Bruce-Boye · 3 min ·

Mir ist langweilig. Gut so.

Das Wort «Schule» kommt vom griechischen scholé: Musse, Innehalten, Nicht-Arbeiten. Davon bleibt uns heute fast nichts, und vor dem Rest flüchten wir.

Weisst du, woher das Wort «Schule» seinen Ursprung hat? Es stammt aus dem altgriechischen σχολή, gesprochen «scholé». Und scholé bedeutete ursprünglich: Innehalten, freie Zeit, Musse, Nicht-Arbeiten. Das sind keine Wörter, die man heute mit Schule oder Bildung verbindet.

Das Wort «Schule» kommt von Musse. Davon bleibt uns etwa ein Prozent.

Zeit, die durch keinen Zweck gebunden ist, als Anteil an der wachen Zeit, eine Schätzung des Autors, keine Messung. Der Rest ist Erreichbarkeit, Ablenkung, Verarbeitung.

Leitgrad-Grafik: Hundert Felder für hundert wache Stunden, eines davon rot, ein Prozent Musse.
Grafik: Leitgrad. Die Grössenordnung stammt vom Autor und ist bewusst eine Schätzung.

Ein Privileg, keine Pflicht

Der Gedanke hinter scholé war folgender: Im damaligen Griechenland wurde die Arbeit von Sklaven verrichtet. Wer scholé hatte, war frei von unmittelbarem Überlebensdruck. Diese Leute hatten Zeit und die Möglichkeit, innezuhalten. Damit waren nach Auffassung der Griechen die Voraussetzungen geschaffen, um überhaupt philosophisch denken zu können.

Scholé war demnach kein Massenphänomen, sondern ein Privileg der freien und wohlhabenden Bürger. Für sie war klar: Menschen, die nur arbeiten, leben ausschliesslich im Bereich der Notwendigkeit. Nur wer scholé hatte, konnte sich mit dem Wahren und Guten beschäftigen.

Vermutlich ist die Möglichkeit der scholé einer der Gründe, weshalb so viele tiefe Erkenntnisse aus dem alten Griechenland stammen: Aristoteles, Platon, Sokrates.

Wie viel davon bleibt

Jetzt frage ich mich, wie viel scholé wir noch in unserem Leben haben. Wie viel Zeit haben wir, die nicht durch irgendeinen Zweck gebunden ist? Wahrscheinlich irgendetwas in der Nähe von einem Prozent.

Den Rest der Zeit verbringen wir in Dauerstimulation: ständige Erreichbarkeit, Ablenkung in jeder freien Minute durch Social Media, Informationsüberfluss, Reizüberflutung. Unser Gehirn ist in einem Modus ständiger Verarbeitung und kommt nie dazu, irgendetwas zu reflektieren.

Wir haben dadurch ebenso wenig scholé wie die Sklaven im alten Griechenland. Selbstverschuldet.

Wenn sie trotzdem eintritt

Wenn scholé zufälligerweise mal eintritt, nennen wir es Langeweile. Und vor Langeweile flüchten wir, als sei sie die Pest. Wir empfinden sie als ineffizient, unangenehm, und streben danach, diesen Zustand zu vermeiden.

Die Griechen haben das umgekehrt gesehen: Wer keine scholé aushält, bleibt geistig unfrei. Es ist die Langeweile, in der Kreativität entsteht. Sie ist der Nährboden für eigenständiges Denken und Selbststeuerung.

Die Frage ist daher nicht, wie du Langeweile vermeiden kannst, sondern ob du es schaffst, sie auszuhalten, ohne direkt zum nächsten Reiz zu greifen. Wer das kann, dem steht das Tor zu tieferen und eigenständigen Erkenntnissen offen.

PS: Der Gedanke zu diesem Text kam mir auf einer langen Autofahrt mit einem guten Freund in den Skiurlaub. Wir haben im Auto die Herkunft verschiedener Wörter recherchiert, um ihre echte Bedeutung zu verstehen. Rückblickend war diese Autofahrt selbst ein Moment der scholé, und dieser Text ist ein Ergebnis davon.

Florian Bruce-Boye

Bruce-Boye · Die Kolumne

Florian Bruce-Boye ist Physiker, Spiegel-Bestsellerautor («Goldene Zukunft», 2024) und Gründer von Der Bitcoin Podcast. Als Co-Founder und Managing Director von Schwarzberg in Frankfurt begleitet er vermögende Privatpersonen und Unternehmen bei der eigenständigen Verwahrung ihrer Bitcoin. Bei Leitgrad schreibt er regelmässig über Denken, Musse und Souveränität, im Kopf wie im Vermögen. Zum Profil

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Florian Bruce-Boye Physiker, Spiegel-Bestsellerautor, Host von «Der Bitcoin Podcast» und Co-Founder von Schwarzberg. Kolumnist bei Leitgrad. Zum Profil

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