Briefing · 6 min ·

Medtech: Rekordumsatz, und 100 neue Stellen

26 Milliarden Franken Umsatz, 5,5 Prozent Wachstum und die tiefste Investitionsbereitschaft seit Erhebungsbeginn. Was in der Swiss-Medtech-Branchenstudie 2026 wirklich steht.

Die Schweizer Medizintechnik hat in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt rund 1500 Stellen pro Jahr geschaffen. In den beiden Jahren 2024 und 2025 waren es zusammen 200. Das steht in der Branchenstudie, die Swiss Medtech am 10. September veröffentlicht hat, und es steht dort neben einem Umsatzrekord.

Das Wichtigste in Kürze

Die Branchenstudie 2026 von Swiss Medtech weist für 2025 rund 1400 Betriebe, 26 Milliarden Franken Umsatz und knapp 72’000 Beschäftigte aus. Der Umsatz wuchs 2023 bis 2025 um 5,5 Prozent im Jahr, rund doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft. Die Beschäftigung stagniert: netto 200 zusätzliche Stellen in zwei Jahren gegenüber einem Zehnjahresschnitt von rund 1500 pro Jahr. 43 Prozent der Unternehmen planen derzeit keine Investitionen, der schlechteste Wert seit Erhebungsbeginn. 53 Prozent beurteilen die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts schlechter als vor fünf Jahren. Erstmals steht nicht die Regulierung an der Spitze der Herausforderungen, sondern der Kostendruck. Der Handelsbilanzüberschuss sank von 5,8 auf 5,5 Milliarden Franken.

Rund 1500 neue Stellen pro Jahr. Jetzt sind es 100.

Nettozuwachs an Arbeitsplätzen in der Schweizer Medizintechnik, beide Werte pro Jahr gerechnet. Die rote Fläche ist flächentreu zum grossen Block.

Leitgrad-Grafik: Ein grosser Block für rund 1500 neue Stellen pro Jahr im Zehnjahresschnitt, darin ein kleines rotes Quadrat für die rund 100 Stellen pro Jahr in den Jahren 2024 und 2025.
Swiss Medtech, Branchenstudie 2026 vom 10. September 2026, und Faktenblatt. Beide Werte auf ein Jahr gerechnet.

Die Zahlen im Einzelnen

Die Studie erscheint seit 2008, dies ist die zehnte Ausgabe; erstellt haben sie Swiss Medtech und die Helbling Gruppe. Referenzjahr der Kennzahlen ist 2025.

Was gut aussieht: 26 Milliarden Franken Umsatz, ein Plus von 2,6 Milliarden gegenüber der Studie von 2024. Über 90 Prozent davon werden im Ausland erzielt, die Exporte liegen bei rund 12 Milliarden Franken. 95 Prozent der rund 1400 Betriebe sind KMU. Rund die Hälfte der Firmen setzt bereits künstliche Intelligenz ein, weitere 37 Prozent planen es.

Was nicht gut aussieht, ist alles, was in die Zukunft zeigt. Die Beschäftigung ging von 72’500 im Jahr 2024 auf 71’900 im Jahr 2025 zurück; gegenüber 2023 bleibt netto ein Plus von 200 Stellen. Für 2026 erwartet die Branche kein Beschäftigungswachstum. Der Anteil der Unternehmen ohne Investitionspläne ist über vier Erhebungen hinweg kontinuierlich gestiegen: 26 Prozent 2018, 26 Prozent 2020, 31 Prozent 2022, 38 Prozent 2024 und nun 43 Prozent. Und der Handelsbilanzüberschuss, über Jahre das stärkste Argument der Branche, ist von 5,8 auf 5,5 Milliarden Franken gefallen.

Was die Firmen als Problem nennen

Die Rangfolge hat sich verschoben. An der Spitze der grossen Herausforderungen steht neu der Kostendruck mit 46 Prozent, gefolgt von der Marktzulassung nach MDR und IVDR mit 41 Prozent und dem Wettbewerb durch günstigere Produkte aus anderen Märkten mit 37 Prozent. Der Wechselkurs folgt mit 32 Prozent. Die Regulierung, jahrelang das dominierende Thema, ist damit erstmals nicht mehr Problem Nummer eins. Nicht weil sie leichter geworden wäre, sondern weil anderes schwerer wurde.

Bei den Standortfaktoren nennen die Firmen als negativ: den starken Franken mit 43 Prozent, Handelsabkommen und Zölle mit 38 Prozent, die Lohnkosten mit 37 Prozent und die Bürokratie mit 35 Prozent. Als positiv nennen sie die innenpolitische Stabilität und Rechtssicherheit mit 62 Prozent und, das überrascht angesichts der üblichen Debatte, den Zugang zu Fachkräften mit 34 Prozent. Der Fachkräftemangel ist in dieser Branche kein Hauptproblem. Eine Lücke gibt es nur bei den digitalen Kompetenzen; dort fehle inländisches Know-how, weshalb Firmen solche Teams im Ausland aufbauen.

Das zeigt sich auch bei den Gründen für Auslandsinvestitionen. Kundennähe nennen 68 Prozent, hohe Personalkosten in der Schweiz 52 Prozent, beides bekannt. Interessanter ist eine kleine Verschiebung: Der Einkauf von Know-how zu neuen Technologien stieg von 12 auf 17 Prozent. Es geht also nicht mehr nur darum, günstiger zu produzieren, sondern darum, Wissen dort zu holen, wo es entsteht.

