Kein Schweizer KI-Chip. Aber ohne Haag baut auch Huawei keinen.
Huawei zieht seine Chip-Planung vor und meldet über tausend ausgelieferte Systeme. Die Schweiz baut keinen KI-Chip. Sie liefert ein Bauteil, bei dem eine St. Galler Firma 71 Prozent Weltmarktanteil hält.

Huawei hat diese Woche in Shanghai zwei neue KI-Chips für 2027 angekündigt und gemeldet, über tausend Rechensysteme an über 370 Kunden ausgeliefert zu haben. Die Schweiz baut keinen KI-Chip und wird keinen bauen. Sie liefert etwas anderes, und beherrscht dabei einen Weltmarkt zu 71 Prozent.
Das Wichtigste in Kürze
Huawei kündigte am 17. September die Ascend-Chips 960DT (erstes Quartal 2027) und 960PR (drittes Quartal 2027) an. Der DT wurde gegenüber der Vorjahresplanung um drei Quartale vorgezogen. Ausgeliefert seien über 1000 Rechensysteme an über 370 Kunden, gegenüber über 300 und über 20 im Vorjahr. Huawei begründet seinen Architekturansatz selbst mit dem fehlenden Zugang zu fortgeschrittenen Fertigungsverfahren. Die VAT Group in Haag SG setzte 2025 1074 Millionen Franken um und hält bei Vakuumventilen für die Halbleiterfertigung 71 Prozent Weltmarktanteil. Und: Die USA schulden seit 16 Monaten die Nachfolgeregel für den Export von KI-Chips.
Kein Schweizer KI-Chip. Aber 71 von 100 Ventilen.
Weltmarktanteil der VAT Group bei Vakuumventilen für Halbleiter und verwandte Anwendungen. Die rote Fläche ist flächentreu zum grossen Block.

Was Huawei angekündigt hat und was es kostet
Die beiden Chips sind nicht neu, das Tempo ist es. An derselben Konferenz war der Ascend 960 vor einem Jahr noch für das vierte Quartal 2027 angekündigt. Der 960DT wurde um drei Quartale vorgezogen.
Dafür schrumpfte das System drumherum. Angekündigt war 2025 ein Verbund mit bis zu 15 488 Chips. Das nun lancierte Produkt fasst 4096. Das vorgezogene Datum wird also mit einer deutlich kleineren Konfiguration bezahlt, ein Detail, das in der Berichterstattung fehlt.
Die Rückständigkeit räumt Huawei selbst ein. Der fehlende Zugang zu fortgeschrittenen Fertigungsknoten habe die Entscheidung mitbestimmt, Leistung stattdessen durch das Zusammenschalten von mehr Recheneinheiten zu holen. Unabhängige Einschätzungen beziffern den Abstand: Die besten US-Chips gelten als rund fünfmal leistungsfähiger; beim Speicher liegt der Faktor bei zwei, bei der Speicherbandbreite bei etwa fünf.
Auffällig ist das Verhältnis der beiden Wachstumszahlen. Die Systemzahl stieg in zwölf Monaten um das 3,3-Fache, die Kundenzahl um das 18-Fache. Der Kundenzuwachs läuft der Hardware weit voraus. Das deutet auf viele kleine Installationen, nicht auf lauter Grosskunden.
Die Schweizer Stelle in dieser Kette
Zwischen Nvidia und Huawei steht ein Unternehmen aus dem St. Galler Rheintal. Die VAT Group in Haag baut Vakuumventile: Bauteile, ohne die sich in der Chipfertigung keine Kammer schliessen lässt. Umsatz 2025: 1074 Millionen Franken, ein Plus von 14 Prozent, davon 724,7 Millionen im Halbleitergeschäft. Weltmarktanteil: 71 Prozent. 3250 Vollzeitstellen. Die Firma nennt einen deutlichen Auftragsanstieg Ende 2025 durch die KI-getriebene Nachfrage.
Dazu kommen Inficon in Bad Ragaz mit einem Rekordumsatz von 674 Millionen Dollar und Comet in Flamatt mit 457 Millionen Franken; Comet nennt Investitionen in KI-Infrastruktur als wichtigsten Wachstumstreiber.
Die Schweizer Beteiligung an der KI-Rechenwelle läuft also über die Produktionsmittel, nicht über den Chip. Das ist weniger sichtbar und deutlich stabiler: Wer 71 Prozent eines unverzichtbaren Zwischenprodukts hält, verdient unabhängig davon, ob der Chip aus Santa Clara oder aus Shenzhen kommt.
Eine europäische Alternative zum KI-Beschleuniger existiert dagegen nicht. Der europäische Prozessor Rhea1 von SiPearl lief im Mai 2026 erstmals und soll Ende 2026 verfügbar sein. Er ist ein Server-Hauptprozessor, kein Beschleuniger. Wer das als europäische Antwort auf Nvidia liest, verwechselt zwei Produktkategorien.
