Illustration: Leitgrad. Quellen: Infineon und ZuriQ (7.10.2026), Moneycab (30.7.2026). Je eine Figur pro Mitarbeitende von ZuriQ, Stand Juli 2026.
18 Leute in Zürich entwerfen den Chip. Infineon bringt die Fabrik
Neun Ionen, einzeln steuerbar, in einem flachen Raster auf einem Chip: Grösser war so etwas laut den Partnern noch nie. Jetzt soll ein Konzern mit 57'000 Mitarbeitenden daraus Hardware machen, die sich industriell fertigen lässt. Wie kommt ein Startup aus Zürich an diesen Tisch?

Illustration: Leitgrad. Quellen: Infineon und ZuriQ (7.10.2026), Moneycab (30.7.2026). Je eine Figur pro Mitarbeitende von ZuriQ, Stand Juli 2026.
Kurz gesagt: Die Zürcher ETH-Ausgründung ZuriQ und der Halbleiterkonzern Infineon bauen ihre Zusammenarbeit aus, wie sie am 7. Oktober 2026 mitteilten. ZuriQ liefert die Architektur, eine zweidimensionale Penning-Mikrofalle für Quantencomputer. Infineon bringt Halbleiterfertigung, Packaging und integrierte Photonik ein. Gemeinsam haben sie neun einzeln steuerbare Ionen in einem 3×3-Raster gefangen, laut Mitteilung das grösste zweidimensionale Raster dieser Art. ZuriQ wurde 2024 gegründet, zählt 18 Mitarbeitende (Stand Juli 2026) und hat im Juli 25,5 Mio. Dollar eingesammelt. Zeitplan und Konditionen nennen die Firmen nicht.
Im März 2024 zeigte die ETH Zürich, wie ein einzelnes Atom ihr Logo schreibt. Genauer: ein Ion, ein elektrisch geladenes Atom, gefangen über einem Chip. Ein supraleitender Magnet mit 3 Tesla hielt es fest, fast 100’000-mal stärker als das Magnetfeld der Erde. Die Forschenden schoben es kreuz und quer über die Chipebene. Gefangen blieb es mehrere Tage, berichtete die ETH (via Netzwoche).
Die ersten drei Namen auf dem Fachartikel dazu in «Nature» lauteten Shreyans Jain, Tobias Sägesser und Pavel Hrmo (Physics World). Noch im selben Jahr gründeten die drei aus dem Labor von Professor Jonathan Home die ZuriQ AG (Moneycab). Home berät die Firma. «Was diesen Ansatz so leistungsfähig macht, ist die Geometrie», sagt er.
Zweieinhalb Jahre später sitzt das Startup mit einem Konzern am Tisch, der 57’000 Menschen beschäftigt.
Ein Magnet ersetzt die Schienen
Jedes Ion trägt ein Qubit, die Recheneinheit eines Quantencomputers. Das Problem ist das Festhalten. Die übliche Paul-Falle braucht ein schnell schwingendes Hochfrequenzfeld. Es heizt den Chip auf, je grösser das System, desto stärker. Und die Ionen lassen sich nur auf geraden Bahnen verschieben, mit Kreuzungen dazwischen (ETH via Netzwoche). Bis etwa 30 Qubits funktioniert das gut, schreibt Physics World.
Die Penning-Falle kommt ohne schwingendes Feld aus. Ein starkes, konstantes Magnetfeld zwingt das Ion auf winzige Kreisbahnen, statische elektrische Felder erledigen den Rest. Ohne Kreuzungen und ohne Hochfrequenz passen viele Fallen auf einen Chip, die Zahl der Qubits wächst mit der Fläche. Gefertigt werden kann das auf gewöhnlichen Halbleiterlinien (Quantum Computing Report). «Unsere Architektur ist von Grund auf zweidimensional», sagt Hrmo (The Quantum Insider, übersetzt).
Die Kehrseite benennt die ETH selbst. Starke Magnete sind teuer und sperrig, und das Laserlicht muss durch den Magneten zu den Ionen.

