In ChatGPT antwortet bald der Werbekunde
OpenAI lässt Firmen nach dem Anzeigenklick selbst weiterreden. Am Tag darauf landete das Schweizer Modell Apertus in einem werbefreien Assistenten. Der naheliegende Gegensatz trägt nur zur Hälfte.

OpenAI hat am Mittwoch ein Werbeformat angekündigt, bei dem der Nutzer nach dem Klick auf eine Anzeige mit einem Agenten weiterspricht, den das werbende Unternehmen steuert. Am Tag darauf meldeten ETH und EPFL, dass ihr Modell Apertus neu im KI-Assistenten Lumo von Proton wählbar ist, einem Produkt, das mit Werbefreiheit wirbt. Zwei Meldungen, ein Thema: Wer bezahlt die Antwort.
Das Wichtigste in Kürze
OpenAI nennt das neue Format «Sponsored Agents»: Nach einer Anzeige kann der Nutzer ein gekennzeichnetes Extra-Gespräch mit einem firmengesteuerten Agenten starten. Erste Partner sind HubSpot und Shopify, getestet wird zunächst in den USA mit ausgewählten Werbekunden. Werbung ist bei OpenAI real, aber klein: rund 1 Milliarde Dollar annualisiert bei einem angepeilten Gesamtumsatz von über 40 Milliarden. Parallel ist Apertus 1.5, das offene Modell von ETH, EPFL und CSCS unter Apache-2.0-Lizenz, seit dem 17. September in Protons Lumo als Modelloption im Dropdown wählbar, nicht als Standard.
Vierzig Milliarden Umsatz. Eine davon aus Werbung.
OpenAIs Werbegeschäft im Verhältnis zum angepeilten Gesamtumsatz 2026. Beides sind Unternehmensangaben beziehungsweise Berichte darüber, keine geprüften Abschlüsse.

Was «Sponsored Agents» sind
Der Mechanismus steht in OpenAIs eigenem Blogpost vom 16. September. Nach einer relevanten Anzeige kann der Nutzer «ein klar gekennzeichnetes Gespräch mit einem unternehmensgesponserten Agenten» beginnen. Das läuft ausserhalb des normalen Chatverlaufs, der Nutzer kann Rückfragen stellen, am Ende steht die Weiterleitung auf die Website des Unternehmens.
Zwei Einordnungen, die in der Berichterstattung untergehen. Erstens: Das ist kein Leak, sondern eine Ankündigung des Unternehmens selbst. Zweitens: Es ist nicht OpenAIs Einstieg in die Werbung. Das Anzeigengeschäft in ChatGPT läuft seit etwa Mitte Februar 2026. «Sponsored Agents» ist ein neues Format darin, kein neues Geschäftsmodell.
Der Test läuft in den USA mit ausgewählten Werbetreibenden. Ein Startdatum nennt OpenAI nicht. Die Shopify-Integration soll ab dem 23. September international verfügbar werden, in Märkten, in denen ChatGPT Ads bereits läuft. Die Schweiz gehört Stand heute nicht zu den bestätigten Märkten.
Wie gross Werbung bei OpenAI wirklich ist
Ende August berichteten mehrere Medien übereinstimmend: Das Anzeigengeschäft erreichte nach rund 200 Tagen einen annualisierten Umsatz von einer Milliarde Dollar, Ziel für 2026 sind 2,5 Milliarden. Klingt viel. Gemessen am angepeilten Gesamtumsatz von über 40 Milliarden Dollar sind es rund fünf bis sechs Prozent.
Das Geld kommt weiterhin aus Abos und Enterprise-Verträgen. Wer die Meldung als «OpenAI finanziert sich jetzt über Werbung» liest, liest sie falsch. Richtiger: OpenAI baut ein Nebengeschäft aus, das schneller wächst als der Rest, und tut das an der heikelsten Stelle, nämlich im Gespräch selbst.
Zum Kontext: Die Berichte über eine Pre-IPO-Bewertung von 1,2 Billionen Dollar sind seit dem 17. September unverändert Berichte über Sondierungsgespräche. Eine Bestätigung von OpenAI gibt es bis heute nicht.
Apertus in Lumo: was das ist und was nicht
Apertus ist das offene Sprachmodell von ETH Zürich, EPFL und CSCS aus der Swiss AI Initiative, trainiert auf dem Supercomputer Alps in Lugano, lizenziert unter Apache 2.0. Es gibt die Varianten mit 8 und 70 Milliarden Parametern, trainiert auf 15 Billionen Token, mit über tausend nativ unterstützten Sprachen, darunter Schweizerdeutsch und Rätoromanisch, die kein grosses US-Modell nativ abdeckt. Version 1.5 vom Juli bringt multimodalen Input, Reasoning und längeren Kontext.
Seit dem 17. September lässt sich Apertus 1.5 in Protons Lumo auswählen. Wichtig: auswählen, nicht: ist voreingestellt. Proton schreibt es selbst so: «select Apertus 1.5 from the model dropdown». Erreichbar ist es damit für, in der Formulierung der ETH, «dutzende Millionen» Lumo-Nutzende. Wie viele davon das Dropdown je öffnen, sagt niemand.
Lumo ist abofinanziert und wirbt ausdrücklich mit einem werbefreien Geschäftsmodell. Proton sitzt in Genf; für Lumo selbst wirbt die Produktseite allerdings mit «in Europa gebaut», nicht mit Schweizer Serverstandort.
Warum der einfache Gegensatz nicht trägt
«OpenAI verdient an Werbung, die Schweizer Alternative am Abo»: Das ist die Erzählung, die sich anbietet, und sie ist zu kurz. Apertus ist ein öffentlich finanziertes Forschungsmodell, das unter Apache 2.0 für jeden frei nutzbar ist, auch für Konkurrenten. Es fliesst kein Abogeld von Proton in seine Entwicklung, und Proton besitzt es nicht. Verglichen werden hier zwei verschiedene Ebenen: die Finanzierung eines Basismodells und die Finanzierung eines Endprodukts.
Was trägt, ist die schmalere Aussage. In ChatGPT wird die Antwort zu einem Ort, an dem ein zahlender Dritter mitspricht, gekennzeichnet, aber mitsprechend. Bei Lumo ist der zahlende Dritte der Nutzer selbst. Für Schweizer Firmen, die KI in Kundenprozesse einbauen, ist das die Frage, die im Beschaffungsprozess auftauchen sollte: Wer hat ein wirtschaftliches Interesse an dem, was das Modell empfiehlt, und ist dieses Interesse im Antworttext erkennbar? Die Antwort auf Frage eins ändert sich gerade. Auf Frage zwei sagt OpenAI: gekennzeichnet. Nachprüfen lässt sich das von der Schweiz aus noch nicht.
Methode
Die Grafik setzt zwei Unternehmensangaben unterschiedlicher Art ins Verhältnis: einen annualisierten Werbeumsatz (Stand Ende August 2026, aus übereinstimmender Berichterstattung) und einen angepeilten Gesamtumsatz für 2026. Beides sind keine testierten Abschlüsse; OpenAI ist nicht börsenkotiert und veröffentlicht keine geprüften Zahlen. Die abgeleiteten fünf bis sechs Prozent sind entsprechend eine Grössenordnung, keine Bilanzkennzahl. Die 1,2 Billionen Dollar Bewertung sind Berichte über Sondierungsgespräche, von OpenAI nie bestätigt; wir führen sie nur als Kontext. Ein Startdatum für «Sponsored Agents» nennt OpenAI nicht, ebenso wenig, ob Gratis- oder Bezahlnutzer betroffen sind. Für Lumo liess sich kein Schweizer Serverstandort belegen, nur «Europa»; der Preis von Lumo AI Plus ist auf der Produktseite nicht fix beziffert. Bei den Parameterzahlen von Apertus 1.5 gibt es leicht abweichende Angaben (8/70 gegenüber 9/72 Milliarden auf einer Übersichtsseite); wir nennen die Werte der Modellkarte. Auf die verbreitete Gegenüberstellung «staatlich finanziertes Modell gegen werbefinanziertes Modell» verzichten wir bewusst. Sie vergleicht Basismodell und Endprodukt.
Quellen
- OpenAI, «Reimagining advertising with AI», 16. September 2026 openai.com
- OpenAI, «Rapidly scaling online storage to serve over 1 billion ChatGPT users», 11. September 2026 openai.com
- Search Engine Roundtable zum Format «Sponsored Agents», 16. September 2026 seroundtable.com
- Berichte von Reuters, CNBC, Forbes und Yahoo Finance zum ChatGPT-Werbegeschäft, 31. August 2026 forbes.com · finance.yahoo.com · reuters.com
- ETH Zürich, «Apertus arbeitet neu mit dem KI-Assistenten Lumo von Proton zusammen», 17. September 2026; EPFL, «Apertus partners with Proton’s Lumo AI assistant», 17. September 2026 ethz.ch · actu.epfl.ch
- Proton, «Lumo x Apertus», 17. September 2026, und Produktseite proton.me/lumo proton.me · proton.me
- Modellkarte swiss-ai/Apertus-70B-Instruct auf Hugging Face; CSCS zu Apertus und Alps huggingface.co · cscs.ch
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