Die Lücke, in der die Schweiz gerade arbeitet
Im Januar 2025 führten die USA eine Regel ein, die weltweit drei Stufen des Zugangs zu KI-Chips definierte. Achtzehn Staaten standen in der obersten Stufe ohne Mengenbeschränkung. Die Schweiz war nicht darunter, sondern in der zweiten Stufe mit Länderplafond.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft mandatierte daraufhin eine Washingtoner Kanzlei für bis zu 500 000 Franken, Bundesrat Guy Parmelin kritisierte die Einstufung öffentlich. Im Mai 2025 wurde die Regel aufgehoben, noch vor dem Vollzugstermin.
Seither gilt: Die Schweiz ist in der US-Exportkontrollordnung günstig eingestuft, für Lieferungen hierher besteht derzeit keine mengenmässige Beschränkung. Und die angekündigte Nachfolgeregelung ist bis heute nicht erlassen: rund sechzehn Monate Regelungsvakuum. Die Absichtserklärung zwischen der Schweiz und den USA vom November 2025 nennt die Zusammenarbeit bei Exportkontrollen allgemein; Halbleiter oder KI-Chips werden nicht eigens erwähnt.
Für Betreiber, die heute Rechenkapazität planen, heisst das: Der Zugang ist offen, aber er beruht auf einer Rechtslage, die die USA selbst als Provisorium bezeichnet haben.
Und chinesische Chips?
Praktisch ausgeschlossen, solange es um die bisher genannten Modelle geht. Eine Anweisung der US-Exportkontrollbehörde vom Mai 2025 nennt drei Ascend-Generationen namentlich und richtet sich ausdrücklich an Unternehmen «in den Vereinigten Staaten und im Ausland». Wer solche Chips verwendet, lagert, transportiert, finanziert oder wartet, riskiert Vollzugsmassnahmen. Für ein Schweizer Unternehmen mit US-Geschäft ist das ein existenzielles Risiko.
Zwei Präzisierungen gehören dazu. Die Behörde entschärfte die ursprüngliche Formulierung wenige Tage später und ersetzte sie durch die Nennung der drei konkreten Modelle; und es handelt sich um eine Auslegungshilfe, nicht um eine Rechtsnorm.
Vor allem aber: Die jetzt angekündigten Serien sind darin nicht genannt. Was für sie gilt, ist offen. Ein dokumentierter Fall eines europäischen oder Schweizer Käufers von Huawei-Systemen existiert bisher nicht.
Zur Einordnung der Grössenordnungen: Alps in Lugano läuft auf 10 752 Nvidia-Chips. Ein Huawei-Verbund der bisherigen Generation fasst bis zu 384. Der grösste Schweizer KI-Rechner entspricht damit rechnerisch rund achtundzwanzig solcher Verbünde, bei über tausend, die Huawei nach eigenen Angaben ausgeliefert hat.
Methode
Die Grafik zeigt einen Weltmarktanteil aus dem Jahresbericht eines börsenkotierten Unternehmens, flächentreu dargestellt. Sie vergleicht keine Chips. Die Gegenüberstellung von Alps und Huawei-Verbünden am Schluss ist unsere eigene Rechnung auf belegten Chipzahlen und ausdrücklich kein Leistungsvergleich, die Generationen sind nicht gleichwertig. Huawei nennt keinen Fertigungsknoten; die verbreitete Angabe stammt aus Drittanalysen. Die Marktprognose von 67 Milliarden Dollar bis 2030 stammt von einer Investmentbank ohne offengelegte Methode und wird hier nicht als Faktum geführt. Ob sich die 370 Kunden nur auf die bisherige Systemgeneration oder auf alle KI-Systeme beziehen, geht aus den Wiedergaben nicht eindeutig hervor. Die kolportierten Spezifikationen der Generationen 970 und 980 stammen aus Sekundärquellen und weichen von der Vorjahresankündigung ab; wir führen sie nicht. Eine Stellungnahme des Staatssekretariats für Wirtschaft zur US-Auslegungshilfe liess sich nicht bestätigen. Wie viele KI-Chips die Schweiz seit Mai 2025 importiert hat, erfasst keine Statistik.
Quellen
- Huawei, Keynotes an der HUAWEI CONNECT vom 18. September 2025 und 17. September 2026; Berichterstattung von Reuters und Fachdiensten dazu huawei.com
- VAT Group, Jahresergebnis 2025 vom 3. März 2026; Inficon, Jahresbericht 2025; Comet Holding, Ad-hoc-Mitteilung zum Jahresergebnis 2025 vatgroup.com · ir.inficon.com · eqs-news.com
- US Bureau of Industry and Security: Auslegungshilfe vom 13. Mai 2025, Aufhebung der Diffusionsregel vom 13. Mai 2025, Länderlisten der Exportkontrollverordnung bis.gov · bis.gov · ecfr.gov
- CSCS, technische Angaben zu Alps; ETH Zürich, Medienmitteilung zur Einweihung vom 14. September 2024 cscs.ch · ethz.ch
- Staatssekretariat für Wirtschaft, Seite zur Handelsbeziehung Schweiz-USA; Berichterstattung zum Lobbymandat vom April und Mai 2025 seco.admin.ch · swissinfo.ch · watson.ch
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