Briefing · 4 min ·

Elektroautos: Die Schweiz fällt in Europa zurück, und die Kantone bremsen mit

2019 lag die Schweiz bei den Elektroautos in Europa auf Rang 5, heute auf Rang 16. Amag-Chef Helmut Ruhl macht die Kantone verantwortlich. Was Steuern und fehlende Ladestationen für Firmenflotten bedeuten.

Ein Ladestecker fällt von einem Schild mit der Zahl 5 zu einem Schild mit der Zahl 16. Text: Rang 5. Jetzt Rang 16.

Helmut Ruhl verkauft fast jedes dritte neue Auto in der Schweiz, und er ist unzufrieden. In einzelnen Kantonen zahle ein elektrischer Mittelklasse-SUV bis zu 1000 Franken mehr Motorfahrzeugsteuer im Jahr als ein vergleichbarer Benziner, sagte der Amag-Chef am Wochenende im Interview mit CH Media. Sein Urteil: «Das kanns nicht sein.»

Ruhl beschreibt einen Abstieg. 2019 lag die Schweiz bei der Elektrifizierung ihrer Neuwagen in Europa auf Rang 5, Ende 2025 auf Rang 13, zuletzt auf Rang 16. Und das in einem Jahr, in dem sich die Elektroautos endlich besser verkaufen.

Das Wichtigste in Kürze

2025 waren 22,8 Prozent der neuen Personenwagen in der Schweiz reine Elektroautos, im August 2026 30,2 Prozent. Das Ziel der Roadmap Elektromobilität, bis 2025 die Hälfte der Neuwagen mit Stecker zu verkaufen, wurde deutlich verfehlt. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz inzwischen hinter Ländern wie Belgien, Portugal und Grossbritannien. Amag-Chef Helmut Ruhl macht dafür vor allem die Kantone verantwortlich, die Elektroautos teils höher besteuern als Benziner, und fehlende Ladestationen für Mieter und Stockwerkeigentümer. Ein Recht auf Laden ist in der Vernehmlassung.

Die Amag ist dafür ein gewichtiger Zeuge. Der Importeur gehört Martin Haefner, verkauft VW, Audi, Škoda, Seat und Cupra und kam 2025 auf 32,1 Prozent Marktanteil. Von ihren 75 750 verkauften Autos fuhren 16 508 elektrisch.

Norwegen: 96 Prozent Elektroautos. Die Schweiz: 23.

Anteil reiner Elektroautos an den neu zugelassenen Personenwagen 2025, ausgewählte Länder Europas.

Balken für den Anteil reiner Elektroautos 2025: Norwegen 95,8 Prozent, Dänemark 68,6, Niederlande 40,2, Schweden 36,5, Belgien 34,7, Grossbritannien 23,4, Schweiz 22,8, Österreich 21,3, Frankreich 20,0, Deutschland 19,1, EU 17,4.
Quelle: ACEA, Neuzulassungen Dezember 2025 und Gesamtjahr. Schweiz übereinstimmend mit Swiss eMobility.

Die Grafik zeigt, dass die Schweiz kein Schlusslicht ist. Sie liegt über dem Schnitt der EU und vor Deutschland, Frankreich und Österreich. Aber sie liegt klar hinter wohlhabenden Ländern im Norden und Westen Europas. Die Niederlande und Schweden verkaufen anteilsmässig deutlich mehr Elektroautos, Dänemark dreimal so viele.

Für Unternehmer mit Firmenflotten ist der Rückstand eine praktische Frage. Wer Aussendienst, Service- oder Lieferfahrzeuge umstellt, rechnet mit Motorfahrzeugsteuer, Ladeinfrastruktur und Restwerten. Genau dort unterscheiden sich die Kantone so stark, dass derselbe Entscheid in Zürich anders ausfällt als in Schwyz.

Die Steuerlotterie der Kantone

Der TCS hat im Februar sechs Modelle in allen Kantonen verglichen. Ein Tesla Model Y Performance kostet im Kanton Schwyz 909 Franken Motorfahrzeugsteuer, ein Škoda Octavia mit Benzinmotor 442 Franken. In Zürich, Solothurn und Glarus zahlt das Elektroauto nichts. Die Branchenvereinigung auto-schweiz spricht von einer «Steuerlotterie» mit Unterschieden von über 900 Franken zwischen den Kantonen. Die 1000 Franken, die Ruhl nennt, fanden wir im TCS-Vergleich nicht; der grösste Aufschlag gegenüber dem Benziner lag dort bei 467 Franken.

St. Gallen besteuert seit Januar nach Gewicht und Leistung. Ein VW ID.3 zahlt dort inzwischen mehr als ein Golf, 363 gegen 346 Franken.

Laden, wo man wohnt

Das zweite Hindernis steht in der Tiefgarage. Mieter und Stockwerkeigentümer haben heute kein Recht auf eine Ladestation. Das Parlament hat im Juni 2025 eine Motion des Grünliberalen Jürg Grossen angenommen. Der Bundesrat schickte am 19. Juni 2026 eine Änderung des Energiegesetzes in die Vernehmlassung: Eigentümer sollen die Grundinstallation erstellen müssen, wenn Mieter oder Stockwerkeigentümer es verlangen und es zumutbar ist. Die Frist läuft bis zum 12. Oktober. Der Immobilienverband SVIT ist dagegen.

Ruhl verlangt zudem Zölle und Produktionsauflagen gegen China, allerdings mit Augenmass. «China hat vor Jahren selber mit Zöllen, Vor-Ort- und Joint-Venture-Zwang gearbeitet», sagte er. Wie schnell chinesische Hersteller inzwischen sind, haben wir am Beispiel der Humanoiden aus China gezeigt. Warum die Strompreise für die Industrie trotz sinkender Tarife ein Thema bleiben, steht in unserem Text zum Strompreis 2027. Und wie viel Platz die Schweizer Stromnetze für neue Grossverbraucher haben, zeigt der Netzanschluss für Rechenzentren.

Methode

Die Ränge 5, 13 und 16 nennt Helmut Ruhl im Interview ohne Quellenangabe; Rang 13 für 2025 deckt sich mit dem Jahresbericht von Swiss eMobility. In der ACEA-Tabelle für 2025 liegt die Schweiz ohne Liechtenstein auf Rang 12. Anteile reiner Elektroautos ohne Plug-in-Hybride. Motorfahrzeugsteuer nach TCS-Vergleich vom Februar 2026 für die genannten Modelle; andere Modelle können andere Unterschiede ergeben.

Quellen

  1. CH Media, Interview mit Helmut Ruhl, 26. September 2026, via AWP cash.ch
  2. auto-schweiz, Marktzahlen August 2026 und Roadmap-Zielwerte auto.swiss · auto.swiss
  3. ACEA, Neuzulassungen Dezember 2025 und Gesamtjahr acea.auto
  4. Swiss eMobility, Jahresrapport 2025 swiss-emobility.ch
  5. TCS, Motorfahrzeugsteuer im Vergleich, Februar 2026; auto-schweiz zur «Steuerlotterie», 25. Juni 2026; electrive zu St. Gallen tcs.ch · auto.swiss · electrive.net
  6. Bundesrat, Vernehmlassung zum Recht auf Laden, 19. Juni 2026 admin.ch
  7. Amag, Geschäftsjahr 2025 amagpress.ch

Mehr zu diesen Themen

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Weiterlesen

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren