Arbeitslos ab 50: Seltener raus, länger draussen
Ältere sind seltener arbeitslos, stellen aber 43 Prozent der Langzeitarbeitslosen. Der Knick liegt bei 50 bis 55, nicht bei 45.

Rund 1200 Beschäftigte verloren 2009 und 2010 ihre Stelle, weil ihr Betrieb schloss. Daniel Oesch von der Universität Lausanne hat verfolgt, was aus ihnen wurde. Zwei Jahre später waren 5 Prozent der 35-Jährigen arbeitslos. Bei den 55-Jährigen waren es 28 Prozent, bei den 60-Jährigen 35 Prozent.
Über ältere Arbeitnehmende in der Schweiz kursieren zwei Geschichten, die sich zu widersprechen scheinen. Die eine sagt: Wer über 50 ist, hat es schwer. Die andere zeigt auf die Statistik, denn die Arbeitslosenquote der Älteren liegt unter dem Durchschnitt. Beide stimmen. Die Älteren verlieren seltener ihre Stelle. Aber wenn es passiert, bleiben sie länger draussen, und das Muster verschärft sich gerade.
Das Wichtigste in Kürze
Im August 2026 lag die Arbeitslosenquote der 50- bis 64-Jährigen laut Seco bei 2,7 Prozent. Der Schnitt lag bei 3,0 Prozent. Doch die Älteren stellen 27 Prozent der Arbeitslosen und 43 Prozent der Langzeitarbeitslosen. Mehr als jeder vierte arbeitslose Mensch zwischen 50 und 64 ist seit über einem Jahr ohne Stelle. Bei den 25- bis 49-Jährigen ist es jeder siebte. Die bisherige Dauer der Arbeitslosigkeit liegt bei den Älteren im Median bei sieben Monaten, im Schnitt aller Altersgruppen bei fünf. Die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen stieg innert eines Jahres um ein Viertel. Die Forschung verortet den Knick weniger bei 45 als bei 50 bis 55.
Ein Viertel der Arbeitslosen. Fast die Hälfte der Langzeitarbeitslosen.
Anteil der 50- bis 64-Jährigen an allen registrierten Arbeitslosen und an den Langzeitarbeitslosen, August 2026; langzeitarbeitslos heisst: über ein Jahr beim RAV gemeldet.

Die Grafik zeigt, wie sich das Risiko mit der Zeit verschiebt. Unter allen Arbeitslosen stellen die 50- bis 64-Jährigen gut ein Viertel. Unter jenen, die seit über einem Jahr suchen, sind es fast die Hälfte.
Überraschend ist der Kontrast zur Quote. Mit 2,7 Prozent sind die Älteren seltener arbeitslos als der Schnitt. Wer aber einmal draussen ist, findet schwerer zurück. Und die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen stieg innert eines Jahres um ein Viertel.
Für einen Inhaber oder Personalchef heisst das: Der Pool an erfahrenen Leuten, die sofort verfügbar sind, wächst. Über 10 000 Menschen zwischen 50 und 64 suchen seit über einem Jahr eine Stelle. Wer sie gar nicht erst zum Gespräch einlädt, lässt diese Erfahrung ungenutzt.
Seltener raus, länger draussen
Das Staatssekretariat für Wirtschaft zählte im August 141 544 registrierte Arbeitslose. 38 683 davon waren zwischen 50 und 64 Jahre alt. Das ergibt eine Quote von 2,7 Prozent, gegenüber 3,3 Prozent bei den 25- bis 49-Jährigen. Auf den ersten Blick sind die Älteren also besser geschützt. Das stimmt, und es hat Gründe: längere Betriebszugehörigkeit, mehr Erfahrung, häufiger feste Rollen.
Der zweite Blick gilt der Dauer. Von den arbeitslosen 50- bis 64-Jährigen waren 10 183 seit über einem Jahr ohne Stelle, 26 Prozent. Bei den 25- bis 49-Jährigen sind es 15 Prozent, bei den Jungen 2 Prozent. Im Median sind Ältere bisher sieben Monate arbeitslos, der Schnitt über alle liegt bei fünf. Vor einem Jahr waren es bei den Älteren noch sechs Monate.
Und der Trend zeigt nach oben. Die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen stieg gegenüber August 2025 um 24,5 Prozent. Die Zahl der Aussteuerungen über alle Altersgruppen stieg 2025 um rund 28 Prozent auf gut 34 000. Nach Alter weist das Seco sie in seinen Monatsberichten nicht aus.
Wo der Knick wirklich liegt
Die gängige Formel lautet «ab 45 wird es schwierig». Die beste Schweizer Studie dazu sieht es anders. Oesch hat 500 Personalverantwortlichen fiktive Lebensläufe vorgelegt, die sich nur im Alter unterschieden. 40- und 45-Jährige hatten keinen Nachteil gegenüber 35-Jährigen. Bei 50-Jährigen sank die Bereitschaft, sie einzuladen, leicht, bei 55-Jährigen deutlich.
Der zweite Teil derselben Studie ist härter: Er betrifft die Betriebsschliessungen, mit denen dieser Text beginnt. Gleicher Betrieb, gleiche Schliessung, sehr verschiedene Folgen, je nach Alter.
Warum? Die naheliegende Vermutung ist der Lohn. Ältere verdienen mehr: Der Medianlohn der über 50-Jährigen lag 2024 bei 7806 Franken, jener der 30- bis 49-Jährigen bei 7288. Dazu kommen höhere Pensionskassenbeiträge. Oesch prüft den Lohn als eine von mehreren möglichen Erklärungen. Dass er der Hauptgrund für Absagen ist, lässt sich mit Schweizer Daten nicht belegen.
Die Lücke zwischen Wollen und Tun
Die Firmen wissen um das Problem. Der Outplacement-Anbieter von Rundstedt befragte im Oktober 2025 über 1500 Personalfachleute und Führungskräfte. 77 Prozent gaben an, Altersdiskriminierung zu beobachten. 68 Prozent befürworteten, gezielt über 55-Jährige einzustellen. Im eigenen Unternehmen prioritär umgesetzt hatten es rund 20 Prozent.
Der Bund hat 2021 eine Brücke für die schwersten Fälle gebaut, die Überbrückungsleistung für Ausgesteuerte ab 60 bis zur Pensionierung. Erwartet waren rund 2000 Beziehende. Ende 2025 waren es nach Angaben des Bundesamts für Sozialversicherungen, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete, rund 900.
Was Erfahrene neu verkaufen müssen
Wer mit 52 eine Stelle sucht, konkurriert mit dem Vorurteil über sein Alter. Daraus folgt eine unbequeme Regel: Erfahrung verkauft sich nicht als Jahreszahl, sondern als Ergebnis. «25 Jahre in der Branche» ist ein Datum. «Den Umsatz eines Bereichs in drei Jahren verdoppelt» oder «ein Werk durch eine Umstellung geführt» sind Beweise.
In manchen Rollen ist genau das gefragt, und das Alter hilft eher: Interimsmandate, Verwaltungsratsmandate, Beratung oder die Führung einer Firma im Übergang zwischen zwei Eigentümern. In Deutschland sind laut einer Marktstudie des Branchenverbands DDIM, wie Fachportale berichten, 81 Prozent der Interim-Manager zwischen 51 und 65 Jahre alt. Diesen Wegen widmen wir in dieser Serie einen eigenen Teil.
Für Arbeitgeber heisst die Lehre: Die günstigste erfahrene Fachkraft ist oft die, die schon da ist. Die zweitgünstigste ist die, die ein anderer Arbeitgeber gerade hat gehen lassen. Wer bei der Rekrutierung automatisch ab 50 aussortiert, verzichtet auf einen Markt, in dem die Konkurrenz um Talente gerade am kleinsten ist.
Serie · Karriere ist Handlungsfreiheit
Teil 6 von 12. Für die Entscheider von heute und morgen untersucht Leitgrad, welche Arbeit in der Schweiz wertvoller wird, wer an Verhandlungsmacht verliert und wie aus Karriere Führung und Eigentum werden. Bisher erschienen: KI und Berufseinstieg · Fachkräftemangel 2026 · Berufseinstieg trotz Fachkräftemangel · Ab welchem Lohn lebt man in Zürich gut? Der Mietvertrag entscheidet mit · Firma kaufen statt gründen.
Methode
Die Grafik stellt zwei Anteile gegenüber, die wir aus den Seco-Zahlen vom August 2026 berechnet haben: 38 683 von 141 544 Arbeitslosen (27 Prozent) und 10 183 von 23 542 Langzeitarbeitslosen (43 Prozent) sind 50 bis 64 Jahre alt. Als langzeitarbeitslos gilt, wer seit über einem Jahr beim RAV als arbeitslos gemeldet ist. Die Dauer ist die bisherige Dauer der aktuell Arbeitslosen, nicht die abgeschlossene Suchdauer. Die Medianlöhne nach Alter stammen aus der Lohnstrukturerhebung 2024 des BFS.
Was im Themenvorschlag anders stand: Die Grenze «ab 45» ist durch die Daten nicht gedeckt; der Knick liegt bei 50 bis 55. Dass Ältere wegen ihres Lohns keine Stelle finden, ist eine Vermutung, kein Befund. Die Zahl der Beziehenden von Überbrückungsleistungen kennen wir nur aus einer Agenturmeldung; die Statistik des BSV konnten wir nicht selbst lesen.
Quellen
- Seco, «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im August 2026», 7. September 2026, Tabellen 1, 6 und 23 seco.admin.ch
- Seco, «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Dezember 2025», 9. Januar 2026 seco.admin.ch
- Daniel Oesch, «Discrimination in the hiring of older jobseekers: Combining a survey experiment with a natural experiment in Switzerland», Research in Social Stratification and Mobility, 2019 people.unil.ch
- von Rundstedt und HR Today, «55plus in der Altersfalle», 23. Oktober 2025 hrtoday.ch
- Keystone-SDA nach Angaben des BSV zu den Überbrückungsleistungen, 26. Mai 2026 nau.ch
- Bundesamt für Statistik, Lohnstrukturerhebung 2024, Monatlicher Bruttolohn nach Lebensalter; DDIM-Marktstudie 2026 (nach Fachportalen) pxweb.bfs.admin.ch · proevolution.pro
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit ab 50 in der Schweiz?
Im August 2026 lag die Arbeitslosenquote der 50- bis 64-Jährigen laut Seco bei 2,7 Prozent, unter dem Schnitt von 3,0 Prozent.
Wie lange bleiben Arbeitslose ab 50 ohne Stelle?
Im Median sieben Monate, über alle Altersgruppen fünf. Mehr als jeder vierte Arbeitslose zwischen 50 und 64 ist seit über einem Jahr ohne Stelle, bei den 25- bis 49-Jährigen jeder siebte.
Wie gross ist der Anteil der Älteren an den Langzeitarbeitslosen?
43 Prozent, obwohl sie nur 27 Prozent aller Arbeitslosen stellen. Die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen stieg innert eines Jahres um ein Viertel.
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