Was der Verband sagt

Ständerat Damian Müller, Präsident von Swiss Medtech, formulierte es so: «Die Frage ist nicht, ob die Schweizer Medtech-Branche Zukunft hat. Sie hat Zukunft. Die Frage ist: Findet diese Zukunft in der Schweiz statt?» Ypsomed-Chef Simon Michel, der auch im Vorstandsausschuss von Economiesuisse sitzt, wurde konkreter: «Wo bauen wir ein weiteres Werk? Unsere Analysen zeigen, dass Standorte in der EU, China und USA gegenüber der Schweiz an Attraktivität gewonnen haben.»

Direktor Adrian Hunn leitet daraus eine Forderung ab, die kleiner ist als die Diagnose: «Damit die Wertschöpfung in der Schweiz bleibt, müssen wir digitale Kompetenzen gezielt stärken.» Dazu kommen der Abbau «unnötiger Bürokratie» und internationale Abkommen gegen Handelshemmnisse.

Was in der Studie nicht steht

Zwei Dinge, die in der Berichterstattung zur Studie auftauchten, finden sich im Bericht nicht. Erstens beziffert die Ausgabe 2026 die Belastung durch die europäische Medizinprodukteverordnung nicht mehr. Wer Zahlen dazu sucht, muss auf die Studie von 2024 zurückgreifen: Damals hatten 80 Prozent der Hersteller zusätzliches Personal eingestellt, rund die Hälfte das Produktportfolio um durchschnittlich 20 Prozent reduziert, die Entwicklungskosten stiegen um 28, die Produktkosten um 13 Prozent.

Zweitens enthält die Studie keine Aussage darüber, dass klinische Studien nach Asien abwandern. Asien kommt im Bericht namentlich nicht vor. Belegt ist nur die Verlagerung von Produktion und Technologiewissen ins Ausland allgemein.

Und ein Drittes fehlt ebenfalls: der Verlust des gegenseitigen Anerkennungsabkommens mit der EU im Mai 2021. In der Branchenstudie kommt das Thema nicht vor. Swiss Medtech hat es in einer eigenen Mitteilung vom 19. Mai 2026 behandelt: Rund die Hälfte der Exporte gehe in die EU, jeder dritte Arbeitsplatz hänge an EU-Aufträgen, über 70 Prozent der Firmen hielten das Schweiz-EU-Paket für essenziell.

Was daraus folgt

Die Branche wächst im Umsatz und stagniert in der Beschäftigung. Das ist für sich genommen nicht dramatisch. Produktivitätsgewinne sehen genau so aus. Dramatisch wird es in Kombination mit dem dritten Wert: Wenn gleichzeitig 43 Prozent der Firmen nicht investieren, wächst hier nicht die Produktivität, sondern es wächst der Umsatz an Standorten, die nicht in der Schweiz liegen.

Für Zulieferer und Dienstleister der Branche hat das eine handfeste Folge. Die Kunden bauen ihre nächsten Werke woanders, und sie treffen diese Entscheidung jetzt, nicht in fünf Jahren. Wer heute ausschliesslich Schweizer Standorte beliefert, sollte wissen, wie viel seines Umsatzes an Werken hängt, die in der aktuellen Planung der Kunden nicht mehr erweitert werden.

Methode

Die Studie erschien am 10. September 2026, nicht am 14. Die vielzitierte Gegenüberstellung «200 statt 1500 Stellen» vergleicht eine Zweijahressumme mit einem Jahresdurchschnitt. Wir rechnen beide Werte auf ein Jahr: rund 100 neue Stellen pro Jahr gegenüber rund 1500 im Zehnjahresschnitt. Der Einbruch ist derselbe, die Rechnung ist sauber. Die 53 Prozent beziehen sich auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, nicht auf den Standort allgemein; ein Vorjahresvergleich ist für diese Frage nicht dokumentiert. Die Gesamtzahl der befragten Unternehmen weist die Ausgabe 2026 nicht aus; die Fallzahlen einzelner Fragen liegen zwischen rund 200 und 430.

Quellen

  1. Swiss Medtech und Helbling Gruppe: «Die Schweizer Medizintechnikindustrie: Branchenstudie 2026», veröffentlicht am 10. September 2026 swiss-medtech.ch
  2. Swiss Medtech, Faktenblatt zur Branchenstudie 2026 swiss-medtech.ch
  3. Swiss Medtech, Medienmitteilung vom 10. September 2026, mit den Zitaten von Damian Müller, Simon Michel und Adrian Hunn swiss-medtech.ch
  4. Swiss Medtech, Branchenstudie 2024 vom 12. September 2024, für die Vergleichswerte und die MDR-Zahlen swiss-medtech.ch
  5. Swiss Medtech, Mitteilung «Medtech unter Druck» vom 19. Mai 2026, zum EU-Marktzugang swiss-medtech.ch
  6. AWP-Meldung vom 10. September 2026, publiziert auf cash.ch; moneycab vom 10. September 2026 cash.ch · moneycab.com

Mehr zu diesen Themen

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Weiterlesen

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren