Illustration: Leitgrad

Karriere, US-Trends · 7 min ·

Head of irgendwas: Was ein grosser Jobtitel wirklich wert ist

Eine US-Studie zeigt, wie Firmen Titel statt Lohn vergeben. In der Schweiz zählt rechtlich die Funktion. Fünf Fragen, mit denen man jeden Titel prüft.

Ockerfarbene Fläche: eine riesige Visitenkarte «Head of …» hängt an einer kleinen Figur. Daneben: Titel oder Tragweite?

Illustration: Leitgrad

Head of Growth. Lead Customer Experience. Senior Manager Strategic Initiatives. Wer heute auf LinkedIn durch Schweizer Profile scrollt, trifft auf auffallend viele Leiter, Chefs und Verantwortliche. Ob die Titel gewachsen sind, weil die Verantwortung gewachsen ist, misst in der Schweiz niemand.

Zwei andere Quellen helfen weiter. Eine amerikanische Studie zeigt, wofür Firmen Titel einsetzen, wenn es ihnen passt. Und das Schweizer Arbeitsrecht erklärt, warum ein Titel hierzulande weniger wert ist, als er klingt.

Das Wichtigste in Kürze

Eine Untersuchung des amerikanischen National Bureau of Economic Research von 2023 zeigt eine auffällige Schwelle. Ab einer bestimmten Lohngrenze haben Angestellte in den USA keinen Anspruch mehr auf bezahlte Überstunden. Knapp darüber verfünffacht sich der Anteil der Stellen mit «Manager» im Titel. Nach Berechnung der Autoren dienen 30,7 Prozent dieser Titel dazu, Überstundenzahlungen zu vermeiden. Den Betroffenen entgehen so rund 4 Milliarden Dollar im Jahr. Für die Schweiz fehlen vergleichbare Daten. Hier entscheidet ohnehin die tatsächliche Entscheidungsbefugnis, ob jemand als leitend gilt, und nicht der Titel. Wer einen Titel prüft, sollte deshalb nach fünf Dingen fragen: Budget, Team, Entscheidungsrecht, Ergebnisverantwortung und Zugang zur Geschäftsleitung.

Fast jeder dritte dieser Manager-Titel. Spart dem Arbeitgeber Überstundenlohn.

Stellen in den USA knapp über der Lohngrenze für Überstundenbefreiung: Anteil der Manager-Titel, die laut Studie der Umgehung von Überstundenzahlungen dienen; den Betroffenen entgehen im Schnitt 13,5 Prozent ihres Lohns.

Grosse Zahl 30,7 Prozent: Anteil der US-Manager-Titel an der Lohngrenze, die Überstundenlohn umgehen
Stellen in den USA knapp über der Lohngrenze für Überstundenbefreiung: Anteil der Manager-Titel, die laut Studie der Umgehung von Überstundenzahlungen dienen.

Die Grafik misst an einer einzigen Stelle, an der Lohngrenze für die amerikanische Überstundenpflicht. Genau dort ist nach Berechnung der Autoren fast jeder dritte Manager-Titel ein Mittel, Überstundenlohn zu sparen. Der Titel ersetzt dort den Lohn für die Überstunden.

Überraschend ist die Grössenordnung. Aus einem Kniff bei der Titelvergabe werden nach Berechnung der Autoren rund 4 Milliarden Dollar im Jahr, die den Betroffenen entgehen. In der Schweiz funktioniert dieser Tausch so nicht, weil das Arbeitsgesetz auf die tatsächliche Entscheidungsbefugnis schaut.

Für Schweizer Geschäftsführer bleibt die Grafik trotzdem lehrreich. Sie zeigt, wie leicht ein Titel zum Ersatz für Lohn oder Befugnisse wird. Wer so befördert, weckt Erwartungen, die spätestens beim nächsten Stellenwechsel geprüft werden.