Was ein Konzern kann und ein Startup nicht
Ein Startup mit 18 Leuten baut keine Chipfabrik. Infineon bringt die Fertigung mit. Der Konzern setzte im Geschäftsjahr 2025 rund 14,7 Mrd. Euro um (Infineon via HPCwire). An Ionenfallen forscht er seit 2016 im österreichischen Villach (Silicon Saxony), 2022 eröffnete er dort ein Testlabor für Quantentechnik (Infineon). Laut einem Vortrag von 2025 entwickelt Infineon Ionenfallen in massgeschneiderten Designs, auf Wunsch mit integrierter Photonik, und liefert Kunden ganze Quantenprozessoren (DPG).
ZuriQ ist nicht der erste Partner. 2022 kam Oxford Ionics, 2023 eleQtron aus Siegen, mit dem Infineon eine Strategie des gemeinsamen Entwerfens verfolgt (eeNews Europe). Oxford Ionics wurde 2025 für 1,075 Mrd. Dollar vom amerikanischen Quantenkonzern IonQ übernommen (IonQ). Auch sonst verteilt Infineon seine Wetten. Der Konzern ist Mitgründer des deutschen Industriekonsortiums QUTAC und verfolgt neben Ionen auch supraleitende und halbleiterbasierte Qubits (Silicon Saxony).
Die Zürcher kennen Infineon schon. Ihren Demonstrator entwickelten sie in 18 Monaten zusammen mit ETH-Forschenden, die Chips dafür entstanden bei Infineon (Moneycab). Jetzt soll daraus mehr werden. «Wir machen aus dem technischen Fortschritt von ZuriQ skalierbare, fertigbare Quantenhardware», sagt Hrmo. Fortschritt brauche Durchbrüche in der Physik, aber auch robuste Fertigungstechnik, sagt Clemens Rössler, bei Infineon für Quantenprozessoren zuständig (HPCwire, übersetzt). Als Zwischenschritt nennt die Fachpresse Module mit 40 Ionen, langfristig Prozessoren mit mehreren Tausend Qubits, ohne Zeitplan (Quantum Computing Report).
Die Köpfe bleiben in Zürich
Die Arbeitsteilung hat eine Pointe. Die kapitalintensive Fertigung liegt beim Konzern. Das Wissen, die Architektur und das Team wachsen in Zürich. Bei der Vorrunde im Januar 2025 zählte ZuriQ vier Mitarbeitende, im Juli 2026 waren es 18, einige davon kamen von IonQ, Xanadu und Hamamatsu (The Quantum Insider).
Im Juli kamen 25,5 Mio. Dollar dazu, angeführt vom Pariser Investor Quantonation, mit Geldgebern aus den Niederlanden, Berlin und London. Das Geld fliesst in Stellen, Forschung und den Ausbau der Chipfertigung (Moneycab). «Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass das Quantenrennen bereits entschieden sei», sagt Quantonation-Gründungspartner Christophe Jurczak. Das Ziel von ZuriQ: die Zahl der Ionen pro Chip rasch erhöhen, als Grundlage für Hunderte Qubits auf einem Chip und für Maschinen, die sich kommerziell nutzen lassen (The Quantum Insider).

Das Muster passt zu einer Lücke, die die Schweiz kennt. Die nationale Quantenstrategie zählte im März über 200 Forschungsgruppen, aber nur einzelne Startups. Sie beziffert den Investitionsbedarf auf 200 bis 300 Mio. Franken und empfiehlt unter anderem mehr Reinräume (Netzwoche). ZuriQ zeigt, wie man bis dahin arbeitet: mit der Fabrik eines Partners und den Köpfen zu Hause.
Zum Mitnehmen: Was Startups und KMU aus solchen Partnerschaften mitnehmen können
- Arbeit sauber teilen: Bei ZuriQ liefert das Startup Architektur und Chipdesign, der Konzern Fertigung, Packaging und Photonik. Infineon nennt das bei eleQtron eine Co-Design-Strategie.
- Fertigung als Baustein einkaufen: Infineon liefert Kunden Ionenfallen in massgeschneiderten Designs bis hin zu ganzen Prozessoren. Wer keine eigene Linie finanzieren kann, verhandelt über Zugang statt über Eigentum.
- Keine Exklusivität erwarten: Infineon arbeitet mit mehreren Ionenfallen-Firmen zugleich, seit 2022 mit Oxford Ionics, seit 2023 mit eleQtron, jetzt mit ZuriQ.
- Klein anfangen: Der Innovationsscheck von Innosuisse übernimmt bis 15’000 Franken der Kosten eines Schweizer Forschungspartners für eine Vorstudie. Berechtigt sind KMU und Startups mit weniger als 250 Vollzeitstellen, die Studie läuft höchstens sechs Monate.
- Gross weitermachen: Bei einem Innovationsprojekt mit Umsetzungspartner trägt die Firma 40 bis 60 Prozent der Projektkosten selbst und zahlt der Hochschule mindestens 5 Prozent bar. Innosuisse entscheidet in rund sechs bis acht Wochen.
- Quantengeld kennen: Die Swiss Quantum Initiative stellt für 2025 bis 2028 bis zu 82,1 Mio. Franken bereit, 29,6 Mio. davon über Innosuisse.
- Als Zulieferer andocken: Schweizer Firmen wie Zurich Instruments (Steuersysteme), Basel Precision Instruments (kryogene Filter) und Ligentec (photonische Chips) liefern bereits an die Quantenindustrie.
Häufige Fragen
Was ist ZuriQ?
Ein 2024 gegründetes Spin-off aus dem Labor von Jonathan Home an der ETH Zürich. Es entwickelt Quantenprozessoren mit gefangenen Ionen auf einem zweidimensionalen Chip, beschäftigt 18 Personen (Stand Juli 2026) und hat rund 30 Mio. Dollar Kapital aufgenommen.
Was ist eine Penning-Falle?
Eine Ionenfalle, die geladene Teilchen mit einem starken, konstanten Magnetfeld und statischen elektrischen Feldern festhält. Anders als die übliche Paul-Falle braucht sie kein schwingendes Hochfrequenzfeld, deshalb lassen sich die Ionen frei in der Ebene bewegen.
Was macht Infineon für ZuriQ?
Infineon bringt Halbleiterfertigung, Packaging und integrierte Photonik ein und hat bereits Chips für den Demonstrator von ZuriQ hergestellt. Ziel ist Quantenhardware, die sich industriell fertigen lässt. Zeitplan, Standort und Konditionen sind nicht öffentlich.
Quellen
- Infineon und ZuriQ, Medienmitteilung via HPCwire, 7. Oktober 2026; The Quantum Insider, 7. Oktober 2026 hpcwire.com · thequantuminsider.com
- Quantum Computing Report, Infineon and ZuriQ deepen partnership, Oktober 2026 quantumcomputingreport.com
- Moneycab, ZuriQ sammelt 25,5 Millionen Dollar, 30. Juli 2026; The Quantum Insider, ZuriQ raises 25.5 million, 28. Juli 2026 moneycab.com · thequantuminsider.com
- DCD, Quantum startup ZuriQ partners with Infineon, Januar 2025 datacenterdynamics.com
- ETH Zürich via Netzwoche, Mit neuer Ionenfalle zu grösseren Quantencomputern, 17. März 2024; Physics World zu Jain et al., Nature 627 (2024) netzwoche.ch · physicsworld.com · Nature
- Infineon, Quantum Lab Villach, 31. Mai 2022; Silicon Saxony und eeNews Europe zur Partnerschaft mit eleQtron, Juni 2023; DPG, Trapped-ion quantum computing at Infineon, 14. Oktober 2025 infineon.com · silicon-saxony.de · eenewseurope.com · dpg-physik.de
- IonQ, Abschluss der Übernahme von Oxford Ionics, September 2025 ionq.com
- Netzwoche, Wie die Schweiz ihre Position in der Quantentechnologie stärken will, 5. März 2026; SBFI, Swiss Quantum Initiative netzwoche.ch · sbfi.admin.ch
- Innosuisse, Innovationsscheck und Innovationsprojekte mit Umsetzungspartner, abgerufen 15. Oktober 2026 Innovationsscheck · Innovationsprojekte
- Zurich Instruments, About; Bluefors zu Basel Precision Instruments, 29. Mai 2026; Hightech Zentrum Aargau zu Ligentec, 22. März 2021 zhinst.com · bluefors.com · hightechzentrum.ch
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