Familiennachfolge: Woran es wirklich scheitert, wenn die Kinder nicht übernehmen

Der Bruch kam vor 2009. Seither bleibt die Familienlösung bei vier von zehn Übergaben. Heute scheitert sie eher am Können und Dürfen als am Wollen.

Anteil der familieninternen Nachfolge, in Prozent: 2005, rund 60 %, 2009 39 %, 2016 41 %, 2025 38,6 %. Quelle: Universität St. Gallen, Nachfolge-Studienreihe

Die Geschichte erzählt sich leicht. Die Kinder studieren in Zürich oder London und arbeiten danach bei einer Bank oder einem Tech-Konzern. Die Schreinerei im Toggenburg oder die Maschinenfabrik im Aargau wollen sie nicht übernehmen, also muss verkauft werden.

Vor zwanzig Jahren stimmte diese Geschichte, das zeigen die Daten der St. Galler Nachfolgeforschung. Heute scheitert die Familienlösung meist an etwas anderem als am fehlenden Willen der Kinder.

Das Wichtigste in Kürze

Der grosse Rückgang der Familiennachfolge liegt in der Vergangenheit. 2005 strebten laut der Studienreihe der Universität St. Gallen noch rund 60 Prozent der Übergeber eine familieninterne Lösung an, 2009 waren es 39 Prozent. Seither bewegt sich der Wert kaum: 41 Prozent im Jahr 2016, 38,6 Prozent in der Befragung von 2025. «Immer mehr» Kinder, die nicht wollen, lässt sich für die letzten fünfzehn Jahre nicht belegen. Die aktuelle Studie nennt drei Gründe, warum Familiennachfolgen scheitern: «nicht können» (33 Prozent), «nicht wollen» (25 Prozent) und «nicht dürfen» (23 Prozent). Fehlendes Interesse ist also nicht der Hauptgrund. Häufiger fehlen Fähigkeiten und Mittel, oder Geschwister, Pflichtteile und Familienregeln stehen im Weg.

Der Bruch kam vor 2009. Seither übernimmt in vier von zehn Fällen die Familie.

Anteil der Übergaben, die innerhalb der Familie geplant oder angestrebt werden, in der Nachfolge-Studienreihe der Universität St. Gallen, seit 2009 nahezu unverändert.

Vier Balken: Anteil familieninterner Nachfolge rund 60 Prozent 2005, 39 Prozent 2009, 41 Prozent 2016, 38,6 Prozent 2025
Anteil der Übergaben, die innerhalb der Familie geplant oder angestrebt werden, in der Nachfolge-Studienreihe der Universität St. Gallen.

Die Grafik zeigt einen einzigen Bruch, und der liegt lange zurück. Zwischen 2005 und 2009 fiel der Anteil der geplanten Familienlösungen von rund 60 auf 39 Prozent. Seither pendelt er um vier von zehn Übergaben, zuletzt waren es 38,6 Prozent.

Überraschend ist, wie wenig sich in den fünfzehn Jahren danach bewegt hat. Die Erzählung von immer mehr Kindern, die nicht wollen, findet in diesen Zahlen keinen Halt. Wo die Familienlösung heute scheitert, fehlen häufiger Fähigkeiten und Mittel, oder die Familie selbst blockiert die Übernahme.

Für einen Inhaber mit Kindern heisst das: Die Frage, ob der Sohn oder die Tochter will, reicht nicht. Ebenso wichtig ist, ob das Kind die Firma führen und finanzieren kann und ob Geschwister, Pflichtteile und Familienregeln es zulassen.

Was die Zahlen über zwanzig Jahre zeigen

Seit bald zwanzig Jahren befragt die Universität St. Gallen Schweizer KMU-Inhaber zu ihrer Nachfolge. Partner war zuerst die Credit Suisse, heute ist es die UBS. 2009 notierte die Studie einen Umbruch. Hatten 2005 noch rund 60 Prozent eine Familienlösung angestrebt, waren es nun 39 Prozent, und 50 Prozent zogen ausdrücklich eine Lösung ausserhalb der Familie vor. Frank Halter, damals Mitautor, sprach von einem «Paradigmenwechsel».

