Briefing · 4 min ·

Der Bund hebt die Prognose an. Die Medtech rechnet mit null.

1,7 statt 0,9 Prozent Wachstum für 2026, getragen von Pharma-Exporten. Eine Woche zuvor meldete die Medtech-Branche für dasselbe Jahr kein Beschäftigungswachstum. Beides stimmt.

Der Bund hat seine Konjunkturprognose am Donnerstag kräftig angehoben: 1,7 Prozent Wachstum für 2026 statt der 0,9 Prozent, die im Juni noch galten. Eine Woche zuvor hatte die Medtech-Branche ihre Zahlen vorgelegt. Dort lautet die Erwartung für dasselbe Jahr: null.

Das Wichtigste in Kürze

Die Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes rechnet für 2026 neu mit 1,7 Prozent sportevent-bereinigtem Wachstum, nach 0,9 Prozent im Juni. Unbereinigt sind es 2,1 Prozent statt 1,2. Getragen wird die Revision laut Mitteilung vor allem von Pharma-Exporten und Aussenhandel. Auch die Beschäftigungsprognose steigt deutlich: 1,7 statt 0,5 Prozent. Die Arbeitslosenquote bleibt bei 3,1 Prozent. Die Medtech-Branchenstudie vom 10. September zeigt das Gegenbild: 43 Prozent der Firmen planen keine Investitionen, so viele wie nie seit Beginn der Erhebung, und die befragten Unternehmen erwarten für 2026 kein Beschäftigungswachstum.

Der Bund korrigiert nach oben. Eine Branche rechnet mit null.

Links die sportevent-bereinigte BIP-Prognose des Bundes für 2026, rechts die Beschäftigungserwartung der befragten Medtech-Unternehmen für dasselbe Jahr. Zwei verschiedene Grössen, das ist der Punkt.

Gegenüberstellung: plus 1,7 Prozent BIP-Prognose des Bundes gegen null erwartetes Beschäftigungswachstum in der Medtech
Links die sportevent-bereinigte BIP-Prognose des Bundes für 2026, rechts die Beschäftigungserwartung der befragten Medtech-Firmen. Zwei verschiedene Kennzahlen, das ist der Punkt.

Welche Zahl gilt

Wer diese Woche «1,7 Prozent» gelesen hat, hat die bereinigte Zahl gelesen. Der Bund veröffentlicht zwei Reihen: eine, die die stark schwankende Wertschöpfung der internationalen Sportverbände herausrechnet, und eine, die es nicht tut. Bereinigt sind es 1,7 Prozent für 2026 (Juni: 0,9), unbereinigt 2,1 Prozent (Juni: 1,2). Für 2027 kehrt sich das Verhältnis um: bereinigt 1,6 Prozent, unbereinigt nur 1,2.

Der Unterschied von 0,4 Prozentpunkten ist kein Rundungsrest. Wer die Prognose zitiert, sollte sagen, welche der beiden Reihen er meint. Wir verwenden hier durchgehend die bereinigte, weil sie die konjunkturelle Lage besser abbildet, und sagen es dazu.

Woher das Wachstum kommt

In der Mitteilung steht es so: Fast die Hälfte des BIP-Wachstums im zweiten Quartal entfiel auf die chemisch-pharmazeutische Industrie, begleitet von einem kräftigen Exportanstieg. Der Aussenhandel dürfte stärker beitragen als im Juni erwartet. Der schwächere Franken taucht auf, aber als stützender Nebenfaktor für die wechselkursexponierten Bereiche, nicht als Haupttreiber. Wer die Revision auf die Währung schiebt, liest etwas hinein, was nicht dasteht.

Wichtig ist eine technische Annahme im Kleingedruckten: Die Prognose unterstellt, dass die US-Importzölle im Wesentlichen auf dem heutigen Niveau bleiben. Ändert sich das, ändert sich die Prognose.

Auffällig ist der Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten soll 2026 um 1,7 Prozent zulegen. Im Juni waren noch 0,5 Prozent erwartet worden. Das ist mehr als eine Verdreifachung der Erwartung. Die Arbeitslosenquote bleibt davon unberührt bei 3,1 Prozent.

Die Branche, die nicht mitwächst

Die Medtech-Branchenstudie, über die wir am 15. September bereits berichtet haben, beschreibt für dieselbe Schweiz ein anderes Bild. 71 900 Beschäftigte, 26 Milliarden Franken Umsatz, dazu ein Beschäftigungswachstum, das eingebrochen ist: netto rund 200 neue Stellen in zwei Jahren, gegen einen Zehnjahresschnitt von rund 1500 Stellen pro Jahr.

Diese beiden Zahlen werden oft nebeneinandergestellt, als wären sie dasselbe. Sind sie nicht: 200 ist ein Zweijahreswert, 1500 ein Jahresdurchschnitt. Der Rückgang bleibt auch nach der Umrechnung drastisch (rund 100 Stellen pro Jahr statt 1500), aber er ist nicht so drastisch, wie die unbereinigte Gegenüberstellung suggeriert.

Neu ist die Erwartung für 2026: kein Wachstum. Das ist keine eigene Prognose des Verbands, sondern die Summe dessen, was die befragten Mitgliedsfirmen selbst angeben. 43 Prozent planen überhaupt keine Investitionen, so viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung. 53 Prozent halten den Standort für schlechter als vor fünf Jahren, dreimal so viele wie jene, die ihn besser beurteilen.

Warum beides stimmen kann

Ein Aggregat ist kein Durchschnitt der Stimmungen. Wenn Pharma-Exporte fast die Hälfte des Quartalswachstums erklären, dann trägt ein Teil der Industrie das Ergebnis, und andere Teile können gleichzeitig stagnieren, ohne dass die Gesamtzahl es zeigt. Die Medtech steht dabei unter einem eigenen Zusatzdruck: Seit dem 24. Juli gelten für Schweizer Importe in die USA 12,5 Prozent Zoll, für EU-Ware 10 Prozent. Zweieinhalb Prozentpunkte Nachteil gegenüber dem direkten Konkurrenten.

Für Entscheider heisst das vor allem eines: Die Bundesprognose taugt nicht als Planungsgrundlage für die eigene Branche. Sie sagt, wohin die Summe läuft, nicht wohin das eigene Segment läuft. Wer 2026 Kapazitäten plant, braucht die Branchenzahl. Und die sagt in der Medtech seit zwei Jahren dasselbe: Der Zuwachs findet anderswo statt.

Methode

Die Grafik stellt zwei unterschiedliche Grössen nebeneinander: links das prognostizierte reale BIP-Wachstum der Gesamtwirtschaft, rechts die von Unternehmen erwartete Beschäftigungsentwicklung einer einzelnen Branche. Das ist kein Vergleich gleicher Kennzahlen, sondern die Gegenüberstellung von Aggregat und Einzelfall, so ist sie auch angeschrieben. Die BIP-Werte sind sportevent-bereinigt; unbereinigt läge die Prognose 2026 bei 2,1 statt 1,7 Prozent. Die 200 Medtech-Stellen sind ein Nettowert über zwei Jahre (2024 und 2025), der Zehnjahresschnitt von 1500 ein Jahreswert; wir nennen beide Zeiträume, weil die verbreitete Gegenüberstellung sie verwischt. Das «Nullwachstum 2026» ist die zusammengefasste Erwartung der befragten Mitgliedsfirmen, keine separate Verbandsprognose. Die Zollsätze stammen aus einer Swiss-Medtech-Mitteilung vom 24. Juli 2026, nicht aus der Branchenstudie. Die in der Berichterstattung zirkulierende Deutung, ein schwächerer Franken sei der Haupttreiber der Revision, findet sich im Originaltext des Bundes nicht.

Quellen

  1. Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes, Medienmitteilung «Prognose Konjunktur Schweiz» und Konjunkturtendenzen Herbst 2026, 17. September 2026 (admin.ch / seco.admin.ch) admin.ch · seco.admin.ch
  2. SECO, Prognosetabellen zu BIP, Beschäftigung und Arbeitslosenquote, Ausgabe 2026-3 seco.admin.ch
  3. Swiss Medtech, «Medtech-Branchenstudie 2026», Bericht und Faktenblatt, 10. September 2026 swiss-medtech.ch
  4. Swiss Medtech, «Neue US-Zölle: Unsicherheit bleibt», 24. Juli 2026 swiss-medtech.ch

Mehr zu diesen Themen

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Weiterlesen

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren