Das Rechenzentrum des CERN bei Genf. Foto: Hugovanmeijeren / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Briefing · 4 min ·

Rechenzentren sind jetzt Kriegsziele. Bern schreibt noch Eckwerte

Ukrainische Drohnen haben zwei Rechenzentren von Yandex getroffen, darunter den Standort mit zwei von drei KI-Supercomputern. In der Schweiz verbrauchen Rechenzentren 3,6 Prozent des Stroms. Das Gesetz zu ihrer Ausfallsicherheit steckt noch in den Eckwerten.

Serverhalle im Rechenzentrum des CERN in Meyrin bei Genf

Das Rechenzentrum des CERN bei Genf. Foto: Hugovanmeijeren / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Kurz gesagt: Ukrainische Drohnen haben am 8. und 9. Oktober zwei Rechenzentren des russischen Konzerns Yandex getroffen, darunter den Standort mit zwei seiner drei KI-Supercomputer. Rechenzentren sind damit Ziele wie Kraftwerke. In der Schweiz verbrauchen sie 3,6 Prozent des Stroms, und der Bund will ihre Ausfallsicherheit gesetzlich regeln. Die Eckwerte dafür liegen frühestens Ende 2026 vor.

Ein Rechenzentrum sieht aus wie eine Lagerhalle. Keine Fenster, ein Zaun, ein paar Kühlaggregate auf dem Dach. Niemand fotografiert es, niemand denkt daran. Bis es brennt.

Am Donnerstag, 8. Oktober, legte ein ukrainischer Angriff einen grossen Datenhub von Yandex in Sasowo im Gebiet Rjasan lahm. Dort stehen zwei der drei Supercomputer, mit denen der Konzern seine KI-Modelle trainiert, berichtet Al Jazeera. Einen Tag später trafen Drohnen das KI-Rechenzentrum von Yandex in der Region Kaluga. Rund 100 000 Haushalte waren zeitweise ohne Internet. Yandex schrieb, die Angriffe hätten den Kern des Geschäfts getroffen.

Warum gerade Rechenzentren?

Weil dort heute läuft, was früher in Fabriken lief: Bezahlung, Logistik, Verwaltung, und zunehmend künstliche Intelligenz. Präsident Selenski nannte die Angriffe eine spiegelbildliche Antwort. Russland hatte seit dem 23. September Rechenzentren in Kiew angegriffen, unter anderem die Anbieter UTELS und Pawutyna, wie das ZDF berichtete. Das ukrainische Netz fiel nicht aus, weil es viele Anbieter und Leitungen hat. Örtliche Ausfälle trafen aber Kunden, Firmen und Behörden.

Neu ist der Gedanke nicht. Wer ein Land lähmen will, greift seit jeher an, was es am Laufen hält. Neu ist, dass dazu jetzt Hallen voller Server gehören.

Was heisst das für die Schweiz?

Die Schweiz ist nicht im Krieg. Ihre Rechenzentren sind trotzdem eine kritische Infrastruktur, und sie wachsen. 2024 verbrauchten sie rund 2,1 Terawattstunden Strom, 3,6 Prozent des Landesverbrauchs, zeigt eine Studie des Bundesamts für Energie vom Mai 2026. Bis 2030 rechnet das BFE mit 2,5 bis 3,2 Terawattstunden, im Maximalszenario mit 3,5. Das wären rund 6 Prozent des heutigen Verbrauchs. Allein Digital Realty baut am Flughafen Zürich mit ZUR4 sein viertes Rechenzentrum, 15 Megawatt, fertig 2028, meldete die Netzwoche. Wem die grossen Hallen gehören, zeigt unsere Machtkarte Rechenzentren.

Grafik: Von 1000 Kilowattstunden Strom in der Schweiz fliessen 36 in Rechenzentren, bis 2030 im Maximalszenario rund 60
Quelle: Bundesamt für Energie, Mai 2026. Grafik: Leitgrad

Angegriffen wird schon heute, nur ohne Drohnen. Seit April 2025 müssen Betreiber kritischer Infrastrukturen Cyberangriffe innert 24 Stunden dem Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) melden. Bis Anfang Februar 2026 kamen so über 260 Meldungen zusammen, berichtete die Netzwoche. Allein im ersten Halbjahr 2026 waren es 200. Am häufigsten trafen sie die Verwaltung und, mit 18,6 Prozent, die IT- und Telekombranche.

Was tut der Bund?

Er arbeitet an zwei Gesetzen. Am 18. Februar 2026 hat der Bundesrat entschieden, zwei Motionen des Parlaments umzusetzen. Die eine verlangt verbindliche Vorgaben für die Ausfallsicherheit kritischer Infrastrukturen, die andere mehr Schutz für die wichtigsten digitalen Daten von Bund, Kantonen und Betreibern. Das VBS soll die Eckwerte bis Ende 2026 vorlegen. Als Beispiele nennt der Bundesrat Strom, medizinische Versorgung und Telekommunikation. Rechenzentren erwähnt er nicht ausdrücklich.

Bis ein Gesetz gilt, dürften Jahre vergehen: Eckwerte, Entwurf, Vernehmlassung, Parlament, Verordnung. So lange bleibt der Schutz Sache der Betreiber und ihrer Kunden.

Unsere Einschätzung: Für ein Schweizer KMU ist eine Drohne über dem Rechenzentrum kein realistisches Szenario. Ein Ausfall ist es schon: durch Stromunterbruch, Cyberangriff, Brand oder einen Fehler beim Anbieter. Drei Fragen genügen, um die eigene Lage zu klären. Wo liegen unsere Daten? Gibt es einen zweiten Standort? Und wie lange arbeiten wir weiter, wenn der erste ausfällt? Wer darauf keine Antwort hat, sollte sie vor dem nächsten Ernstfall suchen, nicht danach.

Mehr zu Strom, Netz und Rechenleistung im Dossier Energie und Rechenzentren.

Häufige Fragen

Welche Rechenzentren hat die Ukraine angegriffen?

Zwei Standorte des russischen Konzerns Yandex: am 8. Oktober 2026 einen Datenhub in Sasowo im Gebiet Rjasan, wo zwei der drei Yandex-Supercomputer stehen, und am 9. Oktober ein KI-Rechenzentrum in der Region Kaluga.

Wie viel Strom brauchen Schweizer Rechenzentren?

Rund 2,1 Terawattstunden im Jahr 2024, das sind 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Bis 2030 erwartet das Bundesamt für Energie 2,5 bis 3,2 Terawattstunden.

Gibt es in der Schweiz ein Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen?

Noch nicht umfassend. Seit April 2025 gilt eine Meldepflicht für Cyberangriffe. Zwei Gesetze zur Ausfallsicherheit und zum Schutz wichtiger Daten sind in Arbeit, die Eckwerte soll das VBS bis Ende 2026 liefern.

Quellen

  1. Al Jazeera, Ukraine takes aim at Russia’s AI data infrastructure, 9. Oktober 2026 aljazeera.com
  2. ZDF heute, Russland greift Kiews Datennetze an, 27. September 2026 zdfheute.de
  3. Bundesamt für Energie, Stromverbrauch und Effizienzpotenziale von Rechenzentren in der Schweiz, 7. Mai 2026 admin.ch
  4. Bundesrat, Schutz kritischer Infrastrukturen, 18. Februar 2026 admin.ch
  5. Netzwoche, Meldungen an das BACS, 9. Februar 2026 und 25. August 2026; Digital Realty ZUR4, 16. September 2026 Februar · August · ZUR4

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren