Foto: Cmichel67 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten

US-Trends · 6 min ·

«IP in Software ist wertlos»: Was der Adobe-Nachbau für Schweizer Firmen heisst

Ein Entwickler baut mit KI sieben Adobe-Programme nach. Investor Chamath Palihapitiya sagt, geistiges Eigentum in Software sei damit wertlos. Was das für Schweizer KMU heisst, zeigt ein Batterie-Vertrieb, der Salesforce durch zwei Absolventen ersetzt hat.

Investor Chamath Palihapitiya

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Kurz gesagt: Der US-Entwickler Brandon Thomas hat mit dem KI-Modell Claude Opus 5.5 sieben Adobe-Programme nachgebaut und gibt sie gratis als Open Source ab. Der Investor Chamath Palihapitiya folgert daraus, geistiges Eigentum in Software sei faktisch wertlos geworden. Für Schweizer Firmen heisst das: Wer seine Abläufe kennt, kann sich Software heute für den Preis zweier Einstiegslöhne selbst bauen lassen. Die Programme von Thomas sind allerdings noch frühe Versionen.

«Ich glaube, geistiges Eigentum in Software ist vor zwei Tagen faktisch wertlos geworden.» Das sagte Chamath Palihapitiya in der neusten Folge des Podcasts All-In. Der Investor legte nach: Der Wert von IP existiere in Software nicht mehr. Für ihn war es das Wichtigste, was diese Woche in der KI geschehen ist.

Anlass ist ein Wochenendprojekt. Am 3. Oktober stellte Brandon Thomas, Gründer der US-Firma Artcraft, sieben Programme vor. Sie bilden Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat nach. Gebaut hat er sie mit acht KI-Agenten, die parallel arbeiteten. Acht Tage später zählten die sieben Projekte auf der Entwicklerplattform GitHub über 86 000 Sterne, meldet FourWeekMBA.

Was hat Artcraft gebaut?

Sieben Programme in der Programmiersprache Rust: Photocraft, Vectorcraft, Filmcraft, Lightcraft, Effectcraft, Designcraft und Pdfcraft. Sie kosten nichts, der Quellcode ist offen. Geld verdient Artcraft mit KI-Guthaben für Bilder und Videos. Das Motiv von Thomas: Adobes Kündigungsgebühr habe ihn einmal zu oft erwischt, zitiert ihn Cybernews.

Fertig ist nichts. Thomas spricht selbst von einer frühen Testversion. Photocraft deckt nach seinen Angaben 25 bis 35 Prozent dessen ab, was Profis brauchen, schreibt TweakTown. Auf Reddit versprach er vollen Gleichstand mit Adobe innert eines Monats. Später sprach er von «Monaten statt Jahren», berichtet Techspot. Die Adobe-Aktie reagierte kaum. Seit Jahresbeginn hat sie allerdings 31 Prozent verloren, zeigen Daten von GuruFocus.

Ist geistiges Eigentum in Software wirklich wertlos?

Rechtlich nicht. In der Schweiz gelten Computerprogramme als Werke, so steht es in Artikel 2 des Urheberrechtsgesetzes. Geschützt ist aber der Code, nicht die Idee und nicht die Funktion. Wer ein Programm beobachtet und seine Funktionen mit eigenem Code nachbaut, arbeitet im sogenannten Reinraum. Den Code eines anderen zu entschlüsseln, erlaubt das Gesetz in Artikel 21 nur, um Schnittstellen zu verstehen.

Genau hier liegt der Streit. Artcraft schreibt auf GitHub, alles sei aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten entstanden, ohne fremden Code. Palihapitiya dagegen sagte im Podcast, Adobe sei «dekompiliert» worden. Geklärt ist das nicht. Und Palihapitiya spricht nicht als Unbeteiligter. Seit Juli führt er die Firma 8090, die für Unternehmen Software mit KI baut, berichtet Startup Fortune.

Wirtschaftlich hat er trotzdem einen Punkt. Der Burggraben eines Softwareanbieters war jahrzehntelang der Code: teuer zu schreiben, schwer zu kopieren. Liefert eine KI in Tagen eine brauchbare Kopie, wandert der Wert weiter. Er liegt dann in den Daten, im Service, in der Haftung und im Vertrag. Nicht mehr in den Zeilen.

Was heisst das für Schweizer Firmen?

Ich kenne ein Vertriebsunternehmen für Batteriesysteme für erneuerbare Energien, 50 bis 100 Mitarbeitende. Die Geschäftsleitung hatte es satt, Salesforce so viel zu zahlen. Sie stellte zwei Bachelor-Absolventen ein. Die beiden bauten in Vollzeit mit KI ein eigenes System, zugeschnitten auf die Abläufe der Firma. Keine Lizenz pro Kopf, keine Funktion, die niemand braucht, kein Aufschlag bei der nächsten Verlängerung.

Die Rechnung dahinter ist einfach. Salesforce verlangt für seine Standardausgabe Core seit September 195 Euro pro Nutzer und Monat, zeigt die Preisliste. Für 100 Nutzer sind das rund 218 000 Franken im Jahr, vor Rabatten und ohne Einführung. Zwei Informatik-Absolventen einer Fachhochschule verdienen im ersten Jahr je rund 85 800 Franken, zeigt das Bundesamt für Statistik. Mit 20 Prozent Lohnnebenkosten kostet das Duo rund 206 000 Franken.

Grafik: Salesforce für 100 Nutzer kostet rund 218 000 Franken im Jahr, zwei Informatik-Absolventen rund 206 000 Franken
Quellen: Salesforce, Preisliste; BFS. Rechnung und Grafik: Leitgrad

Die Grafik zeigt: Das Geld ist fast dasselbe. Der Unterschied liegt im Eigentum. Die Lizenz ist eine Miete, jedes Jahr neu. Den eigenen Code besitzt die Firma. Und Mieten steigen: Im August 2025 erhöhte Salesforce die Listenpreise seiner grossen Ausgaben im Schnitt um 6 Prozent, meldete der Konzern.

Ein Freipass ist der Eigenbau nicht. Wer selbst baut, trägt Betrieb, Sicherheit und Datenschutz selbst. Und das Wissen steckt in zwei Köpfen. Kündigt einer, fehlt die halbe IT. Ein eigenes System lohnt sich dort, wo die Abläufe einer Firma ihr Vorsprung sind.

Was sollten Chefs jetzt prüfen?

  • Software sortieren. Welche Programme sind Standard, welche bilden das Geschäft ab? Nur bei diesen lohnt sich der Eigenbau.
  • Verträge lesen. Laufzeit, Verlängerung, Kündigung. Wer bei Adobe ein Jahresabo für Teams nach 14 Tagen kündigt, zahlt laut den Schweizer Bedingungen die Hälfte des restlichen Vertragswerts. Bei fünf Lizenzen und Kündigung nach vier Monaten sind das 1880 Franken.
  • Daten sichern. Lassen sich Kunden, Offerten und Verlauf vollständig exportieren? Ohne Export gibt es keinen Wechsel.
  • Klein anfangen. Ein Ablauf, ein Team, drei Monate. Dann entscheiden.

Meine Einschätzung: Palihapitiya spitzt zu, wie man es in einem Podcast tut. Die Richtung stimmt trotzdem. Software wird nicht wertlos, sie wird billig. Für Schweizer KMU ist das eine gute Nachricht. Wer seine Abläufe versteht, muss sie nicht mehr in fremde Programme pressen. Er kann sie sich bauen lassen.

Was KI für junge und erfahrene Entwickler bedeutet, steht in diesem Beitrag. Wie ein KI-Agent einen teuren Software-Eintritt umging, lesen Sie hier. Warum Microsoft Firmen über die Arbeitsumgebung bindet, zeigt unsere Analyse. Und was im Kleingedruckten der KI-Tarife steht, erklärt diese Meldung.

Häufige Fragen

Was ist Artcraft?

Artcraft ist eine US-Firma von Brandon Thomas. Sie hat im Oktober 2026 sieben kostenlose Open-Source-Programme veröffentlicht, die Adobe-Produkte wie Photoshop und Illustrator nachbilden. Gebaut wurden sie mit dem KI-Modell Claude Opus 5.5. Sie sind noch in einem frühen Stadium.

Was hat Chamath Palihapitiya genau gesagt?

Im Podcast All-In sagte er: «I think that IP in software was effectively rendered worthless 2 days ago.» Auf Deutsch: Geistiges Eigentum in Software sei vor zwei Tagen faktisch wertlos geworden. Er bezog sich auf die Adobe-Nachbauten.

Darf man Software in der Schweiz nachbauen?

Das Urheberrechtsgesetz schützt Computerprogramme, genauer ihren Code. Funktionen und Ideen sind nach herrschender Lehre nicht geschützt. Ein Nachbau mit eigenem Code ist deshalb grundsätzlich möglich. Fremden Code zu entschlüsseln, ist nur für Schnittstellen erlaubt. Im Einzelfall braucht es eine juristische Prüfung.

Was kostet Salesforce für 100 Nutzer?

Die Standardausgabe Sales Cloud Core kostet laut Preisliste 195 Euro pro Nutzer und Monat bei jährlicher Abrechnung. Für 100 Nutzer sind das rund 234 000 Euro oder 218 000 Franken im Jahr, vor Rabatten.

Quellen

  1. All-In Podcast, Folge «Is Claude Conscious? Pope Rejects, Model Welfare Movement…», 10. Oktober 2026, Transkript ab 1:24:45 Transkript
  2. FourWeekMBA, Adobe Clones Built With Claude Pass 86,000 GitHub Stars, 11. Oktober 2026; Artcraft, Photocraft auf GitHub, abgerufen 11. Oktober 2026 fourweekmba.com · github.com
  3. TweakTown, 8. Oktober 2026; Techspot, 8. Oktober 2026; Cybernews, 8. Oktober 2026 tweaktown.com · techspot.com · cybernews.com
  4. Startup Fortune, Chamath Palihapitiya returns to running a company, 14. Juli 2026 startupfortune.com
  5. Bundesgesetz über das Urheberrecht (URG), Art. 2 und 21 fedlex.admin.ch
  6. Salesforce, Preisliste Sales Cloud, abgerufen 11. Oktober 2026; Pricing Update, 17. Juni 2025 Preise · Erhöhung
  7. Bundesamt für Statistik, Berufliche Situation der Hochschulabsolventen 2022, 29. August 2024; Umrechnung zum EZB-Kurs vom 9. Oktober 2026 bfs.admin.ch
  8. Adobe Schweiz, Allgemeine Abonnementbedingungen, abgerufen 8. Oktober 2026 adobe.com
Merag Shahzad

US-Trends · Die Kolumne

Merag Shahzad ist Gründer und Herausgeber von Leitgrad und führt die Zürcher GEO-Agentur meit. In der Kolumne «2 Rappen» schreibt er über Sichtbarkeit, Macht und Diskretion in der Schweizer Wirtschaft. Zum Profil

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