Foto: Suohros / Wikimedia Commons, CC0, zugeschnitten

Bruce-Boye · 4 min ·

Wie man Zeit verändert

Sieben Monate sind vergangen. Woran erkennt man das, ausser am Kalender? Über Menschen, bei denen in einer Woche Jahre vergehen, und andere, bei denen in Jahren kaum eine Woche vergeht.

Eine Sanduhr

Foto: Suohros / Wikimedia Commons, CC0, zugeschnitten

Ich will mit dir über Zeit sprechen. Darüber, wie man Zeit verändern kann.

Einstein hat gezeigt, dass Zeit relativ ist. Wie schnell sie vergeht, hängt vom Bewegungszustand ab: Von aussen betrachtet vergeht die Zeit für ein Objekt, das sich nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegt, langsamer. Physiker nennen das Zeitdilatation.

Ich glaube: Jeder von uns kann etwas Ähnliches. Jeder kann dafür sorgen, dass in derselben «normalen» Zeit entweder sehr viel oder sehr wenig passiert.

Woran erkenne ich, dass Zeit vergangen ist?

Lass mich erklären, wie ich das meine.

Frage: Wie viel Zeit ist bei dir in den letzten sieben Monaten vergangen?
Deine Antwort: Sieben Monate?!
Meine Rückfrage: Woran erkenne ich das?

  • Erkenne ich es an der grösseren Tiefe deiner Beziehungen?
  • An deiner besseren Rhetorik?
  • An deinem Kontostand?
  • An deinem trainierten Körper?
  • An deinem Netzwerk?
  • An deinem Mindset?

Kurz: Wenn ich dich mit dir selbst von vor sieben Monaten vergleiche, wie viel hat sich verändert?

Lautet deine Antwort «nicht viel», dann hast du in sieben Monaten höchstens den Fortschritt von ein, zwei Wochen gemacht.

Sieben Monate vergangen. Zwei Wochen weitergekommen.

Sieben Monate sind rund 30 Wochen. Der Fortschritt passt in zwei davon.

Sieben Kalenderblätter, Monat 1 bis 7. Darunter ein langer grauer Balken für rund 30 Wochen vergangene Zeit und ein kurzer roter Balken für höchstens zwei Wochen Fortschritt.
Gedankenexperiment des Autors. Grafik: Leitgrad.

Hochgerechnet auf dein Leben wären das rund fünf Jahre Fortschritt in 80 Jahren Lebenszeit.

Achtzig Jahre gelebt. Fünf Jahre weitergekommen.

Ein Feld ist ein Jahr. Zwei von rund 30 Wochen, übertragen auf ein ganzes Leben.

80 Felder, eines pro Lebensjahr. Fünf sind rot für die Jahre mit echtem Fortschritt, 75 grau für Jahre, in denen sich nur der Kalender dreht.
Hochrechnung nach dem Autor: 2 von 30,4 Wochen ergeben auf 80 Jahre gut fünf Jahre. Grafik: Leitgrad.

Als Kind war das anders

Als Kind hast du jede Woche etwas Neues gelernt, entdeckt, geübt. Du bist gewachsen, körperlich und geistig. Jeden Tag.

Wie hat sich das damals angefühlt? Lebendig!

Kein Wunder: Du hast damals immer mehr Fortschritt gemacht, als tatsächlich Zeit vergangen ist.

Heute ist es oft umgekehrt: Es vergeht Zeit, aber ohne Fortschritt. Das Einzige, was sich bei den meisten verändert, sind das Kalenderblatt und der Zeiger auf der Uhr. Nirgends sonst erkenne ich, dass bei ihnen Zeit vergangen ist. Das ist Stillstand. Kein Wunder, fühlt man sich so nicht lebendig.

Es geht auch anders

Ich kenne Menschen, bei denen es wirkt, als wären in sieben Monaten Jahre vergangen:

  • Menschen, die sechsmal pro Woche Sport gemacht haben.
  • Menschen, die ihre Beziehungen im Alltag und mit kleinen Ausflügen gepflegt und vertieft haben.
  • Menschen, die neue Türen geöffnet und Geld verdient haben.
  • Menschen, die an ihrem Mindset gearbeitet haben und heute selbstbewusst durchs Leben gehen.

Eine Woche, die wie Jahre war

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Rhetorik.

Es gibt 25-Jährige, die besser sprechen als viele 60-Jährige, obwohl die 60-Jährigen ein Vielfaches an Zeit mit Reden verbracht haben. Warum? Weil sich der 25-Jährige bewusst mit Rhetorik beschäftigt und in kurzer Zeit mehr Fortschritt gemacht hat als der 60-Jährige in seinem ganzen Leben.

Ich erinnere mich: Irgendwann 2022 oder 2023 habe ich mir ein paar Stunden meiner eigenen Videos angeschaut und überlegt, was ich rhetorisch besser machen kann. Eine Woche später war meine Rhetorik deutlich besser. Flüssiger, prägnanter, überzeugender. Der Sprung war so gross, als wären Jahre vergangen. In einer Woche hatte ich Jahre an Fortschritt gemacht.

Und was ist seitdem passiert? Ich habe mir keine Videos von mir mehr angeschaut. Und seitdem hat sich auch nichts mehr verbessert. Als ich diesen Text im Sommer 2025 zum ersten Mal schrieb, lag das zwei, drei Jahre zurück. In dieser Zeit: null Tage Fortschritt in meiner Rhetorik.

Du entscheidest

Die Botschaft dieses Textes: Wir können unsere kostbare Lebenszeit mit echtem Leben und echtem Fortschritt füllen.

Zeit ist das rarste Gut, das wir haben. Wenn wir sie nutzen, wird sie unser Freund. Wenn nicht, wird sie unser Feind. Zeit begünstigt den, der ihr Bedeutung gibt.

Nicht die Jahre zählen. Sondern das, was in ihnen geschieht.

Du entscheidest, ob sich die Monate bis zum Jahresende wie ein paar Tage anfühlen. Oder wie ein ganzes Leben.

Tick, tack.

Eine erste Fassung dieses Textes erschien im Juli 2025 in Florian Bruce-Boyes Newsletter «Proaktiv Letter». Für Leitgrad leicht überarbeitet.

Florian Bruce-Boye

Bruce-Boye · Die Kolumne

Florian Bruce-Boye Physiker, Spiegel-Bestsellerautor, Host von «Der Bitcoin Podcast» und Co-Founder von Schwarzberg. Kolumnist bei Leitgrad. Zum Profil

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