet. Rund hundert Mitarbeitende, dazu etwa zehn Lernende. Über 80 Prozent Exportanteil, und rund die Hälfte des Umsatzes stammt aus Afrika, mit Schwerpunkt Westafrika: bedruckte Stoffe, Stickereien, mit Glitzer besetzte Gewebe für traditionelle Festtagsgewänder. Einzelne Ballen kosten mehrere tausend Franken.
Das ist ein Absatzmarkt, über den in der Schweizer Wirtschaftspolitik selten gesprochen wird. Wer ihn bedient, weiss mehr über Zölle, Währungsrisiken und Handelshemmnisse als über Quartalsberichte.
Wie andere Verbände besetzen
Zum Vergleich: Beim Schweizerischen Gewerbeverband ist ein KMU-Unternehmer der Normalfall. Präsident ist seit Oktober 2020 Fabio Regazzi, Chef der Regazzi SA in Gordola, Familienunternehmen im Maschinen- und Metallbau, daneben Ständerat für die Mitte.
Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband hält die Konzernlinie: Präsident ist seit Juni 2023 Severin Moser, früher Chef der Allianz Suisse, Verwaltungsrat bei Swiss Life und Mitglied des Vorstandsausschusses von Economiesuisse. Die drei grossen Dachverbände haben sich damit neu sortiert: Economiesuisse rückt profilmässig näher an den Gewerbeverband, während der Arbeitgeberverband die Konzernseite besetzt.
Was die Kritiker sagen
Die Wahl wird nicht überall als Öffnung gelesen. Die NZZ kommentierte sie als «gewagte Kehrtwende». Die NZZ am Sonntag stellte die These auf, für die Grosskonzerne sei Economiesuisse nicht mehr relevant. Lesart: Es habe sich schlicht kein hochkarätiger Konzernvertreter mehr für den Posten gefunden. Die Weltwoche nannte Wildhaber einen «weithin unbekannten Textilunternehmer» und die Personalie «seltsam».
Der Verband selbst hält dagegen. Die Nomination erfolgte einstimmig, und Direktorin Monika Rühl beschreibt den laufenden Umbau als Versuch, «schlagkräftiger, fokussierter und agiler zu werden». Wildhaber selbst formulierte bei der Wahl: «Ich will engagiert und gemeinsam mit den Mitgliedern für die Interessen aller kleinen, mittleren und grossen Unternehmen aus allen Branchen einstehen.» In seiner Antrittsrede nannte er Marktzugang, Freihandelsabkommen mit Malaysia und dem Mercosur sowie die Bilateralen III als Prioritäten.
Der Test läuft diese Woche
Wildhabers erste Amtswoche liefert zwei Prüfsteine, und sie zeigen in entgegengesetzte Richtungen.
Der eine ist das Mercosur-Abkommen, über das der Nationalrat heute entscheidet, nachdem der Ständerat am Montag zugestimmt hat (unsere Auswertung des Bauernpakets). Hier deckt sich das Interesse eines Exporteurs mit rund achtzig Prozent Auslandanteil vollständig mit der Verbandslinie: Economiesuisse fordert die rasche Ratifizierung und verweist auf 155 Millionen Franken jährliche Zollersparnis.
Der andere ist am Donnerstag die Beratung im Ständerat über die Eigenmittelvorschriften für systemrelevante Banken, die sogenannte Lex UBS. Economiesuisse wendet sich gegen die Fassung des Bundesrats, warnt vor «erheblichen Zusatzkosten» und fordert «eine kluge Balance zwischen Finanzstabilität und Wettbewerbsfähigkeit». Hier vertritt der Verband in der ersten Amtswoche seines KMU-Präsidenten das Interesse einer einzigen Grossbank und lässt dazu den Chefökonomen und den General Counsel sprechen, nicht den Präsidenten.
Was daraus folgt
Für ein KMU ändert der Wechsel an der Spitze zunächst wenig. Entschieden wird im Vorstandsausschuss, wo vier Branchenverbände acht von achtzehn Sitzen halten (unsere Machtkarte dazu). Ein Präsident sitzt diesem Gremium vor, er ersetzt es nicht.
Woran sich ablesen lässt, ob der Wechsel mehr ist als ein Signal, ist die Frage, wer künftig spricht, wenn sich KMU- und Konzerninteressen nicht decken. Die Lex UBS ist dafür ein erster, sehr konkreter Anlass, und die Antwort steht am Donnerstag im Protokoll.
Methode
Die Aussage, mit Wildhaber übernehme erstmals ein KMU-Unternehmer, ist falsch: Ueli Forster (2001 bis 2006) war Familienunternehmer derselben Branche und Stadt. Korrekt ist «erstmals seit zwanzig Jahren». Die Amtsjahre sind auf ganze Jahre gerundet; Leuenbergers Amtsende ergibt sich aus Forsters Wahl am 26. November 2001, ein exaktes Datum ist nicht publiziert. Gerold Bührer wird separat geführt, weil er weder Konzernmanager noch Firmeneigentümer war. Umsatzzahlen der Herkunftsfirmen zum jeweiligen Amtsantritt sind nicht durchgängig belegbar und deshalb nicht ausgewiesen. Der Umsatz der Filtex AG ist nicht publiziert. Die offizielle Geschichtsseite von economiesuisse war bei der Recherche nicht abrufbar; die Liste stützt sich auf Verbandsmitteilungen und Drittquellen. Die Angabe «vierte Generation» liess sich nicht wörtlich belegen und ergibt sich aus der Angabe, der Urgrossvater habe die Firma gegründet.
Quellen
- Economiesuisse, Medienmitteilungen vom 13. Februar und 16. März 2026 zur Nomination und Wahl von Silvan Wildhaber economiesuisse.ch · economiesuisse.ch
- swissinfo vom 15. September 2000 zur Verbandsgründung und zu Andres F. Leuenberger swissinfo.ch
- swissinfo (französisch) vom 26. November 2001 zum Amtsantritt von Ueli Forster, mit der Einordnung als «représentant des PME» swissinfo.ch
- Medienmitteilung vom 25. September 2006 zur Nomination von Gerold Bührer; Economiesuisse zur Wahl von Rudolf Wehrli 2012; moneycab vom 12. August 2013 zu Heinz Karrer presseportal.ch · economiesuisse.ch · moneycab.com
- Filtex AG, Unternehmensangaben; SRF-Porträt zu Silvan Wildhaber mit Exportanteil und Afrika-Anteil; St. Galler Tagblatt, Interview vom 29. Mai 2026 filtex.ch · srf.ch
- Bilanz, «Machtnetz», zur Einordnung Wildhabers als erster KMU-Eigentümer seit Ueli Forster bilanz.ch
- NZZ, NZZ am Sonntag und Weltwoche zur Kritik; Blick zum Verbandsumbau und zu Monika Rühl nzz.ch · nzz.ch · weltwoche.ch
- leaderdigital zur Antrittsrede vom 11. September 2026 leaderdigital.ch
- Economiesuisse, Dossierpolitik zum EFTA-Mercosur-Abkommen vom 19. März 2026 und Medienmitteilung zur Bankenregulierung vom 22. April 2026 economiesuisse.ch · economiesuisse.ch
- Schweizerischer Gewerbeverband zu Fabio Regazzi; Schweizerischer Arbeitgeberverband zu Severin Moser arbeitgeber.ch · sgv-usam.ch
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