KI wird jedes Jahr 13-mal billiger. Fast zwei Drittel der KMU sehen keinen Handlungsbedarf
Dieselbe KI-Leistung kostet seit 2023 jedes Jahr rund 13-mal weniger, zeigt eine neue Studie von Epoch AI. Am selben Tag senkten Anthropic und OpenAI ihre Preise. Drei von vier Schweizer KMU setzen KI ein oder testen sie, aber nur 31 Prozent wollen ihr Geschäftsmodell anpassen.

Am Dienstag haben Anthropic und OpenAI am selben Tag kurz nacheinander ihre Preise gesenkt. Am selben Tag veröffentlichte das Forschungsinstitut Epoch AI eine Zahl, die grösser ist als beide Preisschilder zusammen: Dieselbe Leistung einer künstlichen Intelligenz kostet seit 2023 jedes Jahr rund 13-mal weniger. Keine der Technologien, mit denen Epoch vergleicht, wurde je so schnell billiger: nicht der Strom, nicht die Rechenleistung, nicht die Entschlüsselung des Erbguts. In der Schweiz nutzen oder testen drei von vier KMU inzwischen KI. Fast zwei Drittel sehen trotzdem keinen Grund, ihr Geschäftsmodell anzupassen.
Das Wichtigste in Kürze
Epoch AI misst seit 2023 einen Kostenrückgang von rund 47 Prozent pro Quartal für dieselbe KI-Leistung, also etwa Faktor 13 pro Jahr. Strom wurde in den USA zwischen 1892 und 1973 pro Jahr um den Faktor 1,05 billiger, Rechenleistung zwischen 1940 und 2001 um den Faktor 1,51. Am 22. September senkte Anthropic die Listenpreise seines Spitzenmodells um 20 Prozent, OpenAI jene zweier Modelle um die Hälfte. In der Schweiz setzen laut der KMU-Studie von AXA und Sotomo 74 Prozent der befragten KMU KI ein oder testen sie. Nur 31 Prozent sagen, ihr Geschäftsmodell müsse sich deswegen ändern.
Strom wurde pro Jahr 1,05-mal billiger. KI wird 13-mal billiger.
Durchschnittlicher jährlicher Preisrückgang für dieselbe Leistung, nach Technologie und Zeitraum.

Was Epoch gemessen hat
Epoch AI ist ein Forschungsinstitut, das die Entwicklung der KI mit Daten verfolgt. Für die Studie vom 22. September haben Luke Emberson und David Roodman nicht die Preise pro Wort verglichen, sondern die tatsächlichen Kosten pro gelöster Aufgabe. Sie nahmen fünf Testreihen, von Mathematik-Wettbewerbsaufgaben über naturwissenschaftliche Fachfragen bis zu Schachproblemen, und suchten für jedes Leistungsniveau das jeweils billigste Modell, das es erreicht. Der Durchschnitt über alle fünf ergibt einen Rückgang von rund 47 Prozent pro Quartal. Bei Rätseln aus Spielen liegt er bei 39 bis 43 Prozent, bei Mathematik bei 50 bis 52.
Ein Beispiel aus der Studie macht die Grössenordnung greifbar. Um 75 Prozent einer schwierigen naturwissenschaftlichen Testreihe richtig zu beantworten, kostete eine Frage im Januar 2025 rund 30 US-Cent. Keine 18 Monate später schaffte ein anderes Modell dasselbe für 0,04 Cent. Epoch nennt das einen Rückgang um das 725-Fache.
Epoch schränkt selbst ein. Testreihen sind nicht dasselbe wie nützliche Arbeit, Hersteller optimieren gezielt auf bekannte Tests, und die Datenreihe umfasst erst rund drei Jahre. Die Zahlen seien als Grössenordnung zu lesen, nicht als exakter Wert. Auch das Tempo ist nicht gleichmässig: Kurz nachdem ein Leistungsniveau erstmals erreicht ist, fallen die Kosten am schnellsten, danach langsamer.
Die Preissenkungen vom Dienstag
Anthropic senkte mit dem neuen Modell Claude Opus 5.5 die Listenpreise gegenüber dem Vorgänger um 20 Prozent, auf 4 Dollar pro Million eingegebener und 20 Dollar pro Million ausgegebener Textbausteine. Zusätzlich brauche das Modell für typische Aufgaben weniger Textbausteine, was die Kosten laut Anthropic um rund 40 Prozent senke; das ist eine Herstellerangabe. Wenig später halbierte OpenAI die Preise seiner Modelle GPT-6 Sol und Luna, gemessen an den Aktionspreisen der Vorgängerversion. Sol kostet nun 2 und 10 Dollar, Luna 0,10 und 0,50 Dollar pro Million Textbausteine.
Für ein Unternehmen heisst das: Eine Anwendung, die heute zu teuer erscheint, kann in einem Jahr einen Bruchteil kosten. Der Preis taugt als Argument für das Abwarten nur noch kurz.
Was die Schweizer KMU daraus machen
Die AXA hat im März 2026 zusammen mit dem Forschungsinstitut Sotomo 336 KMU aus der Deutsch- und der Westschweiz befragt. 35 Prozent integrieren KI bewusst in ihre Abläufe, 39 Prozent erproben sie, 26 Prozent nutzen sie noch nicht. 2024 lag der Anteil der Nutzer und Testerinnen bei 55 Prozent, 2025 bei 71.
Die Nutzung wächst, die Erwartung nicht. Nur 31 Prozent der Befragten sagen, sie müssten ihr Geschäftsmodell wegen KI anpassen; knapp zwei Drittel sehen dafür keinen oder eher keinen Bedarf. Bei den grösseren KMU mit 50 bis 250 Mitarbeitenden sehen 42 Prozent Handlungsbedarf, bei den kleinen mit 5 bis 9 Mitarbeitenden 23 Prozent. Unter den KMU, die KI bereits einsetzen, rechnen nur 12 Prozent damit, künftig auf Personal verzichten zu können; 47 Prozent erwarten Zeitersparnis ohne Folgen für die Stellenzahl.
Im Kanton Zürich zeigt eine zweite Erhebung dasselbe Gefälle nach Grösse. Laut dem Wirtschaftsmonitoring des Amts für Wirtschaft nutzen 47 Prozent der Zürcher Unternehmen KI systematisch, vor zwei Jahren waren es 27 Prozent. Bei den Grossunternehmen sind es 83 Prozent.
Warum der Preis nicht mehr die Frage ist
Wenn ein Werkzeug jedes Jahr um den Faktor 13 billiger wird, verschiebt sich der Engpass. Er liegt nicht mehr im Budget, sondern bei den Dingen, die nicht billiger werden: saubere Daten, beschriebene Abläufe, Leute, die beurteilen können, wann eine Antwort falsch ist. Das erklärt auch das Gefälle nach Grösse. Grössere Betriebe haben eher jemanden, der sich darum kümmert.
Für die Mehrheit der KMU, die heute keinen Handlungsbedarf sieht, ist das eine unbequeme Rechnung. Wer wartet, spart kaum Geld, weil die Werkzeuge ohnehin billig sind. Er verliert Zeit, in der andere lernen, womit sie arbeiten.
Methode
Die Grafik zeigt den durchschnittlichen jährlichen Faktor, um den dieselbe Leistung billiger wurde, jeweils über den angegebenen Zeitraum: Strom (USA, Haushaltspreis, 1892 bis 1973), Lithium-Ionen-Batterien (1991 bis 2024), Rechenleistung (1940 bis 2001), DNA-Sequenzierung (2001 bis 2025), KI-Leistung (seit 2023). Die Vergleichsreihen stammen aus der Studie von Epoch AI, die sie ihrerseits aus Fremdquellen übernimmt; die Originalreihen haben wir nicht geprüft. Die Preise von Anthropic und OpenAI sind Listenpreise in US-Dollar pro Million Textbausteine (Tokens).
Was im Themenvorschlag anders stand: «67 Prozent sehen keinen Anpassungsbedarf» steht so nicht in der Studie; die AXA schreibt «knapp zwei Drittel», und 31 Prozent sehen Bedarf. Die 12 Prozent, die Stellenabbau erwarten, beziehen sich nur auf KMU mit KI-Erfahrung. Dass die beiden Preissenkungen «innerhalb einer Stunde» kamen, lässt sich nicht belegen; die Berichte nennen Minuten bis anderthalb Stunden. Die Halbierung bei OpenAI bezieht sich auf Aktionspreise der Vorgängerversion.
Quellen
- Epoch AI, «The plunging price of thought», Luke Emberson und David Roodman, 22. September 2026 epoch.ai
- Anthropic zu Claude Opus 5.5 und den Preisen; TechCrunch zur Lancierung, 22. September 2026 anthropic.com · techcrunch.com
- OpenAI zu GPT-6 Sol und Luna; Reuters, 22. September 2026 openai.com · reuters.com
- AXA Schweiz, KMU-Arbeitsmarktstudie 2026, Medienmitteilung vom 15. September 2026; Sotomo, Projektseite axa.ch · sotomo.ch
- Kanton Zürich, Amt für Wirtschaft, Wirtschaftsmonitoring September 2026 zh.ch
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