Kalifornien baut die Chatbots. Zürich baut die Körper
Vierbeiner, Roboterhände, fahrerlose Bagger und die Steuerung für Humanoide: Aus drei ETH-Labors ist ein Robotik-Cluster gewachsen, in den Nvidia, Qualcomm, SoftBank und Amazon investieren. Wer das Geld bringt, und wem die Firmen am Ende gehören.

In Kalifornien entstehen die Sprachmodelle, über die alle reden. In Zürich entstehen die Maschinen, die sich in der Welt bewegen: Vierbeiner, die durch Raffinerien laufen, und Hände, die an Industrieroboter geschraubt werden. Dazu kommen Bagger, die ohne Fahrer graben, und die Software, die einem Humanoiden sagt, wie er das Gleichgewicht hält.
Das Geld dafür kommt von Nvidia, Qualcomm, SoftBank und Amazon. Die Leute kommen fast alle aus drei Labors der ETH. Zwei Konzerne haben in Zürich bereits eingekauft: Amazon übernahm RIVR, ABB übernahm Sevensense.
Das Wichtigste in Kürze
Die Standortförderung Greater Zurich Area zählt im Juni 2026 64 Robotik- und Autonomiefirmen im Grossraum Zürich. 68 Prozent der Gründerinnen und Gründer haben an der ETH studiert. Flexion sammelte im November 2025 50 Millionen Dollar, unter anderem von Nvidias Beteiligungsarm. Für Roboterhände holte mimic 16 Millionen Dollar, ANYbotics bekam 60 Millionen Dollar mit Qualcomm Ventures an der Spitze. Voliro baute seine Runde für Inspektionsdrohnen auf 23 Millionen Dollar aus. Gekauft oder finanziert wird aus Seattle, Tokio, Seoul und Kalifornien.
Beine, Hände, Hirn. Alles aus Zürich.
Ein Roboter, zusammengesetzt aus Zürcher Firmen, mit ihrer jeweils letzten belegten Finanzierung oder ihrem Käufer.
Nachtrag vom 7. Oktober 2026: 217 Firmen, rund 7000 Stellen
Eine neue Branchenanalyse zählt 217 Firmen im Schweizer Robotik-Ökosystem, davon 109 Kernfirmen mit rund 7000 Stellen. 50 davon wurden seit 2020 gegründet, also fast die Hälfte. 61 sind Spin-offs von Hochschulen, 31 aus der ETH Zürich und 16 aus der EPFL. Mit 3,8 risikokapitalfinanzierten Robotik-Startups pro Million Einwohner liegt die Schweiz vor den USA, Grossbritannien und Deutschland, berichtet Startupticker. Die Scale-ups stellen rund 2000 der Stellen.

Die Grafik setzt einen Roboter zusammen, den es so nicht gibt. Jedes Teil stammt von einer anderen Zürcher Firma, und neben jedem steht, wer zuletzt bezahlt oder gekauft hat. Das Hirn trägt Nvidias Namen, die Beine jenen von Qualcomm, die Schaufel jenen von SoftBank.
Überraschend ist, dass der Roboter vollständig wird. Von der Steuerung bis zur Schaufel lässt sich jedes Bauteil mit einer Firma aus Zürich besetzen. Die grossen Käufer und Geldgeber sitzen dagegen meist anderswo.
Für einen Schweizer Industriebetrieb liegt diese Technik vor der Haustür. Holcim gehört bereits zu den Kunden von Voliro. Wer Anlagen inspizieren oder Handgriffe automatisieren will, findet die Anbieter in Zürich, und ihre Geldgeber zeigen, wie viel die grossen Konzerne ihnen zutrauen.
Wer das Geld bringt
Die Liste der Geldgeber liest sich wie ein Verzeichnis der Konzerne, die mit Maschinen Geld verdienen wollen. Nvidia ist über seinen Beteiligungsarm NVentures bei Flexion dabei. Qualcomm Ventures führte im Dezember 2024 die Runde von ANYbotics über 60 Millionen Dollar an. SoftBank investierte im August 2026 allein 200 Millionen Dollar in Gravis Robotics. Amazon übernahm im März 2026 RIVR, den Hersteller von Lieferrobotern, die Treppen steigen. ABB kaufte im Januar 2024 Sevensense, dessen Kameratechnik mobile Roboter orientiert. Im Oktober 2025 vereinbarte ABB zudem, seine Robotiksparte für 5,375 Milliarden Dollar an SoftBank zu verkaufen. Hyundai finanziert das RAI Institute, das im September 2025 einen Standort in Zürich eröffnet hat, geleitet von ETH-Professor Marco Hutter.
Nach einer Zusammenfassung des Swiss Deep Tech Report 2026 gibt es in der Schweiz über 45 mit Risikokapital finanzierte Robotikfirmen. Seit 2020 haben sie zusammen 1,1 Milliarden Dollar aufgenommen. Pro Kopf wären das fünfmal so viele Robotikfirmen wie in Grossbritannien. Die Gravis-Runde ist darin noch nicht enthalten.
Drei Labors, ein Korridor
Fast alles lässt sich auf drei Forschungsgruppen der ETH zurückführen. Aus dem Robotic Systems Lab von Marco Hutter kommen ANYbotics, Gravis, RIVR und Bota Systems, ausserdem ist Hutter Mitgründer von Flexion. Aus dem Autonomous Systems Lab von Roland Siegwart kommen Voliro und Sevensense; Siegwart hat auch ANYbotics mitgegründet. Aus dem Soft Robotics Lab von Robert Katzschmann kommt mimic, nach seinen Angaben die erste Ausgründung dieses Labors. Die Studie der Greater Zurich Area nennt das Robotic Systems Lab die Hauptfabrik für Robotik-Start-ups der Region.
Vier Firmen, vier Wetten
Flexion baut das Hirn des Roboters: eine Software in drei Schichten, von der Sprachanweisung bis zur Bewegung jedes Gelenks. Trainiert wird sie in der Simulation. Die Gründer Nikita Rudin und David Höller arbeiteten vorher bei Nvidia. Im November 2025 kamen 50 Millionen Dollar von DST Global Partners, NVentures, Redalpine, Prosus Ventures und Moonfire.
Roboterhände sind das Feld von mimic. Sie werden an gewöhnliche Industriearme montiert und lernen Handgriffe von Menschen: Arbeiterinnen und Arbeiter tragen dafür Geräte, die ihre Bewegungen aufzeichnen. Im November 2025 schloss mimic eine überzeichnete Seed-Runde über 16 Millionen Dollar ab, unter Führung von Elaia und Speedinvest. Die Firma hatte damals 25 Mitarbeitende.
ANYbotics ist die älteste der vier. Ihr Vierbeiner ANYmal inspiziert Anlagen in Raffinerien und Kraftwerken, zu den Kunden zählen BP, Equinor und Petrobras. Nach der Runde vom Dezember 2024 kamen 2025 rund 20 Millionen Dollar dazu, insgesamt nach eigenen Angaben über 150 Millionen.
Die Drohnen von Voliro fotografieren nicht bloss. Sie berühren Wände und messen deren Dicke, an Fackeltürmen, Tanks und Rotorblättern. Die Firma nennt über 40 Kunden in 17 Ländern, darunter Chevron und Holcim. Im Juni 2025 hat sie ihre Serie-A-Finanzierung auf 23 Millionen Dollar ausgebaut.
Was dagegen spricht
Zwei Dinge. Erstens bleiben die grossen Erträge oft nicht hier. RIVR gehört Amazon, Sevensense gehört ABB, und die Robotiksparte von ABB soll an SoftBank gehen. Die Forschung bleibt in Zürich, das Eigentum wandert. Zweitens ist nicht sicher, dass das Geld weiter so fliesst. Robert MacKenzie vom Investor Ellipsis Venture sagte im September gegenüber Swissinfo, die Investitionen könnten 2027 stagnieren. Sie könnten sich auch auf den praktischen Einsatz verlagern oder sogar zurückgehen.
Für den Moment gilt trotzdem: Wer Maschinen bauen will, die sich in der echten Welt bewegen, schaut nach Zürich. Diese Stellung kann sich kein Standortmarketing kaufen. Sie ist über zwanzig Jahre in drei Labors gewachsen.
Methode
Die Grafik ist eine symbolische Zusammensetzung. Kein Unternehmen baut einen solchen Roboter; jedes Teil steht für die Technik einer Firma. Genannt ist jeweils die letzte belegte Finanzierungsrunde oder der Käufer. Beträge in Dollar, wie von den Firmen publiziert. Die Zahlen des Swiss Deep Tech Report 2026 stammen aus der Zusammenfassung der Swiss Robotics Association und von Swissinfo; den Bericht selbst haben wir nicht eingesehen.
Was im Themenvorschlag anders stand: Gravis, RIVR und das Robotic Systems Lab haben wir bereits am 21. September ausführlich behandelt; hier stehen sie nur zur Einordnung. Die Bewertung von Gravis mit einer Milliarde Dollar stützt sich laut ETH auf das US-Magazin «Inc.». Ob Flexion als offizielles ETH-Spin-off anerkannt ist, liess sich nicht belegen; die Firma nennt ETH-Absolventen und Hutter als Mitgründer. Beim Verkauf der ABB-Robotiksparte an SoftBank ist die Unterzeichnung vom Oktober 2025 belegt, der Abschluss noch nicht. Bei mimic nennen die Quellen unterschiedliche Chefs; wir führen deshalb nur das Gründerteam.
Quellen
- Greater Zurich Area, Studie zu Robotik- und Autonomiefirmen, 11. Juni 2026 greaterzuricharea.com
- Swiss Robotics Association zum Swiss Deep Tech Report 2026 swiss-robotics.org
- ETH Zürich zu Gründungen und Finanzierungen 2025 ethz.ch
- Flexion, Serie A über 50 Millionen Dollar, und Gründerteam flexion.ai · flexion.ai
- mimic, Seed-Runde über 16 Millionen Dollar; ETH AI Center zur Herkunft startupticker.ch · ai.ethz.ch
- ANYbotics, Runde vom Dezember 2024 und zusätzliche Mittel 2025; Firmenporträt anybotics.com · startupticker.ch · anybotics.com
- Voliro, Ausbau der Serie A und Kunden voliro.com
- ABB zur Übernahme von Sevensense, 11. Januar 2024 abb.com
- Swissinfo zum Schweizer Robotik-Boom mit der Einschätzung von Robert MacKenzie, 11. September 2026
Früher zum Thema: Das Labor, aus dem Amazon einkauft · China baut Humanoide in Serie. Zürich baut ihre Hände. · Araris: 400 Millionen Dollar ohne Medikament in der Klinik
Mehr zu diesen Themen
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren
Teilen
Weiterlesen
Das Morgen-Briefing
Sie lesen Leitgrad öfter? Bei Google als bevorzugte Quelle markieren