Der Titel als Währung

Lauren Cohen von der Harvard Business School hat mit Umit Gurun und Bugra Ozel Stelleninserate ausgewertet. Die drei nutzten eine grosse Datenbank amerikanischer Inserate der Jahre 2010 bis 2018. Sie interessierten sich für eine Lohnschwelle. In den USA haben Angestellte, die weniger als 455 Dollar pro Woche verdienten, Anspruch auf bezahlte Überstunden, ausser sie üben eine leitende Funktion aus. Ein Manager-Titel kann also Geld sparen.

Genau das zeigen die Daten. Knapp über der Schwelle verfünffacht sich der Anteil der Stellen mit «Manager» im Titel. 30,7 Prozent dieser Titel dienen laut den Autoren dazu, die Überstundenpflicht zu umgehen. Die Betroffenen verlieren im Schnitt 13,5 Prozent ihres Lohns, zusammen rund 4 Milliarden Dollar im Jahr. Die Studie trägt den passenden Titel «Too Many Managers».

Das Prinzip ist übertragbar, auch wo das Recht anders ist. Ein Titel kostet eine Firma nichts. Er ersetzt eine Lohnerhöhung, eine Beförderung auf eine echte Führungsstufe oder eine Zusage, die man nicht geben will. Für die Mitarbeiterin ist er zunächst eine Anerkennung, beim nächsten Stellenwechsel wird er zur Frage.

In der Schweiz zählt die Funktion

Das Schweizer Arbeitsrecht zieht eine eigene Grenze. Das Arbeitsgesetz mit seinen Regeln zu Höchstarbeitszeit und Zeiterfassung gilt nicht für Angestellte mit einer «höheren leitenden Tätigkeit». Wer dazu zählt, entscheidet aber nicht die Visitenkarte. Die Verordnung zum Arbeitsgesetz knüpft an Stellung, Verantwortung und weitreichende Entscheidungsbefugnisse an. Gemeint sind Befugnisse, die den Gang des Betriebs wesentlich beeinflussen können. Ein «Head of» ohne solche Befugnisse bleibt rechtlich ein normaler Angestellter.

Auch der Markt schaut auf die Funktion. Die Lohnstrukturerhebung des Bundes erfasst keine Titel, sie fragt nach der Kaderstufe. Dort ist die Prämie für echte Führung gross: Mit Universitätsabschluss und Kaderfunktion lag der Medianlohn 2024 bei 14 409 Franken, ohne Kaderfunktion bei 8645. Ein Titel ohne die Funktion dahinter hilft bei dieser Rechnung nicht.

Wenn Ebenen verschwinden

Dazu kommt ein zweiter Trend, ebenfalls vor allem in den USA gemessen. Grosse Unternehmen bauen Hierarchiestufen ab, das «Great Flattening». Der Datenanbieter Revelio Labs hat die Inserate für das mittlere Management ausgewertet. Laut Business Insider und der Beratungsfirma Korn Ferry lagen sie 2024 um gut 40 Prozent unter dem Stand vom Frühjahr 2022. Es liegt nahe, dass Titel dort grösser werden, wo Ebenen verschwinden. So bliebe der Aufstieg sichtbar, obwohl die Leiter kürzer wird. Belegt ist das nicht, und für die Schweiz gibt es zu beidem keine Zahlen.

Wie weit der Abbau reicht, zeigt Apple. Der neue Chef John Ternus, seit dem 1. September im Amt, will laut Bloomberg Stellen im mittleren Management streichen, damit Ingenieure und Konzernleitung schneller miteinander reden. Erste Programmmanager mussten bereits gehen, darunter rund ein halbes Dutzend Direktoren in der Hardware-Entwicklung, berichtet The Next Web. Wenn selbst der wertvollste Technologiekonzern Ebenen abbaut, wird der Titel noch mehr zur Ersatzwährung.

Fünf Fragen an jeden Titel

Ein Angebot mit grossem Titel lässt sich an fünf Punkten prüfen, eine interne Beförderung ebenso:

  • Budget: Über welchen Betrag entscheide ich allein?
  • Team: Wie viele Menschen berichten an mich, fachlich und disziplinarisch?
  • Entscheidungsrecht: Was kann ich stellen, entlassen, einkaufen, ohne zu fragen?
  • Ergebnisverantwortung: Gehört mir eine Umsatz- oder Kostenzahl, an der ich gemessen werde?
  • Zugang: Sitze ich in der Geschäftsleitung, oder berichte ich an jemanden, der dort sitzt?

Ein kleinerer Titel in einer stärkeren Firma mit echter Ergebnisverantwortung ist auf dem Arbeitsmarkt oft mehr wert als ein grosser Titel ohne Budget. Wer später eine Firma führen oder übernehmen will, braucht genau diesen Nachweis. Gefragt wird dann, was er verantwortet hat, und kaum, wie seine Rolle hiess.

Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit

Teil 11 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg · Fachkräftemangel 2026 · Berufseinstieg trotz Fachkräftemangel · Ab welchem Lohn lebt man in Zürich gut? Der Mietvertrag entscheidet mit · Firma kaufen statt gründen · Arbeitslos ab 50 · «KI-Kenntnisse» gesucht · Familiennachfolge · Verantwortung zahlt · Mandate statt Titel.

Methode

Die Grafik zeigt einen Befund aus den USA: den Anteil der Manager-Titel knapp über der Lohnschwelle für die Überstundenbefreiung, der laut Cohen, Gurun und Ozel der Umgehung von Überstundenzahlungen dient. Das amerikanische Überstundenrecht ist mit dem schweizerischen nicht vergleichbar. Die Zahlen zum mittleren Management stammen aus zweiter Hand. Eine Schweizer Auswertung zur Häufigkeit von Titeln wie «Head of» oder «Lead» in Stelleninseraten und eine Zahl der Führungskräfte ohne Personalverantwortung haben wir nicht gefunden.

Was im Themenvorschlag anders stand: Dass Schweizer Jobtitel grösser werden, ist eine plausible Beobachtung, aber nicht mit Daten belegt. Wir haben den Beitrag deshalb als Einordnung angelegt und keine Schweizer Zahl behauptet.

Quellen

  1. Lauren Cohen, Umit G. Gurun, N. Bugra Ozel, «Too Many Managers: The Strategic Use of Titles to Avoid Overtime Payments», NBER Working Paper 30826, 2023, und NBER Digest nber.org · nber.org
  2. Bundesgesetz über die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel, Art. 3; Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz, Art. 9 fedlex.admin.ch · fedlex.admin.ch
  3. Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung 2024, 25. November 2025 dam-api.bfs.admin.ch
  4. Korn Ferry, «The Great Flattening Experiment», 26. März 2025; Business Insider nach Revelio Labs, Dezember 2024 kornferry.com · slashdot.org

Häufige Fragen

Was ist ein Jobtitel wert?

Wenig, wenn Budget, Team und Entscheidungsrecht fehlen. Eine US-Studie des NBER zeigt, dass 30,7 Prozent der «Manager»-Titel knapp über einer Lohngrenze dazu dienen, Überstundenzahlungen zu vermeiden.

Ist man in der Schweiz mit einem Managertitel leitender Angestellter?

Nicht automatisch. Entscheidend ist die tatsächliche Entscheidungsbefugnis, nicht der Titel.

Woran erkennt man, ob ein Titel echte Verantwortung bringt?

An fünf Dingen: Budget, Team, Entscheidungsrecht, Ergebnisverantwortung und Zugang zur Geschäftsleitung.

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Teilen

Korrekturen und Ergänzungen: Wir arbeiten mit öffentlichen Quellen und Unternehmensangaben. Wer einen Fehler findet oder eine Zahl aktualisieren kann, schreibt an redaktion@leitgrad.ch. Korrekturen kennzeichnen wir im Artikel. Unsere Regeln: Redaktionsstatut.

Das Morgen-Briefing

Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren