US-Trends · 6 min ·

Der US-Senat scheitert am Krypto-Gesetz. Acht Schweizer Anbieter haben ihre EU-Lizenz längst

49 zu 50: Die Cloture-Abstimmung zum CLARITY Act verfehlte am Montag die nötigen 60 Stimmen. Während Washington verhandelt, holen Schweizer Anbieter ihre europäischen Lizenzen in Liechtenstein, Frankreich und Luxemburg.

Acht Schweizer Kryptohäuser, alle mit MiCA-Lizenz aus dem Ausland.

Am Dienstagabend scheiterte im US-Senat die Abstimmung, die die Debatte über das amerikanische Krypto-Marktstrukturgesetz überhaupt erst eröffnet hätte: 49 zu 50 Stimmen, nötig gewesen wären 60. Der CLARITY Act, seit Juli 2025 im Repräsentantenhaus verabschiedet, ist damit auf unbestimmte Zeit blockiert. Während Washington verhandelt, haben acht Schweizer Kryptofirmen ihre europäische Lizenz längst geholt, keine davon in der Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze

Der Digital Asset Market Clarity Act passierte das Repräsentantenhaus am 17. Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen und den Senatsausschuss für Bankwesen am 14. Mai 2026 mit 15 zu 9. Am 15. September 2026 verfehlte die Cloture-Abstimmung im Plenum die nötigen 60 Stimmen. Formell lebt die Vorlage weiter, Prognosemärkte taxieren die Chance auf eine Verabschiedung bis Jahresende noch auf fünf bis sechs Prozent. In der EU ist MiCA seit dem 30. Dezember 2024 vollständig anwendbar; die Schweiz hat ihr DLT-Gesetz seit dem 1. August 2021. Acht Schweizer Anbieter haben sich eine MiCA-Lizenz besorgt: drei in Liechtenstein, zwei in Frankreich, je eine in Deutschland, Österreich und Luxemburg.

Acht Schweizer Kryptohäuser. Alle acht Lizenzen aus dem Ausland.

Schweizer Krypto-Dienstleister mit einer MiCA-Autorisierung als Crypto-Asset Service Provider, Januar 2025 bis Juni 2026.

Grosse Acht: acht Schweizer Krypto-Dienstleister haben eine MiCA-Lizenz, drei aus Liechtenstein, zwei aus Frankreich, keine aus der Schweiz.
Schweizer Krypto-Dienstleister mit MiCA-Autorisierung, Januar 2025 bis Juni 2026. Quelle: Crypto Valley Journal. Grafik: Leitgrad

Woran es scheitert

Die Cloture-Abstimmung ist im Senat der Schritt, mit dem eine Vorlage überhaupt zur Sachdebatte zugelassen wird. Sie braucht 60 der 100 Stimmen. 49 zu 50 heisst: Es fehlten elf.

Die Streitpunkte sind seit Monaten dieselben. Erstens die Zuständigkeit: Der Entwurf gibt der Warenterminaufsicht CFTC die ausschliessliche Aufsicht über «digital commodities», der Börsenaufsicht SEC bleiben die Wertpapiere. Demokratische Senatoren verlangen, dass die CFTC zuerst wieder vollständig und überparteilich besetzt wird, bevor sie neue Kompetenzen erhält. Ein entsprechender Antrag scheiterte im Ausschuss mit 12 zu 11.

Zweitens die Zinsen auf Stablecoin-Guthaben. Die American Bankers Association, JPMorgan und die Bank of America lehnen jede Öffnung ab; sie fürchten, dass Einlagen aus dem Bankensystem in verzinste Stablecoins abwandern.

Drittens, und politisch am heikelsten, die Krypto-Geschäfte der Familie des amtierenden Präsidenten. Senatorin Kirsten Gillibrand erklärte im August, sie werde ohne ein durchsetzbares Verbot für Präsidenten, eigene Kryptowährungen auszugeben oder daran zu verdienen, nicht zustimmen. Senator Ruben Gallego warf dem Weissen Haus vor, auf die gemeinsam mit Thom Tillis eingebrachten Ethikvorschläge nicht substanziell geantwortet zu haben.

Viertens DeFi: Wie weit Geldwäschereipflichten für Software gelten sollen, die niemand verwahrt, ist offen.

Was in den USA stattdessen gilt

Ein einziges Krypto-Gesetz ist in Kraft: der GENIUS Act, den der Präsident am 18. Juli 2025 unterzeichnete. Er regelt Zahlungs-Stablecoins: Reserven, Kapital, Liquidität, Verwahrung. Er regelt nicht die Marktstruktur, nicht Handelsplätze, nicht DeFi. Und selbst dort hinkt die Umsetzung: Die einjährige Frist für die Ausführungsbestimmungen von OCC, FDIC und NCUA verstrich am 18. Juli 2026 ungenutzt, die Regeln stehen im Entwurf. Spätestens am 18. Januar 2027 tritt das Gesetz ohnehin in Kraft.

Die Aufsichtsbehörden behelfen sich derweil selbst. In einer gemeinsamen Stellungnahme vom 2. September 2025 stellten SEC und CFTC klar, dass registrierte Handelsplätze bestimmte Spot-Krypto-Produkte anbieten dürfen, ohne dass es dafür ein neues Gesetz braucht. Verwaltungspraxis statt Rechtsgrundlage.

Die Schweizer Rechnung

Die Schweiz hat ihr DLT-Gesetz seit dem 1. August 2021, seit über fünf Jahren also. Das ist der Vorsprung, auf den der Finanzplatz gern verweist. Nur nützt er im europäischen Binnenmarkt nichts: MiCA verlangt eine Zulassung aus einem EU- oder EWR-Staat, und eine Anerkennung schweizerischer Bewilligungen gibt es nicht.

Also holten sich die Schweizer Anbieter ihre Lizenzen dort, wo sie zu haben sind. Crypto Finance erhielt die Autorisierung im Januar 2025 in Deutschland, AMINA (die frühere SEBA Bank) im Oktober 2025 in Österreich, Relai im selben Monat in Frankreich. 2026 folgten SwissBorg im März in Frankreich, die Swissquote Group im April in Luxemburg sowie RuleMatch, Bitcoin Suisse und Sygnum im Juni, alle drei in Liechtenstein.

Liechtenstein als dreifache Wahl ist der interessanteste Befund. Das Fürstentum ist EWR-Mitglied, liegt eine Autostunde von Zürich entfernt und spricht dieselbe Sprache. Die europäische Lizenz lässt sich dort holen, ohne den Betrieb zu verlegen.

Abwanderung oder Ergänzung?

Von einer Flucht zu sprechen wäre falsch. Alle acht Firmen behalten ihren Schweizer Sitz und ihre FINMA-Bewilligung; die EU-Lizenz kommt hinzu, sie ersetzt nichts. Und der Standort steht ökonomisch gut da: Das Crypto Valley zog 2025 nach Auswertung von CV VC 728 Millionen Dollar über 31 Runden an, ein Plus von 37 Prozent und rund 47 Prozent des gesamten europäischen Blockchain-Risikokapitals. Zwanzig der 31 Runden entfielen auf den Kanton Zug.

Die andere Seite derselben Bilanz: Die Bewertung der fünfzig grössten Firmen sank um 21,3 Prozent auf 467 Milliarden Dollar, die Zahl der Unicorns von 17 auf 10. Und dedizierte Kryptobanken mit FINMA-Bewilligung gibt es nach wie vor genau zwei: Sygnum und AMINA. Die Swiss Blockchain Federation formuliert es zurückhaltend: Die Schweiz habe «in gewissen Bereichen an Momentum verloren», besonders bei Stablecoins und der Lizenzierung.

Was daraus folgt

Für Schweizer Firmen, die digitale Vermögenswerte verwahren, handeln oder tokenisieren, ist die praktische Konsequenz unabhängig davon, was Washington tut: Wer europäische Kunden will, braucht eine EU- oder EWR-Lizenz, und zwar unabhängig vom eigenen Sitz. Das ist Planungsgrösse, nicht Zukunftsmusik.

Für die USA gilt umgekehrt: Wer dort ins Geschäft will, verhandelt bis auf Weiteres mit Behörden statt mit einem Gesetz. Das kann schneller gehen als ein Gesetzgebungsverfahren, und es kann mit der nächsten Personalrochade wieder von vorn beginnen. Regulatorische Klarheit ist das nicht, egal wie die Vorlage heisst.

Methode

Die Liste der acht Schweizer MiCA-Autorisierungen stammt vom Crypto Valley Journal und ist eine Momentaufnahme; seit Ende Juni 2026 können weitere hinzugekommen sein. Für Taurus, 21Shares, Wecan und Lykke fanden wir keine eigene MiCA-Lizenz und führen sie deshalb nicht auf. Beim Lizenzdatum von Bitcoin Suisse Europe weichen zwei Quellen um einen Tag ab (22. oder 23. Juni 2026); wir nennen deshalb nur den Monat. Die Gesamtzahl der MiCA-Zulassungen in der EU liegt je nach Zählung und Stichtag zwischen 283 (Anfang Juli 2026) und 343 (Mitte September 2026); beide Werte stammen von Drittanbietern, die ESMA führt kein öffentliches Zähldashboard. Die Detailangaben zu den Streitpunkten im Senat, einzelne Zwischentermine und die Senatorenzitate stammen aus einer Sekundärquelle; die beiden zentralen Daten (Ausschussabstimmung vom 14. Mai 2026 und gescheiterte Cloture-Abstimmung vom 15. September 2026) sind an der Pressemitteilung des Senate Banking Committee beziehungsweise an CNBC verifiziert. Die FINMA-Zahl von 34 beaufsichtigten Instituten mit Krypto-Dienstleistungen ist der Stand des Jahresberichts 2023; eine aktuellere Zahl konnten wir nicht verifizieren und verwenden sie deshalb im Text nicht.

Quellen

  1. Senate Banking Committee, Pressemitteilung vom 14. Mai 2026 zur Ausschussabstimmung mit 15 zu 9 Stimmen banking.senate.gov
  2. CNBC vom 15. September 2026 zur gescheiterten Cloture-Abstimmung im Senat cnbc.com
  3. congress.gov, H.R. 3633, Verfahrensschritte seit der Einbringung vom 29. Mai 2025 congress.gov
  4. US Securities and Exchange Commission, Stellungnahme zum GENIUS Act vom 18. Juli 2025; The Block zur verpassten Umsetzungsfrist sec.gov · theblock.co
  5. CFTC und SEC, gemeinsame Stellungnahme der Stäbe vom 2. September 2025 cftc.gov
  6. Staatssekretariat für internationale Finanzfragen, Angaben zum DLT-Gesetz, in Kraft seit 1. August 2021 sif.admin.ch
  7. Crypto Valley Journal, «Schweizer Krypto-Dienstleister sichern sich MiCA-Autorisierung», mit Einzelnachweisen zu den acht Firmen cvj.ch
  8. CV VC, Crypto Valley Top 50 und Ecosystem Report, Ausgabe vom 28. April 2026 mit den Zahlen für 2025 cvvc.com
  9. Swiss Blockchain Federation, Podium zur Kryptoregulierung blockchainfederation.ch

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