Seither ist der Wert erstaunlich stabil, 2016 planten 41 Prozent eine Übergabe an Familienmitglieder. Von den tatsächlich vollzogenen Übernahmen der vorangegangenen rund zwanzig Jahre waren 46 Prozent familienintern. In der jüngsten Befragung vom September 2025 sind es 38,6 Prozent der geplanten Eigentumsübergaben. Weil sich Stichproben und Fragen über die Jahre unterscheiden, zeigt der Vergleich nur eine Richtung. Sie lautet: seitwärts.

Verändert hat sich dagegen der Hintergrund. Der Anteil der befragten KMU, die sich als Familienunternehmen verstehen, sank von 81 Prozent 2013 auf 67 Prozent 2026. 78 Prozent der heutigen Inhaber haben ihr Unternehmen selbst gegründet. Für viele stellt sich die Frage nach einer Familiennachfolge deshalb zum ersten Mal.

Nicht können, nicht wollen, nicht dürfen

Warum Familiennachfolgen nicht zustande kommen, untersucht die dritte Kurzstudie der aktuellen Reihe. Verfasst haben sie Thomas Zellweger von der Universität St. Gallen und Pascal Zumbühl von der UBS. Am häufigsten fehlen Fähigkeiten oder Ressourcen, dieses «Nicht können» kommt auf 33 Prozent. Fehlendes Interesse folgt mit 25 Prozent, knapp dahinter liegt mit 23 Prozent das «Nicht dürfen»: Familienregeln oder Strukturen, die eine Übernahme verhindern.

Zusätzlich haben die Autoren 52 mögliche Nachfolgerinnen und Nachfolger befragt, im Schnitt 27 Jahre alt. Die Gruppe ist klein, die Werte zeigen eine Tendenz, aber eine deutliche. 71 Prozent erwarten, das Unternehmen ganz oder teilweise geschenkt oder im Erbe begünstigt zu bekommen. Die Hälfte sieht Erben mit Pflichtteil als Risiko, 63 Prozent rechnen damit, dass die Geschwister zustimmen müssen. Auch die Eltern erwarten viel: 94 Prozent der Inhaber wünschen sich, dass der Nachfolger zuerst ausserhalb der Firma Erfahrung sammelt.

Am stärksten fällt der Unterschied zwischen den Geschlechtern auf. Nur 12 Prozent der befragten Frauen waren sicher, das Familienunternehmen zu übernehmen, bei den Männern waren es 24 Prozent. Fehlende finanzielle Mittel nannten 82 Prozent der Frauen als Hürde, aber nur 38 Prozent der Männer.

Das Erbrecht als Stolperstein

Das Erbrecht wurde 2023 gelockert. Seit dem 1. Januar 2023 beträgt der Pflichtteil der Nachkommen nur noch die Hälfte des gesetzlichen Erbanspruchs statt drei Viertel. Wer ein Unternehmen einem Kind übergeben will, hat damit mehr Spielraum gegenüber den anderen Erben.

Eine zweite Vorlage sollte gezielt die Unternehmensnachfolge erleichtern. Sie ist gescheitert: Der Ständerat trat im März 2024 zum zweiten Mal nicht darauf ein. Der Bundesrat hatte geschätzt, dass rund 3400 Unternehmen wegen erbrechtlicher Regeln potenziell von Finanzierungsproblemen betroffen sind. Kommissionssprecher Daniel Fässler begründete den Verzicht so: «Wir müssen zuerst schauen, wie sich diese Revision auswirkt.» Die Nachfolger müssen das Problem also weiterhin selbst lösen, mit Verträgen, Darlehen und Einigungen unter Geschwistern.

Eigentum in der Familie, Führung von aussen

Zwischen «die Kinder übernehmen» und «wir verkaufen» liegt ein dritter Weg, den mehr Familien gehen. Kuhn Rikon, der Kochgeschirrhersteller aus dem Tösstal, gehört der Familie und wird von aussen geführt. Dorothee Auwärter aus der vierten Generation präsidiert den Verwaltungsrat. Die operative Führung habe sie nie angestrebt, sagte sie 2023 in einem Interview: «Als Juristin sehe ich mich sehr geeignet für den Verwaltungsrat, aber vielleicht etwas weniger fürs Management.» Die fünfte Generation, damals alle noch in der Schule, soll «die gleichen Freiheiten geniessen».

Thomas Zellweger formuliert die neue Normalität nüchtern: «Der Einstieg ins Familienunternehmen stellt nur eine von mehreren Karriereoptionen dar.» Wer als Übergeber auf ein Kind hofft, sollte deshalb früh klären, ob es die Firma führen kann und ob die Familie es lässt. Der Wille allein trägt keine Übernahme.

Für Führungskräfte ohne eigene Unternehmerfamilie öffnet sich genau hier eine Tür, die es vor zwanzig Jahren kaum gab. Sie können eine Familienfirma als externe Geschäftsführerin leiten oder sie als Käufer übernehmen.

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Methode

Die Grafik zeigt den Anteil familieninterner Lösungen in der Studienreihe des Center for Family Business der Universität St. Gallen: 2005 rund 60 Prozent (rückblickende Angabe in der Studie 2009), 2009 39 Prozent (angestrebt oder realisiert), 2016 41 Prozent (geplant), 2025 38,6 Prozent (geplant, Befragung September 2025, publiziert Februar 2026). Stichproben, Fragen und Kategorien unterscheiden sich; die Reihe zeigt eine Richtung, keine exakte Zeitreihe. Die Befragung der 52 möglichen Nachfolger ist klein. Worauf sich die drei Prozentwerte der Scheiterungsgründe genau beziehen, geht aus der Studie nicht eindeutig hervor.

Was im Themenvorschlag anders stand: «Immer mehr Kinder wollen nicht» lässt sich für die Zeit seit 2009 nicht belegen. Eine geplante Erbrechtsrevision zur Unternehmensnachfolge gibt es nicht mehr; der Ständerat hat sie 2024 beerdigt. Ein frei zugängliches Schweizer Beispiel einer Firma, die verkauft wurde, weil die Kinder nicht wollten, haben wir nicht gefunden.

Quellen

  1. Credit Suisse und Universität St. Gallen, «Die Trends in der Nachfolgelandschaft Schweiz», Bulletin plus, April/Mai 2009 kmu-hsg.ch
  2. Credit Suisse und CFB-HSG, «Herausforderung Generationenwechsel», Juni 2016 cfb.unisg.ch
  3. UBS und CFB-HSG, Nachfolgestudie 2026, Kurzstudien 1 bis 4, Januar bis April 2026 cfb.unisg.ch · cfb.unisg.ch · cfb.unisg.ch
  4. Parlamentsdienste/SDA, «Neue Regeln für das Vererben von KMU-Betrieben sind vom Tisch», 12. März 2024; Bundesrat zum revidierten Erbrecht, 19. Mai 2021 parlament.ch · admin.ch
  5. CH Media, Interview mit Dorothee Auwärter, 24. September 2023 watson.ch
  6. Universität St. Gallen, «Nachfolge: Generationenwechsel in Schweizer Familienunternehmen», 28. Mai 2026 unisg.ch

Häufige Fragen

Wie viele Firmen bleiben in der Familie?

In der Befragung von 2025 strebten 38,6 Prozent der Übergeber eine familieninterne Lösung an. 2005 waren es noch rund 60 Prozent, seit 2009 bewegt sich der Wert kaum.

Woran scheitern Familiennachfolgen?

Laut der Studienreihe der Universität St. Gallen an «nicht können» (33 Prozent), «nicht wollen» (25 Prozent) und «nicht dürfen» (23 Prozent). Fehlendes Interesse ist also nicht der Hauptgrund.

Wollen immer weniger Kinder die Firma übernehmen?

Für die letzten fünfzehn Jahre lässt sich das nicht belegen. Der grosse Rückgang fand zwischen 2005 und 2009 statt.

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