SMI-Wechsel: Warum Swisscom und Kühne+Nagel fliegen, Roche und Richemont nicht
Der Leitindex zählt nur Aktien, die frei gehandelt werden. Wer die Mehrheit in der kotierten Aktie hält, halbiert das Gewicht seiner Firma. Roche und Richemont zeigen, wie man das umgeht.

Seit gestern gehören Galderma und Sandoz zum Swiss Market Index. Swisscom und Kühne+Nagel sind in den SMI Mid abgestiegen. Beide Absteiger sind gross genug für den Leitindex. Sie haben etwas anderes gemeinsam: einen Aktionär, der die Mehrheit hält und nicht verkauft. Der Index rechnet diese Aktien heraus. Roche und Richemont werden ebenfalls von Familien kontrolliert und bleiben trotzdem mit vollem Gewicht drin. Der Unterschied liegt nicht in der Macht, sondern in der Aktie, in der sie steckt.
Das Wichtigste in Kürze
Die Börsenbetreiberin SIX gab am 8. Juli bekannt, dass Galderma und Sandoz per 21. September in den SMI aufsteigen, Swisscom und Kühne+Nagel in den SMIM wechseln. Für die Rangliste zählt je zur Hälfte der Börsenwert der frei handelbaren Aktien und der Handelsumsatz. Pakete ab 5 Prozent, die ein Aktionär langfristig hält, gelten nicht als frei handelbar. Beim Bund, der 51 Prozent an Swisscom halten muss, wurden von rund 31,6 Milliarden Franken Börsenwert nur 15,8 Milliarden angerechnet. Bei Kühne+Nagel, wo Klaus-Michael Kühne über seine Holding 55,4 Prozent kontrolliert, blieben von 24 Milliarden weniger als 12. Roche und Richemont trifft das nicht: Die Stimmen der Familien stecken in Titeln, die gar nicht im Index sind.
Gleiche Kontrolle, anderes Gewicht. Es kommt auf die Aktie an.
Stimmenanteil des Ankeraktionärs und dessen Anteil am Titel, der im SMI gezählt wird.

Wie der SMI zählt
Der SMI bildet die 20 grössten und liquidesten Titel der Schweizer Börse ab. Einmal im Jahr prüft SIX die Rangliste. Zwei Kriterien zählen, je zur Hälfte: der durchschnittliche Börsenwert des Streubesitzes im Verhältnis zum ganzen Schweizer Markt und der Umsatz im Orderbuch. Wer auf Rang 18 oder besser liegt, kommt sicher hinein. Die Ränge 19 bis 22 sind eine Pufferzone, in der bisherige Mitglieder Vorrang haben. Wer auf Rang 23 fällt, fliegt.
Entscheidend ist die Definition des Streubesitzes. Nach dem Regelwerk von SIX zählen Pakete ab 5 Prozent nicht dazu, wenn sie von Einzelpersonen oder gebundenen Aktionärsgruppen mit langfristigem Interesse gehalten werden. Fondsgesellschaften und Pensionskassen gelten dagegen als Streubesitz. Ein Ankeraktionär, der nicht verkaufen will, macht seine Firma im Index also kleiner, als sie an der Börse ist.
Swisscom: Ein Gesetz halbiert das Gewicht
Beim Bund ist das keine Frage des Willens. Das Telekommunikationsunternehmungsgesetz schreibt vor, dass er die Mehrheit an Swisscom hält. Er besitzt 51 Prozent der 51,8 Millionen Aktien. Für den Index bleiben 49 Prozent. Laut cash.ch standen damit im Juli von rund 31,6 Milliarden Franken Börsenwert 15,8 Milliarden in der Rechnung, das reichte nur noch für den zweitletzten Platz, knapp vor Logitech. Solange das Gesetz gilt, bleibt dieser Abschlag.
Kühne+Nagel: Die Familie als Grenze
Bei Kühne+Nagel hält die Kuehne Holding AG laut Geschäftsbericht 55,4 Prozent. Alle Stimmrechte dieser Holding liegen direkt oder indirekt bei Klaus-Michael Kühne. Die Kühne-Stiftung besitzt weitere 4,7 Prozent. Vom Börsenwert von rund 24 Milliarden Franken wurde deshalb weniger als die Hälfte angerechnet, nach Angaben der «Bilanz» unter 12 Milliarden. Schon vor einem Jahr stand die Aktie auf der Kippe, damals traf es Sonova. Diesmal reichte der Puffer nicht mehr, weil zwei Neue mit viel mehr Streubesitz kamen: Galderma, an der L’Oréal noch 20 Prozent hält, bringt 42 Milliarden Börsenwert mit, Sandoz 32 Milliarden.
Roche und Richemont: Die Macht liegt nebenan
Roche wird seit 1948 von einem Pool der Gründerfamilien kontrolliert. Er hielt Ende 2025 knapp 65 Prozent der 106,7 Millionen Inhaberaktien, die das Stimmrecht tragen. Im SMI steckt aber ein anderer Titel: der Partizipationsschein, der im März den bisherigen Genussschein abgelöst hat. Davon gibt es 702,6 Millionen, und sie haben kein Stimmrecht. Die Kontrolle der Familie schmälert das Indexgewicht deshalb nicht. Roche gehört zu den vier Titeln, deren Gewicht im SLI sogar auf 9 Prozent gekappt werden muss.
Bei Richemont hält die Compagnie Financière Rupert alle 537,6 Millionen B-Aktien. Sie haben einen Zehntel des Nennwerts der A-Aktien, aber dasselbe Stimmrecht. So kommt die Gesellschaft der Familie Rupert mit rund 10 Prozent des Kapitals auf 50,6 Prozent der Stimmen. Kotiert und im SMI sind nur die A-Aktien, und davon besitzt sie gut 6,4 Millionen, etwa 1,2 Prozent.
Was daraus folgt
Der Index bestraft nicht Kontrolle an sich. Er bestraft Kontrolle, die in der gehandelten Aktie liegt. Wer Stimmrecht und Handel trennt, wie Roche und Richemont, behält beides: die Herrschaft über die Firma und den Platz im Leitindex. Swisscom und Kühne+Nagel haben je nur eine Aktienkategorie. Dort sitzt der Ankeraktionär im gehandelten Titel.
Für Indexfonds ist der Wechsel mechanisch: Sie verkaufen Swisscom und Kühne+Nagel aus ihren SMI-Portfolios und kaufen Galderma und Sandoz. Wie gross die Umschichtung war, hat SIX nicht beziffert. Für die beiden Firmen ist er vor allem eine Frage der Sichtbarkeit. Wer den SMI kennt, kennt 20 Namen. Swisscom und Kühne+Nagel gehören seit gestern nicht mehr dazu, und im SMI Mid treffen sie auf weitere Familienfirmen, bei denen es ähnlich aussieht: Bei Schindler halten die Familien Schindler und Bonnard 68,6 Prozent der Stimmen, bei EMS-Chemie zwei Holdings von Magdalena Martullo-Blocher und Rahel Blocher zusammen rund 61 Prozent.
Methode
Die Grafik vergleicht den Stimmenanteil des grössten Ankeraktionärs mit seinem Anteil an dem Titel, den SIX im SMI führt. Bei Kühne+Nagel ist nur die Kuehne Holding eingerechnet, ohne die Kühne-Stiftung. Den genauen Streubesitzfaktor, den SIX je Titel verwendet, veröffentlicht die Börse nur im Index Data Center; wir stützen uns auf die Regeln, die Geschäftsberichte und die Werte, die cash.ch und die «Bilanz» genannt haben. Die Börsenwerte sind Stand der Ankündigung im Juli.
Was im Themenvorschlag anders stand: Roche ist nicht mehr mit dem Genussschein im Index, sondern seit dem 17. März 2026 mit dem Partizipationsschein. Der Familienpool hält 64,97 Prozent der Inhaberaktien, nicht 67,5. Eine Grafik mit Gesamtwert und Streubesitz aller 20 SMI-Titel haben wir nicht gezeichnet, weil die Streubesitzfaktoren nicht öffentlich sind.
Titelbild: Die Roche-Türme Bau 1 und Bau 2 in Basel. Foto: Michielverbeek, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0, unverändert.
Quellen
- SIX, «Index Adjustments on the Occasion of the Ordinary Index Review», 8. Juli 2026, mit Änderungstabelle six-group.com · six-group.com (PDF)
- SIX, Regelwerk SMI Equity Indices, Version 3.40, 8. Juni 2026 six-group.com (PDF)
- cash.ch, «Änderungen im Schweizer Leitindex: Galderma und Sandoz neu im SMI», 9. Juli 2026; Bilanz zum Abstieg von Swisscom und Kühne+Nagel cash.ch · bilanz.ch
- Swisscom, Angaben zur Aktie; UVEK zur Beteiligung des Bundes swisscom.ch · uvek.admin.ch
- Kühne+Nagel, Geschäftsbericht 2025, Konzernstruktur und Aktionäre kuehne-nagel.com
- Roche, Angaben für Investoren zu Kapital und Aktionärspool; Umtausch der Genussscheine in Partizipationsscheine, 16. März 2026 roche.com · roche.com
- Richemont, Kapitalstruktur, Stand 31. März 2026 richemont.com
- Galderma, Mitteilung zum Handelsbeginn im SMI, 21. September 2026 galderma.com
- Schindler, Corporate Governance Bericht 2025; EMS-Chemie, Geschäftsbericht 2024/25 schindler.com (PDF) · ems-group.com (PDF)
Früher zum Thema: UBS-Wegzug: Was bliebe · Buffett, Berkshire und die Schweizer Nachfolge
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